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Rehmann Simon (27): «Depressionen können tödlich enden!»

Simon litt jahrelang an Depressionen. Die Krankheit ist bis heute ein Tabuthema und viele wissen nicht, was genau dahinter steckt. Bei Robin Rehmann spricht er über seine Erfahrungen und seinen Weg zur Besserung.

Simon litt sein halbes Leben an Depressionen. Den Ursprung dafür vermutet er in seiner Kindheit. Als Säugling wird er für einige Zeit von seinen Eltern getrennt, weil er am Norovirus leidet. Als er drei Jahre alt ist, muss er seine Mandeln operieren lassen und ist nachher nicht mehr derselbe: «Als ich nach der Operation nachhause kam, wollte ich keine Bezugsperson mehr an meiner Seite haben und entwickelte ein ablehnendes Verhalten meinem Umfeld gegenüber.»

Als er neun ist, lassen sich seine Eltern scheiden. Bei Simon löst das eine tiefsitzende Angst aus: Vertraue niemandem, sonst wirst du nur verletzt.

Essen, Trinken und Mobbing

Trost spendet ihm in dieser Zeit lediglich das Essen, es gibt ihm ein gutes Gefühl wenn er traurig oder wütend ist. Die logische Konsequenz: Simon wird stark übergewichtig. Und für die Kinder in seiner Schule ist das ein gefundenes Fressen. Sie beginnen ihn zu mobben, was ihn sehr verletzt. Während sich andere Mobbing-Opfer zurückziehen, entwickelt Simon eine ganz eigene Strategie, um sich selbst zu schützen. Er beginnt selbst andere Kinder zu mobben: «Ich nahm eine Rolle ein, die ich eigentlich überhaupt nicht wollte.»

Simon wird älter, kommt in die Pubertät und merkt dann schnell, dass sich nebem dem Essen auch Alkohol eignet, um aus der Realität zu flüchten. Mit Partyexzessen versucht er, seine Traurigkeit zu überwinden.

Die Erlösung?

Ich dachte, mein Übergewicht sei der Grund, warum es mir nicht gut geht.

Simon merkt, dass sein Übergewicht ein Problem ist und nimmt 30 Kilos ab. «Ich dachte, mein Übergewicht sei der Grund, warum es mir nicht gut geht und wenn ich das ändern würde, würde es mir besser gehen.»

Trotz Gewichtsverlust geht es ihm immer noch schlecht, er trinkt weiterhin viel Alkohol und versucht, damit seine Gefühle zu verdrängen. Eines Tages beschliesst er aber, abstinent zu werden: «Ich merkte, wie ich damit meine Gefühle ständig verdrängte.»

Plötzlich ist Simon ganz mit sich selbst konfrontiert. Als er von verschiedenen Menschen hört, dass sie dank dem Jakobsweg mehr zu sich selbst finden konnten, beschliesst Simon, ihn auch zu gehen. Zehn Tage begibt er sich alleine mit dem Rucksack auf einen 260 Kilometer langen Weg von Porto nach Santiago de Compostela.

Was ich auf dem Jakobsweg für mich lernen konnte ist, dass jeder seinen eigenen Weg im eigenen Tempo geht. Es muss nur für dich selbst stimmen und sonst für niemanden.

Und obwohl Simon die Erfahrung als sehr wertvoll sieht, fällt er zuhause wieder in ein tiefes Loch.

Vom absoluten Tiefpunkt zur Besserung

Da wusste ich: Jetzt bist du krank.

Er verspürt weder Glück noch Trauer, leidet an Antriebslosigkeit und sieht keine Perspektiven mehr für sich selbst. Simon liegt nur noch herum, schafft gerade noch, das Nötigste zu erledigen. Er verfällt in schwere Selbstzweifel und sein Kopf scheint ständig in negativen Gedanken zu kreisen. «Sogar die banalsten Gedanken bereiteten mir Kopfzerbrechen. Da wusste ich: Jetzt bist du krank.»

Simon begibt sich daraufhin in eine Therapie und nimmt Antidepressiva. Das Medikament hilft Simon dabei, offener mit der Therapie umzugehen. «Bei Antidepressiva ist es wie bei einer Schmerztablette. Es lindert zwar die Schmerzen, heilt aber nicht den Bruch.» Gerade deshalb ist es enorm wichtig, dass man zusätzlich auch eine Therapie macht.

Das ständige Drehen in seinem Kopf und die innere Unruhe gehen langsam weg. Er beginnt wieder klarer zu denken, wird entspannter und kann mit Hilfe der Therapie wieder Vertrauen zu sich und anderen Menschen aufbauen.

Depressionen müssen ernst genommen werden. Wenn du merkst, dass etwas in dir nicht stimmt, dann hole Hilfe! Niemand muss damit alleine und im Stillen herumlaufen.

Die unsichtbare Krankheit

Dass jemand unter Depressionen leidet, sieht man den Menschen nicht immer an. Deswegen ist es wichtig, darüber zu sprechen. Auf Instagram und Twitter stehen Menschen mit dem Hashtag #WhatYouDontSee offen zu ihren psychischen Erkrankungen und klären so mit Vorurteilen auf.

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 19-20 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

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