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Game-Review «Destiny 2»: Jäger und Sammler in Graubünden

Die Rote Legion aus Graubünden vertreiben – das ist nur vordergründig unser Ziel. Tatsächlich geht es in diesem Science-Fiction-Rollenspiel-Shooter um eines: eine Zahl grösser zu machen. Das ist im Kern repetitiv, unterhält aber grossartig.

Video: Guido spielt «Destiny 2» (Let’s Play)

In der Geschichte von «Destiny 2» mag es darum gehen, die Menschheit vor der Invasion der Roten Legion zu beschützen, die grausigen Rituale der «Hive» zu verhindern und Plünderer zu vertreiben.

Doch eigentlich geht es nur um eines: «Shoot & Loot». Wir schiessen auf Gegner. Sie lassen Rüstung und Waffen fallen. Die Qualität eines Gegenstandes ist in eine Zahl gegossen – und der Durchschnitt dieser Zahlen ist unsere «Power». Wenn unsere Power wächst, erhalten wir Zugang zu schwierigeren Abenteuern, mit der Aussicht auf Gegenstände mit grösseren Zahlen. Das ist der ewige Kreislauf: Finde stärkere Ausrüstung, um gegen stärkere Gegner zu kämpfen, die stärkere Ausrüstung fallen lassen. Shoot & Loot.

Mehr Abwechslung

«Destiny» von «Halo», Link öffnet in einem neuen Fenster-Entwickler Bungie war 2014 ein Kassenschlager und brachte eine Milliarde Dollar Umsatz ein. Die Kritiker bemängelten aber, dass sich das Spiel zu schnell zu sehr wiederhole (mir ging das nie so; vielleicht, weil ich das Game nicht bis zum Umfallen gespielt habe).

Mit dem Nachfolger «Destiny 2» hat der Tenor nun aber gedreht: Spielwelt und Aufgaben seien abwechslungsreich genug, dass sich Version 2 nicht mehr wie Arbeit anfühle. Doch hier muss man ehrlich sein: Wenn wir dann alle über 100 Stunden gespielt haben und zum x-ten Mal durch den gleichen Raid rennen, nur um endlich diese eine legendäre Waffe zu finden, die wir unbedingt wollen – dann wird sich das wieder nach Arbeit anfühlen. Das ist die Natur dieses im Kern repetitiven Spielprinzips.

Tolle Architektur.
Legende: Es ist ein sehr, sehr schönes Spiel. Screenshot SRF

Doch die Anziehungskraft der schön leuchtenden Gegenstände ist unwiderstehlich. Auch wenn wir besonders am Anfang fast jeden Gegenstand schnell wieder ersetzen (was die Beute also grösstenteils bedeutungslos macht): Wir freuen uns trotzdem jedes Mal, wenn etwas Glitzerndes herausfällt. Wie die Elster zum Silber, wie die Motte zum Licht.

Geldgierige Hersteller

Auch Entwickler Bungie und Herausgeber Activision benehmen sich wie Elstern. Denn «Destiny 2» erlaubt es uns, für echtes Geld Game-Silber zu kaufen. Und im Spiel dann mit diesem Silber eine Art Loot-Lotterie zu spielen: Wir kaufen eine Box (ein «Engram») mit zufälliger Ausrüstung drin. Meistens ist das ein Gegenstand, den wir eigentlich nicht wollten, nur selten etwas Schönes. Und diese Mechanik ist geschickt so gestaltet, dass wir immer wieder mal zum Geldausgeben verführt werden.

Bei sogenannten «Free to play»-Games könnte das ein fairer Deal sein: Die meisten spielen gratis, ein paar geben Geld aus und bringen Einnahmen, die das Entwickeln komplexer Spiele ermöglichen. Doch hier haben wir alle zu Beginn den vollen Preis bezahlt, bis zu 120 Franken für eine «Digital Deluxe Edition». Diese schönen Einnahmen noch mit einer Glücksspielmechanik anzureichern, ist pure Gier.

Mechanisch und visuell grossartig

Trotz all dem denke ich konstant an «Destiny 2» und habe sehr viel Spass am Spiel. Warum?

