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Rehmann «Morbus Crohn half mir aus einem Teufelskreis auszubrechen»

Delia (30) wächst mit einem alkoholkranken Adoptivvater auf und ist von ihrer schweren Kindheit geprägt. Später bekommt sie die Diagnose Morbus Crohn, einer chronischen Darmerkrankung, und muss wieder bei Null beginnen – was aber gar nicht unbedingt schlecht ist, wie sie sagt.

Delia kennt ihre leiblichen Eltern nicht. Ihre Mutter hat sie in Thailand in einem Spital zur Welt gebracht und ist dann verschwunden. Sie wird von einem Schweizer Paar adoptiert. «Und ich bin glücklich und extrem dankbar, dass das passiert ist», sagt die heute 30-Jährige. Ihre Kindheit wird aber alles andere als einfach – denn ihr Adoptivvater ist Alkoholiker.

Meine leibliche Mutter hat mich zur Welt gebracht und ist abgehauen. Vielleicht hat mir schon so ein bisschen die Geborgenheit gefehlt.

Traumatische Erlebnisse als Kind

Eine Anekdote aus ihrer Kindheit, die sie zu erzählen bereit ist, ist jene von einem Abend mit ihrem Vater: Die beiden fahren mit dem Auto ins Dorf und gehen essen. «Mein Vater hat sich dort die Lampe gefüllt. Der Wirt bestand dann darauf, ihm ein Taxi zu bestellen.»

«Als er zuhause aus dem Taxi ausstieg, kippte er um und brach sich die Nase. Und sagte zu mir: ‹Delia, ich sterbe jetzt›». Die Mutter ist bei der Arbeit in einer anderen Stadt, Delia muss die Nachbarn um Hilfe bitten. Und sie stellt klar: «Diese Story war eine von den harmlosesten.»

Mein Vater war eigentlich ein toller Mensch, aber der Alkohol hat alles versaut.

Delias Eltern trennen sich – und vier Jahre später stirbt ihr Vater. Delia frisst den Schmerz in sich hinein, baut eine Wand um sich: «Es war, als würde das Ganze einer Kollegin passieren und nicht mir. Ich war wie in einer Blase.»

Und auch mit dem neuen Partner der Mutter ist es schwierig: Bei ihm ist Alkohol ebenfalls ein Thema, es kommt zu häuslicher Gewalt, die Delia nicht näher beschreibt.

All das hinterlässt Narben, die für immer bleiben. Auch in der Schule hat es Delia lange nicht leicht. Die Familie zieht mehrmals um, sie ist teilweise an Schulen, an denen es kaum Ausländer gibt. Sie wird wegen ihres Aussehens gemobbt – sogar die Lehrer grenzen sie aus: «Bei denen konnte ich immer nur alles falsch machen», erzählt sie.

Ehrgeizige Pläne

Delia hat lange keine genauen Berufsvorstellungen, weiss nur, dass das Gestalterische sie anzieht. Sie studiert Grafik, schliesst schon mit 19 Jahren das Studium ab. Und entdeckt ihre Leidenschaft: das Piercen und Tätowieren. In das steckt sie sehr viel Ehrgeiz: «Ich habe an allen möglichen Orten in diesem Bereich gearbeitet, war immer erreichbar», erzählt sie.

Ich habe zusätzlich an der Bar gearbeitet, um meinen Freund zu finanzieren.

Zusätzlich arbeitet sie hinter der Bar, weil sie mehr Geld braucht. Denn Delia muss für zwei aufkommen: Ihr Freund ist arbeitslos und vertreibt sich die Tage mit Kiffen. Zusätzlich erschwert wird ihr Alltag durch Darmprobleme. Die hatte Delia schon immer, bisher lautet die Diagnose Reizdarm.

Reizdarmselbsthilfe

Unter https://reizdarmselbsthilfe.org/, Link öffnet in einem neuen Fenster findest du die zurzeit die größte Datenbank an Kliniken, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für Betroffene von chronischen Darmerkrankungen.

Nun aber werden die Symptome immer schlimmer. Ihre Verdauung ist unberechenbar, Delia macht sich sogar in der Öffentlichkeit in die Hose – ein Alptraum. Weil sie darum immer wieder zuhause bleiben muss, wird ihr gekündigt. «Mein Chef sagte, er könne sich nun nicht mehr auf mich verlassen», erzählt Delia.

Erst nach zwei Darmspiegelungen kommt die richtige Diagnose: Morbus Crohn. Von ihrem Freund fühlt sich Delia in dieser Zeit nicht verstanden. Es folgt die Trennung – und Delia ist am Boden: Kein Job, kein Freund und ein Körper, der gegen sich selber kämpft.

«Wie ein Phoenix aus der Asche»

Heute sieht sie das positiv. «Ich musste so lange so viel tragen. Die Beziehung und der Job – vielleicht habe ich Morbus Crohn gebraucht, um aus dem Teufelskreis auszubrechen.»

Ich musste so lang so viel tragen. Durch Morbus Crohn war ich dann gezwungen, mal nur auf mich zu schauen.

Momentan ist Delia sehr glücklich. Die Wende brachte ein intravenös verabreichtes Medikament, das ihr Immunsystem unterdrückt. Bis sie es bekommt, dauert es lange: Es ist äusserst stark und extrem teuer. Aber es ist das erste, das wirklich hilft. Delia hat praktisch keine Beschwerden mehr.

«Ich bin wie ein Phönix aus der Asche aufgestiegen», meint sie. «Durch Morbus Crohn musste ich wieder bei null anfangen. Es hat aber vor allem auch die Dinge, die in meinem Leben schlecht waren, entfernt.»

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.