Mobile-Game-Hype Neuer Mobile-Hype: Nach «Pokémon Go» kommt «Arena of Valor»

In China geht die Regierung öffentlich gegen das zurzeit erfolgreichste Game weltweit vor: «Arena of Valor» habe ein extrem hohes Suchtpotenzial und sei deshalb Gift für die chinesische Jugend. Doch wie gefährlich das Spiel es wirklich?

160 Millionen Menschen loggen sich regelmässig bei «Honor of Kings» ein, wie das Spiel in China heisst. Dort spült es monatlich rund 400 Millionen Dollar in die Taschen der Macher. Mit keinem anderen Spiel wird derzeit so viel Geld verdient. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass diese Zahlen alleine den chinesischen Markt abbilden und dass in China sowohl die Regierung als auch die Medien versuchen, das Mobile-Spiel zurückzudrängen.

Dem Mobile-Game den Kampf erklärt

Es sei Gift und das gleich aus mehreren Gründen, schreibt das Parteiblatt «People's Daily»: Der Inhalt des Spiels basiere auf einem imaginären Wertesystem und einer imaginären Geschichte. Ein grosses Problem, denn in China sind alle Helden im Spiel an echte historische Figuren angelehnt. Ausserdem würde es der Gesundheit und der Psyche der Kinder Schaden.

Ein chinesischer Junge spielt Honor of Kings.

Bildlegende: Mobile Hype Der neuste Hype fürs Smartphone heisst: Honor of Kings und ist von Chinas Regierung unter scharfem Beschuss. Imago

Die Zeitung erinnert seine Leser daran, dass China 2008 als erstes Land Internetsucht als Krankheit deklariert habe – allerdings ohne irgendwelche Massnahmen zu beschliessen. Darum stehen Autoritätspersonen wie Lehrer oder Eltern in der Pflicht.

Die Tageszeitung der Volksbefreiungsarmee geht sogar noch einen Schritt weiter als das Parteiblatt und findet gar, das Spiel gefährde die nationale Sicherheit, weil es die Aufmerksamkeit der Soldaten beanspruche und ihre physische und psychische Gesundheit angreife. Ausserdem würden die Soldaten ihren Fokus auf dem Kampffeld verlieren.

Aber auch persönliche Geschichten, wie die eines 17-Jährigen, der nach einem 40 stündigen Spielmarathon gestorben sein soll, machen die Runde. Genauso wie die des 10- jährigen Jungen, der die Kreditkarte seiner Mutter nutzte und für 8'000 Dollar Spielausrüstung kaufte. Und dann ist da nocht die Mutter, die ihr Kind nach dem chinesischen Spieletitel «Honor of Kings» 王者荣耀 benannte.

Selbst ist der moderne Internetkonzern

Tencent, die Macher des Spiels und mittlerweile der zehntgrösste Technologiekonzern hinter Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon, Facebook und Co, hat beschlossen, das Problem lieber selbst in die Hand zu nehmen. Im Juli 2017 haben die Verantwortlichen beschlossen, in ganz China Restriktionen für das Handy-Game einzuführen.

Seit da brachen harte Zeiten für die chinesischen Jugendlichen an: Wer unter 12 ist, kann sich nur noch während einer Stunde pro Tag einloggen, ab 21 Uhr wird das Konto jeweils gesperrt. Die 12- bis 18-Jährigen dürfen nicht länger als zwei Stunden spielen. Die Beträge, die Minderjährigen ausgeben können, sind ebenfalls streng reglementiert.

Nun wird diskutiert, ob diese Regulierungen vielleicht nicht einem Schwarzmarkt Vorschub leisten. Auch ist völlig unklar, ob Tencent überhaupt in der Lage ist, diese Auflagen zu kontrollieren. Die Börse hingegen hat nicht lange diskutiert und bereits am Tag nach der Einführung der Restriktionen die Aktie abgestraft: Der Kurs sank um rund 4 Prozent. An einem Tag wurden so 1,28 Milliarden US Dollar vernichtet.

Drei Monate später brachte Tencent das Game auf den amerikanischen und europäischen Markt ─ ohne Restriktionen versteht sich. Das katapultierte den Aktienkurs auf ein Rekord-Hoch. Das freut uns natürlich ─ nicht wegen dem Aktienkurs, sondern weil wir nun endlich ausprobieren können, was in China gerade so heiss gehandelt wird!

Der Selbstversuch: Wie funktioniert eigentlich «Honor of Kings»

«Arena of Valor» wie das Spiel hierzulande heisst, ist ein sogenanntes MOBA-Game (Multiplayer Online Battle Arena): Zwei Teams kämpfen gegeneinander und versuchen, die gegnerische Basisstation zu zerstören. Um zur Basis der Feinde vorzudringen, muss man erst die Strassen freiräumen, die sogenannten «Lanes», indem man Schutztürme einreisst und dabei gleichzeitig die Gegner in Schach hält.

