Game-Review «Cuphead»: Der Überraschungshit des Jahres

«Cuphead» ist ein originelles «Shoot 'em up» im Stil der 30er-Jahre-Trickfilme. Und wirklich, wirklich schwer. Aber das ist ok: Denn wir kämpfen als Tassen gegen hypnotisierende Rüebli, boxende Frösche und einen Einrad fahrenden Zeppelin. Besser geht’s nicht!

Der wahre Weg liegt im Scheitern.

Mittels Scheitern gewinnst du Selbstkenntnis.

Nur Scheitern führt zum Erfolg.

Nein, das sind keine Tipps aus Selbsthilfebüchern, das ist «Cuphead».

Denn «Cuphead» ist schwer. «Cuphead» ist brutal. Und «Cuphead» ist höchst originell. Normalerweise spielen wir in «Shoot ‘em up»-Games zuerst einen langen Level durch, bis wir beim Endgegner landen. «Cuphead» verzichtet auf das Vorgeplänkel und serviert uns direkt 18 verschiedene Endgegner, die wir besiegen müssen.

Scheiternd zum Erfolg

Zwei bis drei Minuten dauert so ein Kampf – und das nach einer langen Anlaufzeit und viel pröbeln. Denn «Cuphead» ist gnadenlos. Drei Fehler dürfen wir machen, mehr verzeiht uns das Game nicht. Und so probieren wir einmal, zweimal, dreimal, hundert, zweihundert Mal. Ein Balken zeigt uns nach jedem Scheitern, wie weit wir beim Besiegen des Gegners schon gekommen sind.

Gleichzeitig ist das Game fair: Wir wissen immer, weshalb wir gestorben sind. Einmal zu sehr mit dem Finger gezuckt, den falschen Moment erwischt – wir sind selber schuld, immer. Denn an der Steuerung kann es nicht liegen: Die reagiert präzise auf jede unserer Eingaben.

Die Blume ist extrem böse: extreme pollination and domination

Bildlegende: Jedes Scheitern zeigt, wie knapp wir davor waren, den Boss besiegt zu haben. Etwa die böse Blume in «Floral Fury». Screenshot SRF Digital

«Cuphead» ist deshalb wie Kunstturnen: Wir müssen die Bewegungen so lange üben, bis sie perfekt sitzen; die Muster der Gegner genau studieren, bis wir die Attacken voraussehen können. Jeder Endgegner hat Schwächen und einstudierte Attacken – unsere Aufgabe ist es, diese herauszufinden. Das geht nur über tausendfaches Probieren, der Weg zum Erfolg liegt also tatsächlich im Scheitern. Aber «Cuphead» ist so viel besser als ein Selbsthilfebuch für erfolgreichen Misserfolg. Und das liegt an der gesamten Welt, die uns das Game bietet.

Wie ein 30er-Jahre-Trickfilm

Wir bekämpfen die Gegner mit Cuphead und Mugman, zwei Tassen mit Armen und Beinen, die auf einer Insel wohnen. Die beiden haben beim Glücksspiel ihre Seelen an den Teufel verspielt und müssen nun teuflische Verträge der Inselbewohner sammeln, die ihre Seele ebenfalls an den Teufel verschachert haben. Und das sind eben die 18 Gegner, unter anderem ein hypnotisierendes Rüebli, hässige Blumen, boxende Frösche und ein böser Kaugummiautomat.

Böses Megarüebli und Cuphead

Bildlegende: Psychedelisches Hypnoserüebli setzt zum Angriff an in «Botanic Panic». Kartoffel und Zwiebel haben wir schon besiegt. Screenshot SRF Digital

Das alles ist im Stil der Trickfilme gehalten, wie wir sie aus den 1930er-Jahren kennen – «Betty Boop», «Popeye», «Felix the Cat» oder der frühe Mickey Mouse. In diesem Kontext ist deswegen auch ein Killer-Rüebli völlig normal. Die beiden ursprünglichen Macher des Games, die Brüder Chad und Jared Moldenhauer, nennen denn auch diese frühen Trickfilme ihre grösste Inspiration.

