Die hohe Kunst des «Long Takes»

Ein Film ohne Schnitt, mit einer Kamera gefilmt? Das geht! Der sogenannte «Long Take» ist eine Herausforderung für jeden Regisseur. Manchmal schummeln sie aber auch ein bisschen.

«Kamera läuft!» - «Action» - «Cut!»

So tönt's normalerweise an einem Filmset. Szenen, die man auf einen Chlapf und ohne Schnitt aufnimmt, nennt man «Long Take». Je länger ein solcher Take ist, desto mehr Planung steckt dahinter - Abläufe müssen sitzen, Gegenstände am richtigen Ort sein.

Herausforderung Long Take

Das ist schon bei kurzen Takes eine Herausforderung. Sogenannte «Long Takes» sind mehrere Minuten lang und werden oft mit einer tragbaren, stabilen Kamera aufgenommen. Weil Long Takes so aufwändig sind, sieht man sie selten in Filmen. Doch sie haben eine ganze spezielle Wirkung. Vor allem, wenn ein ganzer Film (!) aussieht wie ein Long Take!

Bei Alejandro González Iñárritus neuem Film «Birdman» sieht man 90 Minuten lang keinen einzigen Schnitt. Ist der Film ein einziger Long Take oder stecken da ausgeklügelte Filmtricks dahinter? Tja, bei «Birdman» wurde ganz schlau getrickst und die Schnitte so gut versteckt, dass sie keiner bemerkt. Zum Beispiel bei kürzeren, horizontalen Kamerabewegungen. Das ist so geschickt gemacht, dass es nach Oscars riecht: Alejandro González Iñárritu ist für die beste Regie nominiert und Emmanuel Lubezki für die beste Kamera.

Übrigens: Kinostart von «Birdman (Or the unexpected Virtue of Ignorance)» ist am 29. Januar 2015.

Jetzt aber fertig mit dem Getrickse. Es gibt sie. Filme, die wirklich echt nur in einem Long Take aufgenommen wurden. Der deutsch-russische Film «Russian Ark» von Alexander Sokurow ist in einer Einstellung gedreht worden. Der Film spielt im Kunstmuseum Eremitage in St. Petersburg. Dessen Besitzer weigerten sich, das Museum extra für den Filmdreh zu schliessen. Nur für zwei Tage liessen sie sich überreden. Der Auf- und Abbau der Kulissen war allein so aufwändig, dass für den Dreh nur noch zwei Stunden übrigblieben! Nach drei verpatzten Starts musste der Vierte fehlerfrei in den Kasten werden - und voilà, das Ergebnis gibt's oben als Stream.

Alfonso Cuarón ist der Meister der Long Takes. In seinem letzten Film «Gravity» ist die Eröffnungssequenz ganze 17 Minuten lang. Auch in Cuaróns Science Fiction Thriller «Children of Men» arbeitet er mit Long Takes. Insgesamt 16 Shots sind jeweils länger als 45 Sekunden. Im obigen Zusammenschnitt wird besonders deutlich, was die Long Takes mit uns machen: Sie lassen uns ganz ganz tief ins Sofa versinken vor Spannung! Die Erklärung dafür ist einfach. Der durchgezogene Take hat etwas Dauerhaftes. Im Gegensatz dazu steht der Schnitt - dieser erzeugt immer einen Bruch. Und fertig Spannung.

4. Hard Boiled

Mehrere Minuten am Stück zu filmen, wenn kaum was passiert, ist keine grosse Sache. Eine Actionszene in einem Rutsch zu filmen ist schon schwieriger. John Woo hat es geschafft: In «Hard Boiled» findet sich die wohl beste Actionszene als Long Take. In 2.42 Minuten filmt eine einzige Handkamera den Kampf durch mehrere Korridore und Räume, zwei Stockwerke und sogar eine Liftfahrt! Da ist man vom Gucken allein ausser Atem!

5. True Detective

Long Takes gibt's auch im Fernsehen. Der gefeiertste TV-Longtake gibts am Ende der vierten Episode von «True Detective» und ist sechs Minuten lang. Für Regisseur Cary Fukunaga stellte sich die Frage, wie er beim Zuschauer bestmöglich Angst und Spannung erzeugt. Die Herausforderung, einen Long Take zu filmen, packte ihn. Alles musste wie ein riesiges Theaterstück inszeniert werden - der Stuntman musste im exakt richtigen Augenblick losspringen, Visagisten schminkten die Schauspieler in verborgenen Nischen, damit sie von der Kamera nicht erfasst wurden. Verthebts? Überzeug dich selbst! Hier gibt's übrigens ein Interview mit Fukunaga über die Entstehung der Szene.