Review «Mass Effect: Andromeda»: Visuell kreativ, mechanisch langweilig

In der Neuauflage der äusserst beliebten Serie sollen wir mutig die ferne Andromeda-Galaxie neu besiedeln. Das ist aber alles andere als aufregend: Das Game klammert sich ängstlich an Bewährtes und schichtet fantasielos ein langweiliges, kompliziertes System auf das nächste.

Ich war einer der wenigen, der das äusserst kontroverse Ende der «Mass Effect»-Trilogie verteidigt hat. Ich mochte «Mass Effect 2» und eben «Mass Effect 3» sehr.

Entsprechend habe ich mich auf das neue «Mass Effect: Andromeda» gefreut. Und entsprechend war ich bereit, den eher durchzogenen ersten Reaktionen entgegenzutreten. Das ist mir nun vergangen.

Es mag daran liegen, dass ich lieber noch mehr Zelda gespielt hätte. Der Kontrast ist extrem: Dort ein Spiel, das radikal mit alten Konventionen bricht, sich komplett neu erfindet und dem ganzen Genre den Weg in die Zukunft weist. Hier ein Spiel, das sich ängstlich an Bewährtes klammert und unter einem Berg mediokrer Inhalte erstickt.

Immer die gleiche Mechanik

Hersteller Bioware setzt seit mehr als einem Jahrzehnt, im Klassiker «Star Wars: Knights of the Old Republic» und den «Dragon Age»- und «Mass Effect»-Serien auf die gleiche Grundstruktur. Wir unterhalten uns mit vielen Personen. In Dialogen wählen wir aus verschiedenen Antworten aus, so charakterisieren wir unsere Hauptfigur und geben den Geschichten eine personalisierte Wendung. Dazwischen verbessern wir Ausrüstung und Fähigkeiten unseres Teams und kämpfen gegen Fieslinge, in «Mass Effect» gegen diverse Ausserirdische.

I am gonna fuck your shit up. How's that for great?

Bildlegende: Sara! Sei anständig mit dem Alien! Screenshot SRF

Den letzten Vertreter der Bioware-Methode, «Dragon Age: Inquisition», fand ich den besten. Denn bisher gelang es Bioware immer, die bewährte Grundmechanik mit jedem neuen Spiel auszubauen und zu verbessern. Hier nicht mehr – «Mass Effect: Andromeda» wirkt, als hätte man «Dragon Age: Inquisition» kopiert und in den Weltraum gepastet.

«Mass Effect: Andromeda» wurde nicht vom Hauptstudio in Edmonton entwickelt. Sondern der Zweigstelle in Montreal, die bisher andere Bioware-Studios unterstützt hat und jetzt erstmals hauptverantwortlich ist. Das muss zwar nichts heissen – trotzdem scheint in der doch vierjährigen Entwicklung einiges schief gegangen sein.

Leblose, hölzerne Gesichter

Sofort ins Auge springen die schlechten Animationen und die vielen Bugs. Gesichter, vor allem Augen und Mund, sind durchs Band leblos und furchtbar hölzern; Figuren verschwinden aus oder springen in das Blickfeld. Weil die Stimmen meist gut und manchmal amüsant schlecht gesprochen sind, konnte ich darüber allerdings schnell hinweggesehen.

Langweilig aus der Deckung kämpfen

Krass.

Bildlegende: Anomaly detected: Wir haben einen Krater gefunden!!! Screenshot SRF

Schlimmer ist, dass mich die Kämpfe meist gelangweilt haben. Das ist noch immer im Kern ein Cover-Shooter: Wir verstecken uns hinter einer Kiste oder einem Felsen, lugen ab und zu hervor und nehmen einen Gegner nach dem anderen aufs Korn. Es war zwar erklärte Absicht der Entwickler, die Kämpfe aufregender und abwechslungsreicher zu machen. Doch davon habe ich kaum etwas gespürt. Meist gibt es keinen Grund, die sichere Deckung zu verlassen – Gegner flankieren fast nie, werfen kaum Granaten und bleiben fast immer an genau einem Ort stehen.