Weil es grafisch ein Leckerbissen ist. Die Science-Fiction-Welt in knalligen Farben und voller mystischer Architektur ist toll. Ebenso die unzähligen Waffen, die wir finden: abwechslungsreich und fantasievoll mit lustigen Werbetexten beschrieben.

Aber auch, weil sich das Schiessen mechanisch sehr gut anfühlt. Entwickler Bungie weiss seit der «Halo»-Serie genau, wie man einen guten Konsolen-Shooter macht. Wenn wir gegen grössere Gegner oder Wellen kämpfen, herrscht oft grossartig überwältigendes Chaos.

Mir gefiel besonders gut, dass die Gegner im Gegensatz zu beispielsweise «The Division» keine «Bullet Sponges» sind. Also nicht unzählige Volltreffer aufsaugen, bevor sie umfallen. «Destiny 2» findet hier einen sehr guten Mittelweg. Und die Nahkampf-Hiebe sind fast so befriedigend wie in «Doom».

Kill it with fire!
Legende: Eine grosse böse Panzerspinne. Screenshot SRF

Für unsere Spielfigur wählen wir eine von drei Klassen – Titanen sind hart im Nehmen und übernehmen die Rolle eines Tanks; Jäger sind wendig und kämpfen aus der Distanz; und Warlocks sind Kampfmagier, die auch heilen können. Schnell lernen wir verschiedene Fähigkeiten, die sich gut unterscheiden und den Spielstil deutlich beeinflussen. Wenige, aber bedeutungsvolle Fähigkeiten – so muss das sein.

Reibungslos gruppieren

Das Beste an «Destiny 2» bleibt aber, dass wir nie allein sind. Überall sehen wir andere Spieler herumrennen, wie man sich das aus Rollenspielen wie «World of Warcraft» gewohnt ist. Besonders toll ist, dass wir uns absolut reibungslos mit anderen zusammenschliessen können und beliebig zwischen «Das mache ich alleine», «Das mache ich mit Fremden» oder «Das mache ich mit Freunden» hin und her wechseln. Wer sich noch an früher erinnern kann (als wir auf andere warten mussten, darauf achten, dass alle den gleichen Quest angenommen haben, sich wundern, warum jetzt etwas nicht zählt, das zählen sollte etc.), weiss dies besonders zu schätzen.

Im Kern ist «Destiny 2» aber simpel: Shoot & Loot. Alleine oder zusammen. Shoot & Loot. Kaum Erkunden, keine zu komplexen Skills, wenig Geschichte. Shoot & Loot. Ja, das ist repetitiv. Aber Pizza essen ist auch immer das Gleiche. Und da kenne ich keinen, der sich darüber beklagen würde.

«Destiny 2» ist für Playstation 4, Xbox One und PC. Es ist ab 16.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Sinthujan Kandiah (User1337)
    Kleine Anmerkung zum Absatz "Geldgierige Hersteller": Die Items die man sich für Echtgeld holen kann(Glanz-Engramme) haben keinerlei Auswirkung auf das bereits angesprochene «Power» - Level. Die Glanz-Engramme enthalten lediglich kosmetische Gegenstände, sprich mit dem Kauf von InGame "Silber" ist es nicht möglich sich einen Vorteil gegenüber anderen zu "erkaufen".
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    1. Antwort von Guido Berger
      «Es ist nur kosmetisch» ist das Standard-Argument, um diese Praxis zu verteidigen. Zwar ist das wichtigste Ziel, eine möglichst hohen Power zu haben. Doch die individuelle Gestaltung der Spielfigur ist ebenso ein zentrales Spielziel für die allermeisten Gamer (nicht nur in Destiny, auch in Overwatch beispielsweise). Das ist also ein Ziel, das zum Game gehört, und das man entweder spielend oder per Geld erreichen kann. In dem Sinne ist das eben auch Pay to Win, weil eine schöne Figur haben ist wie gewinnen. Wenn das Spiel gratis ist, kann ich das akzeptieren. Aber nicht bei einem Vollpreis-Titel.
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