Gianni (19) macht im Jugendknast seine Lehre

Einen idyllischeren Ort für einen Jugendknast gibt es wohl kaum: Der Arxhof liegt abgelegen in den wunderschönen Baselbieter Jurahügeln. Und «Jugendknast» ist eigentlich gar nicht der richtige Ausdruck für den Arxhof: Es ist ein Massnahmezentrum für junge Männer zwischen 17 und 25.

Gianni vor Teich mit Seerosen

Bildlegende: SRF

Im Arxhof sitzen bis zu 46 junge Männer ihre Strafe ab. Die Delikte reichen von Raubüberfall mit und ohne Gewalt bis zu Vergewaltigung und Mord.

Es ist ein offener Vollzug. Die Bewohner sollen aus freien Stücken hier leben. Die Türen stehen offen. Wer flüchtet, wird der Polizei gemeldet und zur Fahndung ausgeschrieben. Auch Gianni lebt hier, macht eine Therapie und eine Lehre als Landschaftsgärtner.

Gianni, warum bist du hier?

Gianni: «Ich habe in der Vergangenheit einiges angestellt. Nun lebe ich im «Pegasus», im Gewalt-Pavillon. Mehr möchte ich zu meinem Schutz nicht sagen. Ich mache hier eine Therapie, schaue an, was genau schiefgelaufen ist. Das soll mir helfen, draussen nicht mehr rückfällig zu werden.»

Wie lange hast du noch?

«Es sind ganz genau 26 Monate. Davon werde ich 10 bis 12 Monate in Aussenwohngruppen [Anm. d. Red.: betreute Wohngruppen, in denen die Bewohner auf den letzten Schritten in die Freiheit begleitet werden] verbringen. Dann bin ich nicht mehr hier oben, sondern freier.»

Freust du dich darauf?

«Ja! Ich habe schon so lange kein Handy, kein Internet, das wird dann anders sein.»

Ist das schlimm, ohne Handy und Internet?

«Anfangs dachte ich nicht, dass ich es schaffe. Aber man gewöhnt sich daran. Wir haben hier ein Drei-Säulen-System: Ausbildung, Therapie und Sozialpädagogik. Ich bin gut beschäftigt ohne Internet und Fernsehen.»

Wie ist es, als junger Mensch im Knast zu sein?

«Ausser, dass ich momentan nur wenig raus darf, fühle ich mich nicht wie im Gefängnis. Ich kann mich überall frei bewegen, Kaffee trinken, joggen.

Abends gehe ich in mein Zimmer und mache die Tür zu. Es ist wohnlich eingerichtet. Es hat keine Gitterstäbe. Alles, was ans Gefängnis erinnert, findet nicht statt hier. Das einzige, was daran erinnert, ist das Besinnungszimmer. Wer Fehlerhaftes an den Tag legt, muss da rein für einen Disziplinararrest.»

«  Alles, was ans Gefängnis erinnert, findet nicht statt hier.  »

Hast du schon einen «echten» Knast von innen gesehen?

«Ja, und ich bin froh hier zu sein und meine Ausbildung hier machen zu können. Ich habe Ausgänge, komme hier raus. Man muss es sich aber verdienen, aufarbeiten, was man getan hat.»

Was machst du im Ausgang?

«Ich gehe in die Stadt, in Bars, bade im Rhein.»

Erzählst du dann den Leuten draussen, wo du lebst?

«Das versuche ich zu vermeiden. Man bleibt ja vier Jahre hier. Das schreckt vor allem Frauen ab. Ich habe kein Handy, kann nicht chatten...»

Hast du denn eine Freundin?

«Nee. Ich will eine finden. Aber das mache ich, wenn ich wieder nach Bern darf. Bärner Meitschi sind die schönsten!»

Glaubst du, du wirst später einen Job finden? Wird man dich nehmen, wenn man sieht, dass du deine Lehre im Knast gemacht hast?

«Ich bin seit der 6. Klasse nicht mehr in die Schule, habe keinen Abschluss. Bevor ich eingewiesen wurde, habe ich bei drei verschiedenen Buden als Kundenmaurer gearbeitet. Strassenbau habe ich auch geschnuppert.

Ich habe allen gesagt, dass ich aus dem Heim komme. Sie haben mich alle genommen. Es kommt darauf an, wie du dich gibst und wie du arbeitest.»

Wirst du sagen, wo du die Lehre gemacht hast und von deiner Vergangenheit erzählen?

«Das wird auf dem Fähigkeitsausweis stehen, den ich hoffentlich bekomme – nein, ich bin mir sicher, ich werde ihn bekommen.»

Wie lange hast du noch?

«Wenn alles gut geht, sollte ich 2019 draussen als Gärtner arbeiten können.»

Auf was freust du dich am meisten?

«Auf Selbstbestimmung, Kollegen, das Geld selber zu verwalten.»

Ich nehme an, dein Ziel ist, so eine Anstalt nie mehr zu sehen?

«Ich denke, ich habe es begriffen.»

«  Ich denke, ich habe es begriffen. »

Was hast du begriffen?

«Wenn du mit 16, 18 «Scheiss» machst, ist es das eine. Aber mit 30 in die Kiste – das geht doch nicht.»

Ist das schwierig zu schaffen?

«Ich lerne hier viel über mich. Wie ich reagiere, wenn Sachen passieren, die mich traurig machen. Werde ich impulsiv und aggresiv? Schade ich anderen, nur weil man mir nicht einmal bewusst geschadet hat?»

«  Ich lerne hier viel über mich. Wie ich reagiere, wenn Sachen passieren, die mich traurig machen.  »

Was macht dich traurig?

«Familie. Das ist ein wunder Punkt. Geschwister. Die Ex-Freundin...»

Und hier lernst du, mit diesen Wunden umzugehen?

«Schon. Ich muss mich selber betrachten. Bewusst werden, warum was passiert.»

Du hast noch zwei Jahre vor dir. Schaffst du das?

«Ich glaube schon. Ich habe mich noch nie so erlebt wie hier oben. Draussen habe ich früher immer was angestellt, war unter Drogen. Ich war nicht ich selber.»

Alles Gute!

«Merci!»

Kompass

Nadine Nikkles und Ranja Kamal

In der Sendung «Kompass» beantworten Ranja Kamal und Nadine Nikles die grossen und kleinen Fragen rund um Job, Ausbildung und sonstige Lebensfragen.