Macht das Internet die Musik zur Wegwerfware?

Einmal gehört und gleich wieder weg: Wie wir Musik durch den Durchlauferhitzer jagen - und was das für die Musik bedeutet. Meinungen von drei Menschen aus drei Generationen.

Und wo hast du deine alten CDs gelagert?

Bildlegende: Und wo hast du deine alten CDs gelagert? Reuters

Skip. Skip. Skipskipskipskip. Skip.

So höre ich manchmal Musik - und ich hasse es. Wenn ich hier und da ein bisschen reinhöre, ohne mich wirklich auf etwas einzulassen.

Es ist absurd: Heute steht mir mit einem Klick alle mögliche Musik aus allen Zeiten, Genres und Ecken der Welt auf einmal zur Verfügung - und trotzdem weiss ich manchmal nicht, was hören. Die Menge überfordert mich. Schon allein das Streamingportal Spotify hat rund 30 Millionen Songs am Start und es werden immer mehr.

Kaum ist ein toller Song gehört, warten schon Millionen andere in diesem riesigen Internet und wollen meine Aufmerksamkeit. Ich habe x Songs gespeichert, die ich irgendwann mal hören will - aber so weit kommt es nicht, weil eine Playlist die nächste jagt.

Was bleibt noch übrig von der Musik?

Werde ich meinem Gottemeitli in 20 Jahren sagen können, was ich heute gehört habe? Oder muss ich ihr sagen, dass zwar extrem viel da war, aber sich alles verflüchtigt hat, ohne sich wirklich im Herzen oder in der Seele festzusetzen?

Selbst Kids von heute wie Nadine Zweidler (15) fühlen sich von der riesigen Menge im Netz überfordert:

«  Auch ich bin manchmal verwirrt bei dieser Auswahl. »

Nadine Zweidler (15)
Schülerin, ohne Musik geht bei ihr nix

Nadine sagt, dass auch sie einmal ihren Kindern die Musik zeigen will, die sie in ihrer Jugend geprägt haben. Ihre Eltern hätten ihr die Beatles und Elvis mit auf den Weg gegeben. Bei ihr wären es One Direction, Rihanna und Justin Bieber.

Musik kann besser Erinnerungen speichern als jedes Foto

Wenn Thom Nagy das Album «Siamese Dream» von den Smashing Pumpkins anhört, fühlt er sich in seine Jugend zurückkatapultiert. Musik ist zentral im Leben des 37-jährigen DJs und Produzenten, der auch beruflich immer wieder über Musik und Kultur schreibt. Kurz: Er ist ein Musik-Afficionado.

Aber selbst er muss zugeben, dass er zwar ständig irgendwas am hören ist, aber nicht mehr so bewusst wie früher. Früher, das waren eben die Zeiten, in denen er noch ganze Alben hörte ( wie eben «Siamese Dream»), heute ist es schon viel, wenn ein Song fünf mal gehört wird.

Musik geht immer schneller durch den Durchlauferhitzer

Dass sich Musik immer schneller abnutzt, merkt Thom auch, wenn er auflegt: Es gäbe nicht mehr die Hits sagt Thom, weil jeder DJ aus einer so grossen Masse seine Sounds aussuchen kann. Es gehe alles so schnell durch den Durchlauferhitzer, dass die richtig grossen Hits gar nicht mehr entstehen.

«  Einerseits ist es schade, dass die vereinenden Momente seltener geworden sind, wo sich der ganze Club in den Armen liegt. Andererseits sind die DJ-Sets individueller geworden. Dazu kommt, dass kein Druck mehr besteht, immer nur die neusten Sachen zu spielen.  »

Thom Nagy (37)
DJ & Produzent, hat Playlists für alle Lebenslagen

Die absolute Jetztzentriertheit von Dancefloor-Musik sei weniger geworden, und das gefällt Thom.

Eine Playlist zum Sport machen, eine Playlist zum chillen

Dass die Musik bei vielen nebenher läuft, fällt auch Urs Musfeld (64) auf. Er hat vermutlich den geilsten Job der Welt: Urs gräbt sich jeden Tag durch neue Songs und Alben und stellt Musik für die legendäre SRF-3-Sendung «Sounds!» zusammen.

Das Album ist schon lange tot, wir sammeln Fragmente davon in unseren Playlists, die wir passend für jede Stimmung und Situation zusammenstellen. Dabei gehe aber die Bedeutung des Künstlers verloren, sagt Urs. Musik werde wie Massenware konsumiert. Wer oder was dahintersteckt, sei vielen egal geworden.

«  Das vereinende - das was über die Musik hinaus geht - geht verloren.  »

Urs Musfeld (64)
Musikredaktor, verdient Geld mit Musik hören

The old days were geil, but the new days are geil too

Ich will hier keinen Kulturpessimismus im Sinne von «früher war alles besser» betreiben. Plattformen wie YouTube, Apple Music, rdio oder Spotify spülen nicht nur tägliche neue Musik an.

Spotify beispielsweise kuratiert Musik und trifft mit der wöchentlichen Playlist so ziemlich immer meinen Geschmack. Ich freue mich jede Woche auf diese Playlist, weil ich weiss, dass ich Neues entdecken werde, was mir zu 99 Prozent gefällt.

Es ist wie mit News, mit Serien, mit Games: Das Internet ist voll davon. Wenn ich mir ADHS-mässig alles geben wollen würde, bräuchte der Tag deutlich mehr Stunden.

Oder es mit den Worten eines ganz, ganz Grossen zu sagen:

«  I can't listen to so much music at the same time. I think you really have to have a diet. You're just processing too much, there's no place to put it. If you go a long time without hearing music, then you hear music that nobody else hears. »

Tom Waits
Musiker und Gott

Die Kunst besteht wohl darin, in diesem unglaublich grossen WWW nicht verloren zu gehen.

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