Florian (43): «Für meine Mutter war ich der Heiland»

Radiosender, Drogen oder Kino – in den Augen von Florians Mutter bestand die Welt nur aus Gefahren, vor denen sie ihn schützen musste. Was er in seiner Jugend nicht entdecken konnte, lebte er als «Electroboy» im grenzenlosen Eiltempo aus. Bis er mit einer Angststörung in der Klinik endete.

Wer Florians eindrückliche Geschichte verstehen möchte, muss bereits vor seiner Geburt beginnen: Bei einem Autounfall starb sein Bruder im Kindsalter einen tragischen Tod. Von diesem Ereignis geprägt, wollten seine Eltern Florian von Anfang an vor jeglichen Gefahren beschützen – und liessen ihn deshalb keine Sekunde lang aus den Augen.

Als Kind gefiel Florian die enorme Aufmerksamkeit, die Zuneigung seiner Mutter und die Verbundenheit zu ihr. Doch als er in die Pubertät kam, seine eigenen Ideen und Bedürfnisse entwickelte, begannen die Konflikte:

«  Meine Mutter wollte, dass ich ein Kind bleibe, dass ich ihren geschützten Schoss nicht verlasse. Oder zumindest, dass ich mich so entwickle, wie sie es für mich vorgesehen hat. »

So blieb Florian in seiner wohlbehüteten Blase, seine Wünsche und Fantasien blieben auf der Strecke. Über die Gefühle wurde in seiner Familie kaum gesprochen, schon gar nicht über die negativen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis Florian aus seinem Käfig ausbrechen musste.

Die Selbstsuche im Schnelldurchlauf

Anfangs 20 zog Florian einen dicken Strich unter seine Kindheit im überbehüteten Elternhaus. Auf der Suche nach seiner Identität flüchtete er nach Los Angeles und fiel von einem Extrem ins nächste – er versuchte sich als Schauspieler, war Model und Partyveranstalter.

«  Bei mir ging es immer ums Ausbrechen – möglichst weit weg! Aber vor allem ging es darum, meine Rolle zu finden. Denn bis 21 haben andere meine Rolle bestimmt. »

Seine einengende Erziehung, der riesige Druck und die fehlende Rebellenphase in der Pubertät führten dazu, dass Florian seine Grenzen umso intensiver auslotete.

Auch als er später wieder in die Schweiz zurückkehrte, ging seine Jagd nach neuen Abenteuern weiter: Florian war Grafikdesigner, entdeckte als einer der ersten Schweizer die Möglichkeiten des Internets und veranstaltete unter dem Pseudonym «Electroboy» Partys, die im Zürcher Nachtleben heute noch Kultstatus besitzen.

Wie nach jedem Rausch folgte auch bei Florian das bittere Erwachen: Seine belastende Kindheit und der exzessive Lebensstil führten bei ihm zu einer schwerwiegenden Angststörung. Ein gigantischer Kontrast zu seinem bisherigen Jetset-Leben.

«  Am Bahnhof Zürich hatte ich zum ersten Mal einen Zusammenbruch, ich konnte nicht mehr laufen. Ich sass vier bis fünf Monate lang nur in meiner Wohnung, bis ich es dort nicht mehr aushielt. Dann kam der Totalabsturz mit Krankenwagenfahrt und Selbsteinlieferung ins Irrenhaus. »

«Ich tue das für den kleinen Florian»

Den Alltag bestreitet Florian heute trotz seiner Angststörung. Verarbeitet hat er allerdings noch lange nicht alles.

Florian ist es wichtig, seine Vergangenheit und die schwierige Beziehung zu seinen Eltern zu entwirren. Er ging mit seinem Schicksal an die Öffentlichkeit, um anderen Familien aufzuzeigen, wie wichtig Freiraum und Entwicklungsmöglichkeiten für ein Kind sind. Für sein eigenes Umfeld war das aber kein einfacher Schritt.

«  Die Familie ist ein geschützter Rahmen, man wird nicht konfrontiert mit solchen Problemen. Man kann so tun, als ob alles in Ordnung wäre, als ob nichts passiert sei. Daher haben sie Hemmungen an die Öffentlichkeit zu gehen, es ist peinlich. »

Umso schwieriger ist diese Gratwanderung für ihn. Zum einen möchte Florian sich, seinen Eltern und der Welt zeigen, wie er als junger Mensch unter dem grossen Druck leiden musste und welche Folgen das für ihn hat. Zum anderen versteht er die Situation seiner Eltern und möchte diese nicht öffentlich blossstellen.

Florians Buch «Das Kind meiner Mutter» ist ein weiterer Meilenstein in der Auseinandersetzung mit seinem Schicksal. Er spricht mit seinen Eltern über die Vergangenheit, versucht ihre Sicht der Dinge zu sehen, ohne wieder in die Rolle des kleinen Florians zurückzufallen. Bisher fällt das sowohl ihm als auch seinen Eltern sehr schwer.

Ob sich ihre Beziehung je einpendelt oder ob er an diesem Versuch scheitern wird, weiss Florian heute noch nicht. Seine Botschaft aber ist umso klarer:

«  Mein Fall zeigt – dein Kind darf nicht zu deinem Lebensinhalt, zu einer Religion werden. Es darf kein Projekt sein, sonst wird es sehr ungesund. »

Dokumentarfilmer Marcel Gisler portraitierte den «Electroboy» und sein turbulentes Dasein.

Die seltsame Geschichte des «Electroboy» Florian Burkhardt

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

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