Und das ist noch lange nicht das langweiligste: Aus mir unerklärlichen Gründen will «Mass Effect» noch immer, dass wir Planeten scannen. Dazu fliegen wir mit unserem Raumschiff Tempest in ein unentdecktes System. Dann wählen wir einen Planeten aus und fliegen ihn an. Dann scannen wir diesen Planeten aus der Distanz. Dann passiert: meistens nichts. Selten finden wir Rohstoffe. Einmal fand ich, haltet euch fest, einen Krater. Einen Krater! Auf einem Planeten!

Fantasielose Beschäftigungstherapie

Sara versteckt sich hinter einer Kiste.

Bildlegende: Immer in Deckung bleiben. Nicht gerade aufregend. Screenshot SRF

Für diese, sagen wir mal, magere Entdeckung muss man immer wieder Knöpfe drücken, Sticks bedienen, Animationen erdauern, die man nicht abkürzen kann. Einhändig bedienen geht auch nicht, glaubt mir, ich habe es probiert. Um dann am Schluss nichts davon zu haben ausser einer Zahl, die von «50% komplett» auf «75% komplett» springt. Das ist die fantasieloseste Beschäftigungstherapie, die mir in letzter Zeit untergekommen ist.

Aber es gibt so viel zu tun, und es fühlt sich fast immer nach Arbeit an. Wir können beispielsweise Waffen oder Ausrüstung herstellen. Dafür müssen wir zuerst einen Bauplan recherchieren, indem wir immer wieder Gegenstände im Spiel scannen. Dann die benötigten Materialien sammeln. Vielleicht noch mit speziellen Modulen verbessern und Slots für spätere Modifikationen einbauen. Vieles davon lässt sich nicht gezielt erledigen, wir müssen also ständig drei bis vier unterschiedliche To-Do-Listen im Hinterkopf haben. Es hilft nicht, dass diese Mechanik in viel zu komplizierten und verschachtelten Menus versteckt und von vielen kleinen Fehlern geplagt ist.

Immerhin: Design und Geschichte toll

Blaue, umgekehrte Pyramide mit Elektrolicht.

Bildlegende: Die Remnant-Architektur sieht toll aus. Screenshot SRF

Immerhin: Inhaltlich hat mir «Mass Effect: Andromeda» gefallen. Die Geschichte ist von der Original-Trilogie abgekoppelt – vor deren Handlung flogen wir im Tiefschlaf zur Andromeda-Galaxie, 600 Jahre später wachen wir dort auf. Wir sind ein «Pathfinder», also diejenige, die alle Probleme lösen muss, die halt so auftreten, wenn man einen neue Galaxie besiedelt. Diese Idee finde ich toll. Denn in anderen Games ist es immer etwas absurd, dass nur wir die Welt retten können; dass wir daneben aber ganz viel Zeit haben, uns um jedes Problemchen jedes dahergelaufenen Zivilisten zu kümmern. Hier ist genau das unsere Aufgabe, das macht also alles viel mehr Sinn.

Ausserdem finde ich nach wie vor das Design der Ausserirdischen, der Raumschiffe, der Gebäude in den jungen Kolonien und den fremden Planeten grossartig. Doch genau das macht es umso bitterer: Während visuell so viel Kreativität blüht, schichtet die Mechanik fantasielos ein langweiliges System auf das nächste und hofft, dass diese komplizierte Anhäufung von To-Do-Listen irgendwann dann schon unterhält.

Gut sind ihre Witze allerdings nicht.

Bildlegende: Vielen geht Peebee auf die Nerven. Mir hat sie gefallen. Screenshot SRF

Vielleicht fragst du dich als Rollenspiel- und Raumschiff-Fan, ob du «Mass Effect: Andromeda» nicht trotzdem eine Chance geben sollst?

Nein. «The Legend of Zelda: Breath of the Wild» ist radikal neu und mechanisch viel besser. «The Witcher 3» bietet viel interessantere Figuren und Nebenbeschäftigungen. Bioware-Fans sind mit dem exzellenten «Dragon Age: Inquistion» besser bedient oder greifen auf «Mass Effect 3» zurück. Um hingegen das Zeit-Investment zu rechtfertigen, das «Mass Effect: Andromeda» von uns verlangt, fallen mir schlicht keine Argumente ein.

«Mass Effect: Andromeda» ist für Playstation 4, Xbox One und Windows PC. Es ist ab 16.