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«Bei 50 Suizidversuchen habe ich aufgehört zu zählen»
Aus Rehmann vom 03.05.2021.
abspielen. Laufzeit 37:04 Minuten.
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Rehmann «Bei 50 Suizidversuchen habe ich aufgehört zu zählen»

Stephanie ist auf ihren Rollstuhl angewiesen. Weshalb ihre Geschichte eine wichtige Rolle spielt, dass sie nicht mehr laufen kann und wie sie ihren Alltag meistert, erzählt sie Robin Rehmann im Gespräch.

Die Herausforderungen für Rollstuhlfahrer:innen lauern im Alltag überall. «Ich weiss beispielsweise nie, ob ich meinen Anschlusszug schaffe, weil ich mehr Zeit einberechnen muss und es überall Schwellen geben kann», erklärt Stephanie. Die Schweiz sei zwar grundsätzlich relativ rollstuhlkonform, es gäbe aber definitiv noch Luft nach oben. An guten Tagen kann sie in ihrer Wohnung ein paar Schritte gehen, doch meistens sitzt Stephanie seit circa einem Jahr im Rollstuhl.

Doch ihr Leidensweg beginnt schon viel früher. Als Kind erlebt sie über mehrere Jahre Missbräuche. Was sie zu Beginn zu verstecken versucht, kommt, als sie 15 Jahre alt ist, ans Licht. Kurze Zeit später wird sie einer Pflegefamilie übergeben. Die psychischen Narben aber bleiben. Insbesondere das Vertrauen in andere Menschen verliert Stephanie. Sie entwickelt eine Borderline-Störung mit einer chronischen Suizidalität. «Man durfte mich nicht mehr aus den Augen lassen», erinnert sie sich.

Sobald die Gelegenheit da war, versuchte ich mir etwas anzutun. Das geschah wie ferngesteuert.

Weil man sie nicht 24 Stunden am Tag beobachten konnte, verbringt Stephanie eine lange Zeit in der geschlossenen Psychiatrie. Die Therapie aber verschlimmert die Situation. «Damals war ich überzeugt, dass ich nicht mehr leben will. Heute weiss ich: Ich wollte einfach nicht dieses Leben. Ich wollte ein anderes.»

Bei 50 Selbstmordversuchen hört Stephanie auf zu zählen. Doch ein Versuch hat bis heute Folgen: In einem Wohnheim springt die damals 20-Jährige aus dem Fenster und zieht sich einen Lendenwirbelbruch zu. Zwei Tage nach dem Sprung wird sie operiert und kann danach noch gehen. Die gesundheitlichen Beschwerden tauchen erst Jahre später auf.

Was mit leichten Schmerzen beginnt, wird mit der Zeit immer schlimmer. Es kommen Bewegungseinschränkungen, neurologische und organische Symptome dazu. Was damals noch niemand weiss: Durch die Operation wurde Stephanies Nervensystem beschädigt. Aufgrund ihrer psychischen Vorerkrankung heisst es lange, ihre Beschwerden seien psychischer Natur. «Ich selbst wusste immer, es ist nicht psychisch, auch wenn mir niemand glaubte», betont sie.

Im Rollstuhl zurück zur Selbstständigkeit

Es entwickeln sich bei der jungen Frau Erschöpfungszustände, Darmbeschwerden und Gewichtsprobleme. «Wenn man die Fehler der Operation sofort entdeckt hätte, würde ich heute wahrscheinlich nicht im Rollstuhl sitzen», ist Stephanie überzeugt.

Aus Eigeninitiative sucht sie einen Arzt in Deutschland auf. Dieser entdeckt endlich einen massiven Pfusch der damaligen Rückenoperation. «Es war Schock und Erleichterung gleichzeitig», blickt sie zurück. Sie unterzieht sich einer Revisionsoperation, um die vorherigen Schäden zu minimieren. Doch die Chance, dass sich ihr Zustand verbessert liegt bei 50 % und die erhofften Erfolge bleiben aus. Stephanie lebt weiter mit irreparablen Schäden der ersten Operation.

S.O.S. – Sick of Silence

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S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

Seit kurzer Zeit lebt sie in einer behindertengerechten Wohnung und erhält von der Spitex Unterstützung. Auf den ersten Blick scheint es als habe sie ein Stück ihrer Selbstständigkeit verloren. Doch Stephanie verneint: «Der psychische Schmerz von früher war viel schlimmer.»

Ich kann heute mehr Einfluss auf mein Leben und meine Zukunft nehmen. Durch die Psyche schien alles unüberwindbar.

Obwohl es am Anfang ein grosses Risiko war, hat eine eigene Wohnung ihr nach allen Erfahrungen in Wohnheimen wortwörtlich das Leben gerettet, ist sie sich sicher.

Heute findet Stephanie an vielen Dingen im Leben wieder Freude. Zum Beispiel an ihren Katzen, dem Häkeln oder dem Nähen. Doch etwas treibt sie ganz besonders an: «Mein grosses Lebensziel ist es, die Matur nachzuholen und ein Jurastudium zu beginnen. Ich weiss nicht wann, aber ich werde es erreichen», ist sich die heute 31-Jährige sicher.

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