Nicht nur beim Look haben die Macher auf die 30er Jahre zurückgegriffen, auch die Produktion folgt den Regeln des damaligen Zeichentrickfilms. Jede einzelne Figur mit all ihren Bewegungen wurde minutiös von Hand auf Papier gezeichnet, eben wie anno dazumal, der Hintergrund in Aquarell gehalten. Ein unglaublicher Aufwand!

Trotzdem ist ein Game nun mal kein Film, kleinste Änderungen hatten weitreichende Konsequenzen. Neue Ideen mussten deswegen auch vom gesamten Team erst abgesegnet werden, da sie viele Stunden an Mehraufwand bedeuteten. Ein eigens komponierter Soundtrack im Stil der damaligen Zeit rundet diese 30er-Jahre-Sause perfekt ab.

Ja, das Game hat auch Schwächen

Das Game ist süss und schräg und originell, aber wer keine Geduld mitbringt, sollte die Finger von «Cuphead» lassen. Frust ist ein konstanter Begleiter, wüstes Geschreie bei Sieg und Niederlage unvermeidlich. Wer jemals «Dark Souls» oder «Ori and the Blind Forest» gespielt hat: Genau das.

Cuphead vs. Hilda Berg

Bildlegende: Hilda Berg, der Einrad fahrende Zeppelin. Screenshot SRF Digital

Letztlich wollte ich aber immer weiterspielen: Zu gross war die Neugier zu sehen, was für lustige Endgegner und Figuren sich das Entwicklerteam so alles ausgedacht hatte. Und so brachte mich «Cuphead» selbst in den grössten Frustmomenten zum Lachen.

Am schwierigsten fand ich jedoch den lokalen Co-op-Modus: «Cuphead» lässt sich nicht nur mit Cuphead, der roten Tasse spielen, sondern auch zusammen mit dem blauen Mugman, seinem Bruder. Eigentlich eine schöne Idee, doch im Einzelspielermodus ist der Bildschirm bereits sehr voll. Zu zweit verlor ich noch schneller die Übersicht, wer sich wohin bewegte und in welche Richtung schoss.

Ende gut, alles gut

2015 hatten wir erstmals vom Game gehört: Die unkonventionelle Idee zweier Brüder, Chad und Jared Moldenhauer, sorgte für Furore, ein «Shoot ‘em up» mit zwei Tassen, handgezeichnet. Dann wurde es lange still um «Cuphead». Zu still. Ich hatte die Befürchtung: Eine grandiose, einzigartige Indie-Idee, die aber an den eigenen, zu hoch gesteckten Zielen scheitert.

Nichts davon traf ein: «Cuphead» hat alles richtig gemacht. Die Spielmechanik funktioniert rundum präzise, «Cuphead» ist schwer, aber fair. Die Animationen versprühen einen Charme und Liebe zur 1930er-Ära, ohne die Nostalgiekeule zu schwingen. Das alles untermalt von einem fantastischen Soundtrack, der mich noch tagelang begleitete: Für mich ist «Cuphead» der Überraschungshit des Jahres!

«Cuphead» läuft auf Windows und der Xbox One, eine Version für Mac und Linux ist geplant. Das Game kann alleine oder lokal zu zweit gespielt werden. Es gibt einen «Simple-Mode», mit dem das Game jedoch nicht ganz beendet werden kann.

Der Soundtrack

Fast drei Stunden Jazz-, Ragtime-, Big-Band- und Swing-Musik hat Kristofer Maddigan für «Cuphead» komponiert. Und dieser Soundtrack ist derart gut, dass er problemlos auch von Nicht-Gamerinnen und -Gamern gehört werden kann. Besser: Sollte.