«Nein, ich werde nicht zur Prostitution gezwungen»

Zwischen 13‘000 und 25‘000 Frauen (und Männer) arbeiten in der Schweiz als Prostituierte. Eine von ihnen ist die 21-jährige Elo. Bei «True Talk» spricht sie über ihre Arbeit im Sexgewerbe und die damit einhergehenden Vorurteile.

Es gibt vermutlich keinen Beruf mit längerer Geschichte als den der Prostitution. Erste schriftliche Belege über Frauen, die ihren Körper für Geld verkauften, existieren bereits aus dem alten Babylon und der griechischen Antike.

Prostitution in der Schweiz

Auch in der Schweiz zählt das Sexgewerbe zu den ältesten Branchen überhaupt. Ausserdem gehört die Schweiz zu den liberalsten Ländern in Sachen Sexarbeit: Bereits seit 1942 ist Prostitution hierzulande legal und unterliegt der regulären Steuerpflicht. Der Jahresumsatz in der Prostitution wird auf 3,5 Milliarden jährlich geschätzt.

Die Vorurteile

Dennoch ist kein anderer Beruf mit derart vielen Vorurteilen behaftet: «Das ist das Allerschlimmste an dem Job», sagt Elo, «mann muss sich ständig rechtfertigen und erklären». Insbesondere Frauen würden hart mit ihr ins Gericht gehen: «Frauen haben noch weniger Achtung vor mir als Männer. Sie gehen automatisch davon aus, dass ich dazu gezwungen werde, ekeln sich aber gleichzeitig, weil ich mit ‹zu vielen› Männern schlafe». Männer seien da meist etwas pragmatischer: «Die gehen zwar auch davon aus, dass ich das nicht freiwillig mache, fragen irgendwann aber trotzdem nach dem Preis.»

Die Krux mit dem Zwang

Trotz der liberalen Gesetzgebung sind die Arbeitsbedingungen für viele Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen in der Schweiz alles andere als ideal – vor allem, wenn sie aus dem Ausland kommen und mit Sprache und Gesetzgebung nicht vertraut sind. Immer wieder berichten Medien über schlimme Geschichten, wie die der 18-jährigen Ungarin Maria, die zum Anschaffen in die Schweiz kam und hier nicht nur körperlich und seelisch ausgebeutet, sondern auch von Kokain abhängig gemacht wurde.

Solche Fälle findet auch Elo schlimm, ist aber überzeugt, dass solches nur einem kleinen Bruchteil der Frauen wiederfährt: «Ich kenne sehr viele Schweizerinnen, die sich prostituieren. Viele davon sind zum Beispiel Studentinnen, die sich so ihre Ausbildung finanzieren», erzählt sie. Und auch sie selber habe sich aus freien Stücken zur Prostitution entschieden, weil ihr einfach kein anderer Beruf besser gefallen habe. Die meisten Schweizer Prostitutierten würden dies schlicht und einfach verschweigen – aus Angst vor den gesellschaftlichen Konsequenzen. «Ich bin da anders. Ich will kein Doppelleben führen, das würde mich mit der Zeit krank machen. Also stehe ich einfach dazu, womit ich mein Geld verdiene.»

Wir glauben: Wenn mehr Menschen so offen und vorurteilsfrei mit dem Thema Prostitution umgehen würden wie Elo, dann gäbe es weniger Probleme, weil Missstände früher angesprochen werden könnten und nicht zwingend mit Scham verbunden sein müssten – denn schliesslich ist es ein Job wie jeder andere.

«True Talk»

«True Talk»

In unserer Webserie «True Talk» werden Menschen, die aufgrund von bestimmten Merkmalen, Eigenschaften oder Vorlieben häufig mit Vorurteilen zu kämpfen haben, mit ebendiesen konfrontiert.

«True Talk» siehst du jeweils mittwochs bei uns auf Facebook oder auf dem «True Talk»-YouTube-Kanal.