Thorsten (41): «Meine Mutter hat mich vom Strick befreit»

Seine Mutter ist Filipina, sein Vater zur Hälfte Pole – kein Wunder sah Thorsten nicht aus wie ein typischer deutscher Junge. Der Rassismus, den er deswegen erlebt hat, brachte ihn zu den Drogen, in die Depression – und schliesslich beinahe ums Leben.

Thorstens Leben begann im Westdeutschland der 70er-Jahre – eine klassische Familie, eine «wohlbehütete» Kindheit, wie er sie nennt. Nur sein Aussehen entsprach nicht dem Bild des typischen Deutschen.

«So what?» denkst du dir vielleicht. Aber rassistische Beschimpfungen, Schikane und Ausgrenzung sind Teil unserer Gesellschaft, damals wie heute. Egal ob Lehrerin, Mitschüler oder Passant auf der Strasse – sie gaben Thorsten bei jeder Gelegenheit das Gefühl, nicht dazuzugehören.

«  Wenn wir unterwegs waren, kam es vor, dass sie meine Grossmutter gefragt haben: ‹Und, hast du das Chinesenkind wieder dabei?› »

Thorsten fand neue Freunde in der multikulturellen Skater- und Punk-Szene, fühlte sich endlich zuhause. Doch der Rassismus wurde schlimmer, und auf die verbalen Angriffe folgte körperliche Gewalt. Thorsten erinnert sich zurück an Szenen, die er als «Menschenjagden» beschreibt, ausgeübt von Neonazis und geprägt von unglaublichem Hass.

«Ich kam mit der Welt nicht mehr klar»

Und so kam Thorsten, der sich selber als sehr sensibel beschreibt, schon bald an seine Grenzen, rutschte darüber hinaus direkt in die Depression. Zeitweise lebte er im Wald hinter seinem Haus und versteckte sich dort vor der Welt.

Mit 10 Jahren begann Thorsten, sich selber zu verletzen. Die Sehnsucht nach dem Schmerz wuchs über die Jahre, und eines Tages wusste er – ich will nicht mehr auf dieser Welt leben. Ein ganz klarer Gedanke, oder Zweifel.

«  Ich war nicht leer. Ich war gefasst und wusste, dass ich gehen will. Ich war komischerweise nicht traurig. Ich war selbstbewusst. »

Sein Leben verdankt Thorsten dem Zufall – er hing bereits einige Sekunden am Strick im Keller, als seine Mutter früher von der Arbeit nach Hause kam und ihn losbinden konnte. Eine zweite Chance, die er damals nicht wollte, für die er heute umso dankbarer ist.

Drogen als Hilfsmittel

Der Strick war aber nicht Thorstens einziger Versuch, seinem Leben Adieu zu sagen. Die Depression führte ihn rasch in den Drogensumpf – via Cannabis zu Amphetamin und LSD.

Dabei war Thorsten aber kein Opfer der Sucht. Der Drogenkonsum war für ihn eine bewusste Entscheidung mit klarem Ziel:

«  Ich habe mir gesagt, ich nehme so viel bis ich tot bin! »

Der Weg zurück ins Leben

Thorsten erinnert sich noch sehr genau an den Moment, an dem sich sein Leben um 180 Grad drehte. Er sass mit einem guten Freund im Zimmer, dieser legte das «Besteck» bereit, wie die Heroinspritze in der Szene genannt wird. Und auf einen Schlag wurde ihm klar – so kann sein Leben nicht enden.

Ohne ein Wort verliess Thorsten das Haus, fuhr zu seinen Eltern, bat um Hilfe. Er ging in die Suchtberatung, machte einen Entzug, arbeitete in einer überwachten Einrichtung. Langsam aber sicher fand er den Weg zurück ins Leben – und Freude daran!

Heute lebt Thorsten in Winterthur, hat eine eigene Familie gegründet und die Liebe gefunden. Sein Sohn ist 16 Jahre alt, seine Tochter 4. Für die beiden will Thorsten der Vater sein, den er in seiner Jugend gebraucht hätte.

«  Für viele bedeutet Vater sein, Verantwortung zu tragen. Für mich heisst es vor allem, ein Leben zu begleiten, zu entdecken, wie es sich entwickelt und viel zu akzeptieren. »

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.