Review Meditativer Rave-Rausch: «Polybius» ist meisterhaft

Temporausch, psychedelische Neon-Explosionen und grossartiger 90er-Jahre-Techno: Mit keinem anderen VR-Spiel hatte ich so viel Spass wie mit «Polybius».

Ich liebe Jeff Minter. Der Althippie und Schaf- und Lama-Besitzer aus Wales ist für mich einer der wenigen richtigen «Auteurs» der Szene. Seit über drei Jahrzehnten verfolgt er unter dem Label «Llamasoft» zusammen mit seinem Partner Ivan «Giles» Zorzin eine klare Vision: «retina searing visuals, precision-balanced gameplay and the occasional bovine utterance.»

Zwei Sekunden Chaos

Bildlegende: Aaaaahhhhh!!! Youtube SRF Digital

Auf den ersten Blick sehen alle Minter-Spiele gleich aus: Neon-Retrografik und Gameplay, das sich an seine frühen Hits «Tempest» oder «Gridrunner» anlehnt. Doch immer wieder gelingt es ihm, einen neuen Dreh zu finden und sich neue Technologie anzueignen. Wenn Minter etwas veröffentlicht, will ich es spielen. Besonders, wenn er sich in die Virtual Reality vorwagt.

Das ist «Polybius»: Ein Shooter im «Tempest»-Stil, für die Playstation VR. Bis jetzt habe ich persönlich mit der eher durchzogene Erfahrungen gemacht. Weil das Tracking des Kopfes weniger präzise ist als bei der teureren Konkurrenz (die mit Laser statt mit Licht arbeiten) und weil die Auflösung schlechter ist, wurde mir klar schneller schlecht als in anderen VR-Games. Doch Minter mit seinen goldenen Programmierfingern löst diese Probleme.

Türkis Space Invaders.

Bildlegende: Retro-Neon! Llamasoft

«Ahhhh!», «Oooohhhh!» und «Woooooohoooooo!!!»

Meine erste Stunde in «Polybius» war die reinste Euphorie. Noch nie habe ich in einem Game so oft so laut gejubelt. Das Tempo, die Farben und der Soundtrack sind überwältigend und versetzen mich sofort in einen Rauschzustand.

Dieses Hochgefühl erzeugt «Polybius» zunächst audiovisuell. Auf dunklem Hintergrund leuchten Neon-Linien, Retro-Pixel funkeln uns um die Ohren, dort muht eine Kuh, hier erklingt ein Modem-Rauschen und durch alles pulsiert feinster 90er-Jahre-Retro-Techno à la Underworld.

Doch noch wichtiger für die Trance ist die Spielmechanik. Wir steuern ein Raumschiff, das vor uns her fliegt. Die Steuerung ist maximal reduziert: Mit einem Stick steuern wir rechts oder links; mit einem Knopf schiessen wir auf Gegner oder Hindernisse. Je länger wir fehlerfrei fliegen, desto schneller rast das Raumschiff geradeaus. Es gibt keine Kurven. Und je schneller wir fliegen, desto mehr Gegner und Hindernisse kommen auf uns zu; oft so viele, dass wir beinahe den Überblick verlieren.

Ganz viele Meldungen, Gegner, Hindernisse, Chaos.

Bildlegende: Meist ist das Chaos noch grösser als auf diesem Screenshot. Screenshot SRF

Aber eben nur beinahe. Denn das ist das Spielprinzip von «Polybius»: Im Chaos den Durchblick bewahren; verstehen, was in diesem Level wichtig ist und uns darauf konzentrieren. Es geht also weniger um geschicktes Steuern oder Strategie, sondern um intuitives Filtern.

Meditieren mit Lärm

Wir geraten so in einen Zen-artigen Trance-Zustand. Wir fliegen durch das Chaos, konzentrieren uns aber nur auf ganz wenige einzelne Elemente eines Levels. Wir blenden Mühen und Hektik des Lebens aus und fokussieren auf einen gelben Würfel oder ein Kuhhorn-Tor. «Polybius» ist Meditation – doch statt äussere Reize auszublenden, setzt es auf das Gegenteil: Es überwältigt uns mit so viel audiovisuellem Lärm, bis alles Unwichtige zugedeckt ist und wir von Ruhe durchströmt werden.

Die Virtual-Reality-Brille ist dafür natürlich wie geschaffen. Weil das Game erstens überall um uns herum ist, also das ganze Blickfeld ausfüllt, statt nur einen Bildschirm. Und zweitens, weil wir dreidimensional sehen. Es fällt also leichter, «hinten» und «vorne» zu unterschieden.

Wir können «Polybius» zwar in 2D oder auch in 3D auf einem entsprechenden Fernseher spielen – doch die VR-Variante ist klar diejenige, die am stärksten wirkt.

Rote Röhre und Kuhhorn-Tor.

Bildlegende: In die rote Röhre! Llamasoft

Tolle VR dank Reduktion auf das Wesentliche

So ist es denn Altmeister Jeff Minter, der das bisher beste VR-Spiel abliefert. «Polybius» läuft in butterweichen 120 Frames pro Sekunde. Unsere Körperhaltung ist gleich wie in anderen Games: Wir sitzen auf der Couch und haben einen Kontroller in der Hand. Wir schauen meistens gerade nach vorn statt wild umher.

Super Divergent Shooting

Bildlegende: Ich weiss auch nicht, was diese Meldung bedeutet. Klingt aber wichtig. Screenshot SRF

Das ist also nicht komplizierte VR mit Bewegung im Raum oder komplexer Interaktion. Sondern auf das Wesentliche reduziert: dreidimensional und allumschliessend. Dass gerade Minter diesen im Moment wohl noch notwendigen Reduktionsschritt machen kann, ist nicht überraschend: Sein Werk zeichnete sich schon immer dadurch aus, dass Grafik und Gameplay auf das Wesentliche reduziert sind.

«Polybius» ist eine Offenbarung. Ein pulsierender Rave, ein meditativer Rausch, eine Masterclass in Game-Design – Jeff Minter in Bestform.

«Polybius» ist für Playstation 4. Es funktioniert in 2D, auf einem 3D-Fernseher oder mit Playstation VR. Es kostet 17 Franken. Das Playstation-VR-Set kostet 500 Franken.

Grossartiger Soundtrack

Grossartiger Soundtrack

Für den Soundtrack griff Jeff Minter auf das gleiche Team zurück wie schon im Vorläufer «TxK». Die Techno-Tracks klingen wie die besten Raves der 90er-Jahre und sind auch ohne Game absolut hörenswert.

«Polybius» als Urban Legend

«Polybius» als Urban Legend

In den 90er-Jahren kam die Legende auf, es habe in den 80er-Jahren ein Game namens «Polybius» in einer Spielhalle in Portland gegeben. Es hätte epileptische Anfälle, Halluzinationen oder Depression ausgelöst und sei vielleicht ein Gedankenkontrolle-Experiment eines Geheimdienstes gewesen. Es gibt keine Beweise, dass das Spiel je existiert hat.