Zum Inhalt springen

Bandporträt Wassilys synthetische Melodieflut ersetzt jede Stimme

Endlich da: «Liebesding», das Debütalbum von Wassily, bürgerlich Basil Kehl, Kopfstimme der Sankt Galler Indie-Pop Band «Dachs» und Schreiberling der Geisterspaltenden Postauto-Hook. Es ist dreamy, und beamt dich in Basils Welt, wo die Musik an guten Tagen schön und an schlechten zu Bangern wird.

Ich kenne Basil Kehl als den schrulligen, bedächtig sprechenden und introvertierten Bandleader von Dachs. Dort singt Basil, in apart hoher, feiner Stimme schweizerdeutsche Texte , Link öffnet in einem neuen Fensterüber «Büzle vor de eigete Hütte, mier münd de Dreck id Welt useschüttle» oder eben das Postauto, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Als Wassily, Link öffnet in einem neuen Fenster, wie sich Kehl als Solokünstler nennt, konzentriert er sich ganz aufs Produzieren. Auf das Drücken von vielen blinkenden Knöpfen und das Spielen seiner patentierten Quietsch-Synthies. Das immer wiederkehrende superhoch-fiepende Vocal-Sample, welches viel von der Wiedererkennbarkeit der Werke von Wassily ausmacht, ist ein Custom-Produkt von Basil selber. Und dieses Element setzt Wassily extrem smart ein (und befriedigt mich als harte Vocal-Sample-Slut massiv).

Auf dem Album-Opener «Die Eröffnung vom Grossen Fest der Liebe», der ein wenig schwerer und wuchtiger daherkommt als die bisherigen Wassily-Tracks, setzt das Sample erst nach gut zwei Minuten breitflächig schallenden Synth-Horizonten ein, und wie immer hebt dieses Element den Song auf eine neue Ebene – wie der im letzten Moment hinzugefügte Zitronenabrieb auf deiner Pasta. Es erfrischt – und erfrischend ist ein Wort, das mir beim Hören des Debütalbums «Liebesding» oft über die Lippen rollt.

Nach den beiden Bangern «Bitzgi» und «Accousticophobia», die beide schon länger draussen sind, setzt das Album mit «Fantasmes» fort – und wieder zeigt sich: Auf Wassilys Tracks hält sich mein Ohr immer wieder an subtilen, aber eindringlichen Produktionsdetails fest wie ein Kletterer am Büschlein in der Steilwand. Ohne das Detail wäre ab und an der Fall ins unendlich sphärische unvermeidbar.

Übrigens vorallem live ein Genuss: Der Moment, wenn sich ein ganzer Raum voller Leute aus der kollektiven Einlull-Athmosphäre löst und zu tanzen beginnt.

Der ruhig wirkende Wassily lässt auf «Liebesding» dann aber auch richtige Euphorieattacken auf den Hörer los, im klaren Kontrast zum dreamy Vibe, der sich auf dem Album durchzieht: «The World is a Spielplatz» und «Glücklick!» implizieren im Titel schon, wie sie klingen. Im Ganzen ein sehr süsses Produkt, perfekt zum Konsum von Sauser und Wildgedanken.