In Jamaika gilt Oralsex als verpönt

Die jamaikanische Dancehall-Künstlerin Ishawna äussert in ihrem «Shape Of You»-Remix ihre sexuellen Fantasien und verlangt Oralsex. Für die männlich dominierte Szene zu viel, sie dreht komplett durch und kontert mit Disstracks. Warum?

Dancehallkünstlerin Ishawna

Bildlegende: Ishawna Die Dancehallkünstlerin aus Jamaika offenbart ihre sexuellen Wünsche. Facebook

Die jamaikanische Dancehall- und RnB-Künstlerin Ishawna ist in Kingston und Brooklyn aufgewachsen. In Jamaika ist sie eine der wenigen weiblichen Dancehall-Künstlerinnen die sich in der Männerdomäne durchsetzen konnte. Wenige Jahre später folgte dann der kommerzielle Durchbruch. Vor rund drei Wochen hat Ishawna aber die eigentlich relaxt anmutenden Gemüter vieler männlicher Künstler des Genres erhitzt.

«  Me waan feel how your head feel between me thighs
Me waan look inna your dreamy eyes
When you a chew 'pon me pum pum like french fries »

Ishawna
Dancehall-Künstlerin

Ein Schrei nach sexueller Selbsterfüllung

In ihrem «Shape Of You»-Remix offenbart Ishawna ihre sexuelle Fantasien und Wünsche. Sie verlangt sexuelle «Equal Rights». Konkret geht es um Oralsex – in Jamaika ein äusserst heikles Thema.

Jahrzentelang galt Oralsex als Tabu – erst in den letzten Jahren getrauen sich junge männliche Dancehall-Künstler öffentlich dazu zu stehen, dass sie sich gerne auch mal mit dem Mund verwöhnen lassen. Jetzt tut es mit Ishwana eine Frau und trifft offenbar einen wunden Punkt bei ihren männlichen Mitspielern. Anders lassen sich die diversen Disstracks (z.B. von Deepjahi, Kiprich oder Blak Ryno ) als Antwort auf ihren zwar provokativen, aber überaus nachvollziehbaren Songtext kaum erklären. Oder doch?

Wir suchen nach Erklärungen

Oralsex gilt in Jamaika und der dortigen Reggae- und Dancehallszene als verpönt, da dreckig und unmoralisch. Analsex ist gar gesetzlich verboten und wird mit Gefängnis bestraft. In Jamaika werden viele Werte, die für uns in der Schweiz längst nicht mehr zeitgemäss erscheinen, nach wie vor gelebt und vertreten.

«Ihren Ursprung haben diese Werte in der Kolonialzeit, als die Engländer unter Berufung auf die Bibel gewisse sexuelle Praktiken oder Lebensformen als Dinge des Teufels abgetan haben», weiss Lukie Wyniger, Macher des Reggae Specials auf SRF 3. Dass diese längst überholten Regeln nach wie vor so präsent sind, zeigt mehr als deutlich auf, dass grosse Teile der jamaikanischen Bevölkerung keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang zu Bildung haben und die Aufklärung deshalb ziemlich weit hinterher hinkt.

Slackness: Explicit Content

Wer jetzt aber denkt, dass da ein ganzes Land oder eine komplette musikalische Subkultur in völliger Prüderie lebt, liegt daneben.

Ishawna

Bildlegende: Ishawna Jamaikanische Dancehallkünstlerin FB

Denn Songs, in denen sehr explizit von Sex die Rede ist, haben im Reggae und im Dancehall eine lange Tradition. Das Ganze nennt sich «Slackness». Dazu wird spektakulär und lasziv getanzt, getwerkt und gedaggert (WTF?!).

Allein diese exzessive Form von öffentlich ausgelebter Sexsimulation lässt erahnen, dass die konservativen Werte – zumindest in jüngeren Genrationen – gehörig wackeln.

«  Die vordergründig gelebte Abneigung bezüglich Oralsex dürfte hinter verschlossenen Türen in vielen Fällen kaum mehr ein so grosses Thema sein. »

Lukie Wyniger
Reggae Special, SRF 3

Machos müssen kompensieren

Songtexte von «Slackness»-Tracks sollten nicht wörtlich übersetzt und für voll genommen werden. Viele der Äusserungen seien nicht ernst gemeinte, inhaltsbefreite Floskeln, die zu dieser Art von Musik halt dazugehören, so Lukie Wyniger.

Vielmehr dürfte es, beispielsweise bei der Disstrack-Replik von Kiprich, um die Wahrung von Männlichkeit gehen. Positive Äusserungen zu diesen Praktiken oder zu starken, gleichgestellten Frauen würden das Image des starken Kerls wohl übel ankratzen. «Dass er es nötig hat, sich so despektierlich über den Track von Ishawna und dessen Inhalt zu äussern, beweist eher, dass er selbst gar kein so tougher Kerl ist und deshalb zu solchen Mitteln greift, um den Schein zu wahren. Und natürlich versuchen jetzt alle auf den Promozug aufzuspringen», vermutet Lukie Wyniger.

Dass gewisse Männer aus der Reggae- und Dancehall-Szene aber tatsächlich ein Problem mit Oralsex haben, beweist wohl, dass sich der Freund von Ishawna von ihr getrennt hat, weil diese solchen gefordert haben soll. Ob der Song oder die doch sehr deutlichen Songzeilen «I just got started, Wha' you think one round can do? […] If you no have it inna waist, You better have it inna face» ihm gelten, wissen wir aber nicht.