Alle wichtigen Grundlagen erklärt ein Tutorial Schritt für Schritt und erleichtert so auch Neulingen wie mir den Einstieg ins MOBA-Genre.

«Das ist doch alles aus 'League of Legends' geklaut!», schreit da sicher das eine oder andere Fan-Herz. Ja, mag sein – aber Riot Games, die Firma hinter LoL ist auch eine Tochterfirma des Technologie-Giganten Tencent, der als Kerngeschäft übrigens erfolgreich ein soziales Netzwerk in China betreibt.

Mittlerweile gehören viele der erfolgreichsten überhaupt dem MOBA-Genre an und auch als E-Sport-Disziplin haben sich MOBAs etabliert. Spiele wie «League of Legends» oder auch «Dota 2» gehören in diese Kategorie, nur spielt man die Originale am PC. «Arena of Valor» hingegen hat man immer griffbereit im Hosensack.

Das ist auch einer der Hauptgründe, warum das Mobile MOBA seine PC-Vorbilder um das zehnfache überholt, was seine aktiven Spieler anbelangt. Das und die Tatsache, dass das Spiel für jedermann gratis zum Download verfügbar ist.

Tombola, wer zieht nochmal wer hat noch nicht?

Doch wie kann man mit einem Spiel, das weltweit gratis heruntergeladen und gespielt werden, kann so viel Geld verdienen? Die gute Nachricht: Nicht mit nervtötender Werbung, die alle 30 Sekunden aufploppt, sondern mit In-Game-Käufen: Für richtiges Geld kann man sich Spezialfähigkeiten, Kleider, Waffen oder ganze Spielfiguren kaufen.

Für die meisten Dinge muss man nicht zwingend richtiges Geld ausgeben, man kann sich auch Spielmünzen zusammensparen. Das dauert allerdings und wer keine Geduld hat, kann jederzeit die Abkürzung über Cash nehmen. Für einen neuen (teurer) Helden muss man entweder mehrere Wochen sparen (19'000 Spielgeld-Münzen) oder man bezahlt rund 18 Franken.

In der Tombula kann auch echtes Geld verjasst werden.

Bildlegende: Tombula Wie bei jedem Glücksrad ist der Hauptgewinn sehr schwierig zu erhalten. Screenshot SRF Digital

Am meisten Geld bringen dem Konzern aber nicht die Helden ein sondern die sogenannten Skins – Kleidung, die man sich für ein paar weitere Franken dazukaufen kann. Zwischen 5 und 15 Franken bezahlt man für so ein Kleidungsstück, das im Spiel keinerlei Vorteile bringt, den Machern aber Geld in die Kasse spült. Alleine am ersten Tag haben neue Kleider für den Helden Zhao Yun 22 Millionen Dollar eingespielt.

Ebenfalls im Angebot des Shops: Eine Tombola, bei der man alles Mögliche gewinnen kann. Zu Beginn ist das gratis, danach muss man bezahlen. Im Selbstversuch habe ich mittlerweile siebenmal an dem Glücksrad gratis gedreht, aber noch nie etwas Wertvolles erhalten. Für mich Grund genug, nie echtes Geld in diese Tombola zu stecken.

Allerdings gibt es durchaus Menschen, die sich durch diese Art von Spiel herausgefordert fühlen. Jeder kennt ja das Gefühl, wenn man sich einbildet, dass beim nächsten Mal der Hauptgewinn ganz bestimmt lockt ─ egal ob beim Roulette, am einarmigen Banditen oder beim klassischen Los.

Ähnlich ist es nach einer verlorenen Runde in «Arena of Valor»: «Das kann doch nicht wahr sein! Beim nächsten Mal hab ich sicher ein besseres Team!» denkt man sich – und zack, schon hat man eine neue Runde gestartet. Mit einem Klick sind weitere 20 Minuten Spielzeit angehängt, denn wer eine Runde vorzeitig verlassen würde, wird vom Spiel dafür bestraft, dass er seine Freunde online hängen gelassen hat.

Darum überlege ich mir vor jedem Spiel genau, ob weitere 20 Minuten von meiner vollen Aufmerksamkeit wirklich drin liegen. Oft verstaue ich mein Handy dann wieder im Hosensack, ohne zu spielen. Doch auch hier gibt es sicher viele junge Gamer, die ihr Zeitmanagement nicht im Griff haben. Es ist wie mit allem: Erst die Dosis macht das Gift. Und bei einer Überdosis kann selbst ein harmloses Handyspiel ganz offiziell zum Gift werden.

MOBAs auf dem Mini-Display:

MOBAs auf dem Mini-Display:

Ist das nicht alles viel zu klein? Nein! Tencet hat viel Erfahrung und eine intuitive Steuerung ausgetüftelt. Mit dem linken Daumen steuert man seine Figur, mit dem rechten löst man seine Spezialfähigkeiten aus. Wir waren selbst erstaunt wie einfach das alles wortwörtlich von der Hand geht. Daumen hoch in diesem Sinne!