Giulia (25): «Ich hatte panische Angst zu essen»

Als Giulia (25) die Diagnose Diabetes Typ-1 bekommt, findet sie sich schnell damit ab und lernt mit ihrer Krankheit umzugehen. Erst zwei Jahre später merkt sie langsam, dass sie von ihrer Diabetes doch mehr beeinflusst wird, als ursprünglich gedacht und bezahlt dafür fast mit ihrem Leben.

Nur wenige Tage vor Silvester 2012 empfindet Giulia Unwohlsein und hat aussergewöhnlich grossen Durst. Bei ihrem Vater, der selber an Diabetes leidet, läuten sofort die Alarmglocken – eine Stunde später sind die beiden im Notfall. Die Diagnose: Diabetes Typ-1.

Wenn die Krankheit die Kontrolle übernimmt

Giulia muss sich von da an darauf einstellen, sich täglich 6-8 Mal Insulin zu spritzen und auf ihren Blutzuckerspiegel zu achten. Anfänglich nimmt Giulia die Krankheit auf die leichte Schulter, findet sich mit den Einschränkungen ab und ist davon überzeugt, dass sie die Krankheit unter Kontrolle hat.

Zwei Jahre nach der Diagnose, als sich Giulia immer mehr mit ihrer Krankheit auseinandergesetzt hat, wird ihre Angst stark unterzuckert zu sein und deshalb bewusstlos zu werden, immer grösser. Das geht soweit, dass sie in Alltagssituationen plötzlich in Panik ausbricht.

«  Als ich mich beim Einkaufen plötzlich unwohl fühlte, kriegte ich Panik, liess meinen Einkaufskorb fallen und rannte aus dem Laden. »

Später stellt sich heraus, dass die Symptome einer Panikattacke die ähnlichen sind, wie die, einer Unterzuckerung. Giulia hat zu diesem Zeitpunkt also nicht mehr gewusst, was sich nur in ihrem Kopf abspielt und was tatsächlich mit ihrem Blutzuckerspiegel zu tun hatte.

Ein dummer Zufall bringt noch mehr Probleme

Ein dummer Zufall bringt Giulia kurze Zeit später noch tiefer in die Abwärtsspirale. Bei einem Restaurantbesuch mit ihrem Freund verschluckt sie sich beim Essen derart, dass sie beinahe erstickt. Aufgrund dieser Todesangst entwickelt Giulia eine Angst vor fester Nahrung und nimmt ab diesem Zeitpunkt während rund einem halben Jahr nur noch Flüssignahrung zu sich.

Obwohl dieser Vorfall nichts mit ihrer Diabetes zu tun hatte, hat das Erlebnis einen Einfluss auf ihren Umgang mit der Krankheit. Da sie panische Angst vor fester Nahrung, aber auch vor einer Unterzuckerung hat, reduziert sie die Menge vom Insulin, welches sie sich spritzt, auf fast einen Drittel. Das hat zur Folge, dass ihr Blutzuckerspiegel tendenziell immer zu hoch ist und sie ohne feste Nahrung nicht Gefahr läuft, wegen einer Unterzuckerung ohnmächtig zu werden.

«  Ich wollte am Morgen aus dem Bett steigen, klappte zusammen und konnte nicht mehr aufstehen. »

Nach drei Wochen mit einem deutlich zu hohen Blutzuckerspiegel bekommt Giulia die Quittung dafür. Während einer Prüfungswoche in der Schule klappt sie zuhause zusammen - ihre Organe sind aufgrund des zu hohen Blutzuckerspiegels übersäuert, was Giulia in Lebensgefahr bringt. Nach mehreren Untersuchungen bei unterschiedlichen Ärzten wird klar, dass Giulia knapp am Tod vorbeigeschrammt ist.

Wie es Giulia heute geht

Im Spital bekam Giulia dann auch psychologische Unterstützung, um ihre Angst vor festem Essen und einer Unterzuckerung in den Griff zu bekommen.

Heute hat Giulia ihre Angst in den Griff bekommen. Sie muss regelmässig ihre Insulineinstellung im Krankenhaus überprüfen und anpassen. Mittlerweile hat sie eine Insulinpumpe, die mit manueller Eingabe automatisch Insulin in ihre Blutbahn pumpt.

Diabetes Typ-1

Diabetes Typ-1 ist eine Autoimmunerkrankung. Diese entsteht, wenn die Bauchspeicheldrüse, welche das notwendige Insulin für die Regulierung des Blutzuckers herstellt, vom Immunsystem des Körpers zerstört wird.

Ohne Insulin steigt der Blutzuckerspiegel im Körper, was zur Übersäuerung der Organe führen kann.

S.O.S. (Sick of Silence)

S.O.S. (Sick of Silence)

Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner neuen Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18 - 19 Uhr bei SRF Virus.