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Rehmann Aus dem Spiel «Tat oder Wahrheit» wurde sexueller Missbrauch

Die 22-jährige Petra* wurde in ihrer Jugend von einem gleichaltrigen Bekannten über Jahre sexuell genötigt. Die traumatischen Erlebnisse, den langen Irrweg durch die Justiz und das bittere Ende der Odyssee setzten ihr sehr zu. Wir geben ihr eine Stimme.

Es ist während einer Silvesterfeier als Petra, damals 12 Jahre alt, mit einem 13- jährigen Bekannten ins Kinderzimmer geht. Sie spielen zusammen Tat oder Wahrheit. Das unschuldige Spiel entpuppt sich schnell als Falle, denn der Junge verlangt, dass Petra sich ausziehen soll. «Ich wollte nur noch raus», erinnert sich Petra. Aber der Junge versperrt ihr den Weg und fängt an, sie zu bedrohen. Schliesslich zieht er ihre Hosen aus und fängt an, ihre Intimstellen zu berühren. Als es endlich vorbei ist, ist Petra völlig verwirrt und kann nicht einordnen, was geschehen ist.

Am Anfang war es nur ein Anfassen, es wurde aber immer mehr.

Sick of Silence

In der Sendung Rehmann S.O.S erzählen junge, kranke Menschen ihre Lebensgeschichte. Nun geben wir Menschen eine Stimme, die anonym von ihrem Schicksal erzählen möchten.

In der Webserie erzählen die Schauspieler Anja Rüegg, Silvio Kretschmer und Giorgina Hämmerli solche Geschichten - genau so, wie uns diese erzählt wurden.

Von ihrem Peiniger erpresst

In den nächsten zwei Jahren mehren sich die Missbräuche, auch in ihrer Schwere. «Immer, als wir uns sahen, hat es sich gesteigert», sagt Petra.

Er drohte, Nacktbilder von mir ins Internet zu stellen.

Darüber hinaus entsteht ein Machtverhältnis, denn sie wird vom Jungen erpresst. Er sagt, er habe Nacktbilder von ihr und werde diese ins Internet stellen, falls sie nicht macht, was er will. Die Missbräuche belasten sie enorm. Petra leidet an Stimmungsschwankungen, welche ihre Eltern ratlos machen. «Zu dieser Zeit bin ich wöchentlich ausgerastet.»

Als ihre Mutter wegen ihrem Verhalten ihre Reitstunden streichen will, brennen bei Petra alle Sicherungen durch. Sie stosst ihre Mutter um, schreit und droht aus dem Fenster zu springen. Schliesslich muss die Polizei einschreiten.

Die nächsten fünf Monate verbringt Petra in einem Heim, eine Erleichterung für sie. «Das war gut so, denn ich kam endlich von diesem Typ weg.»

Einen Irrweg durch die Justiz

Es vergehen drei Jahre ohne weitere Zwischenfälle, bis Petra plötzlich von anonymen Anrufen belästigt wird. Mit diesen Anrufen kommt das Erlebte wieder hoch. Sie beschliesst, ihren Peiniger anzuzeigen.

Eine Anzeige bedeutet vor allem viel Bürokratie.

Dies ist aber einfacher gesagt als getan. Petra wird mehrere Stunden lang von der Polizei verhört. Da Petra noch minderjährig ist, als sie Anzeige erstattet, werden die Eltern automatisch von der Polizei informiert. Sie entschliesst sich, ihrer Mutter davon zu erzählen, bevor es die Behörden machen. «Sie war komplett geschockt, fing an zu weinen und machte sich Vorwürfe.»

Nach einem Jahr erhält Petra die Meldung, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt. Es stehe Aussage gegen Aussage, zudem fehlen zwingende Beweise. Petra reicht zusammen mit ihrem Anwalt eine Beschwerde ein und stellt mehrere Beweisanträge.

Dann endlich eine gute Nachricht: Die Beschwerde ans Obergericht wird angenommen. Aber das Verfahren scheint aussichtslos. Es heisst, man könne den Jungen nicht strafbar machen, da er zum Zeitpunkt der ersten Vergehen 13-jährig war. Dieser Entscheid ist für Petra ein Schlag ins Gesicht. «Mir wurde ernsthaft die Frage gestellt, ob ich mich genug gewehrt habe», ärgert sich Petra.

Ein Nein gilt angeblich erst, wenn man es mit einer Ohrfeige unterstreicht.

Das Verfahren wird aussergerichtlich durch eine Mediation beendet. Petra willigt ein, unter der Bedingung, dass ihr Peiniger alles zugibt. Dieser bekennt sich zu seinen Taten und entschuldigt sich bei Petra. «Ich habe ihm noch kurz die Hand geschüttelt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich das tun muss.»

Wir geben auch dir eine Stimme

Möchtest auch du deine Geschichte anonym erzählen und anderen Menschen, die ähnliches erlebt haben, Mut machen?

Dann schreib uns auf
sos@srfvirus.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Es bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack

Petra ist heute noch verärgert über den Ausgang des Verfahrens und wie das Schweizer Rechtssystem in einem solchen Missbrauchsfall wie ihrem funktioniert. Petra kann es nicht fassen, dass ein Nein nicht als Nein gilt. «Man kann in einer solchen Situation nicht verlangen, dass man sich noch wehren soll, vor allem nicht als 12-jähriges Mädchen», stellt Petra fest.

Ihre Vergangenheit lässt sie nicht mehr los. Eine Frage stellt sie sich immer wieder: «Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn diese Übergriffe nie passiert wären?»

*Name von der Redaktion geändert

6 Kommentare

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  • Kommentar von Sven Peter (Rightsight)
    und wieso genau muss die Schauspielerin die Geschichte oben ohne erzählen ?
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    2018 - eine Anzeige der Täter durch die "lebenslänglich" traumatisierten Opfer sexuellen Missbrauchs, hat noch immer keine wirklich gravierenden, juristischen "Folgen" für die Täter - "Kuschel-Justiz- und Gutachter"!?? Die Schmach für die lebenslangen Opfer hingegen, wird durch eine Anzeige und entsprechend "humanen" Konsequenzen für die Täter, meist noch vergrössert!
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  • Kommentar von Tom Steinemann (Tom Steinemann)
    Diese so wunderbare wie notwendige Initiative zeigt wieder mal, dass nicht alles früher besser war, im Gegenteil. Ein Hirnforscher sagte gerade in einem Interview, er sei schon lange der Meinung, dass unsere Kinder intelligenter seien, als wir. Stimmt... und menschlicher... und kreativer, um der Menschlichkeit Ausdruck zu geben. Auch wenn uns medial aufbereitete Schauergeschichten immer wieder das Gegenteil weismachen wollen.
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