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Dorothea Kolde «Ich liebe die Weite des Himmels und die Weite des Landes»

Dorothea Kolde stellt sicher, dass die Arbeiter auf den WM-Baustellen menschenwürdig behandelt werden.
Legende: Dorothea Kolde stellt sicher, dass die Arbeiter auf den WM-Baustellen menschenwürdig behandelt werden. SRF

Wieso Moskau?

«Ich hatte 1993 meinen zukünftigen (seit letztem Jahr ehemaligen) Ehemann im Genfer Theater Grütli, wo ich damals arbeitete, kennengelernt und wollte bei ihm sein. Als Schauspieler sah er keine Zukunft für sich in der Schweiz, mir hingegen gefiel die Idee, nach Moskau zu ziehen.

Ich hatte davor schon ein Jahr – 1988 bis 1989 – in Russland gelebt, im damaligen noch sowjetischen Leningrad, im Rahmen meines Russischstudiums. So waren mir, als ich im Juli 1994 mit zwei Koffern und zwei Meerschweinchen in Moskau gelandet bin, das Land und die Sprache vertraut.»

Was gefällt Ihnen hier?

«Die Weite des Himmels und die Weite des Landes. Die nasskalten aber so gemütlichen Wintermonate, die hellen Sommernächte, das Leuchten der Tulpen und der Duft des Flieders, die Farbenexplosion der Natur im Herbst. Das Herumstrolchen und sich Verlieren in den verwinkelten Gassen von Kitai Gorod.

Die herzliche – wenn auch manchmal etwas ruppige – Art der Menschen hier. Ihr subversiver Humor und die Leichtigkeit, mit Problemen umzugehen und sie zu meistern, ihre Grosszügigkeit und Gelassenheit. Das Gefühl, dass alles möglich ist, und dass immer etwas Aussergewöhnliches geschehen könnte.»

Was vermissen Sie?

«Meine Freunde in der Schweiz. Meine Mutter und Schwester, die in Genf leben. Den Genfer See, den Salève und andere Berge, einige Orte, wie les «Bains des Pâquis» oder den Flohmarkt in Genf. Das Gefühl, keine Fremde zu sein. Selbst nach 23 Jahren, bald 24, können sich die Leute hier immer noch nicht vorstellen, dass ich mich auch in Moskau zu Hause fühle. Das nervt manchmal etwas. Ich werde hier immer eine Fremde bleiben.»

Wie hat sich Ihre Sicht auf sich selbst verändert?

«Die Erkenntnis, dass die Realität auf verschiedene Art interpretiert und gedeutet werden kann, dass die menschlichen Grundwerte eigentlich allgemeingültig sind, zurzeit aber wieder vermehrt als Propagandamaterial missbraucht werden. Und dass jederzeit und überall das Risiko besteht, manipuliert zu werden. Ich bin vielleicht noch vorsichtiger mit meinen Urteilen geworden.»

Meine Lieblingsorte in Moskau

Park «Imeni 50-letnaya Oktyabrya»

Metrostation Prospekt Vernadskovo. Ein grosser Park für uns gut zu Fuss erreichbar, mit ausgedehnten Wiesenflächen, vielen verschiedenen Baumarten und einigen ruhigen Plätzen, wo es noch richtig wilde Natur gibt, mit einem Flüsschen und grossen alten Bäumen. Wir sind fast jeden Sonntag in diesem Park, jedes Mal entdecken wir etwas Neues, langweilig wird es uns hier nie.

Eignet sich für ausgedehnte Spaziergänge: Park «Imeni 50-letnaya Oktyabrya»
Legende: Eignet sich für ausgedehnte Spaziergänge: Park «Imeni 50-letnaya Oktyabrya» Dorothea Kolde

Park Gorki

Metro Station Park Kultury. Ob zu Fuss, auf dem Fahrrad, mit den Rollschuhen in den Sommermonaten oder im Winter auf Schlittschuhen oder Skiern, hier ist immer viel los: Tanzflächen für Tango, Walzer und Rock am Fluss Moskva, spannende Ausstellungen im Musuem für zeitgenössische Kunst «Garage», ein köstliches vietnamesisches Restaurant, gemütliche Liegestühle und Liegekissen auf den Grasflächen.

Kunst im Gorki Park
Legende: Kunst im Gorki Park Dorothea Kolde

Restaurant «Moscow Delhi»

Ermolaevski pereulok 7/1. Wenn man sich im Vorraum die Schuhe ausgezogen hat, taucht man in Socken und auf Holzboden in eine andere Welt ein, so wie ich mir Indien vorstelle. Hier ist man kein Restaurantbesucher, sondern Gast einer ganz speziellen kulinarischen Zeremonie, die uns von Menschen aus den verschiedensten Ländern der Welt mit einem Lächeln offeriert wird.

Gaumen und Augen werden verwöhnt im «Moscow Delhi»
Legende: Gaumen und Augen werden verwöhnt im «Moscow Delhi» Dorothea Kolde

Tchaikhona N° 1

Puschkinplatz, 2. Hier werden die besten Cocktails gemixt, Schaschliks, usbekischer Tomatensalat und Plov, Lagman und Chinkali aber auch Sushis und Miso Suppe angeboten, eine ausgezeichnete Küche in einem bunten, lauten, fröhlichen, halb traditionellen halb kitschigen Interieur.

Obst und Gemüseladen

Marii Ulyanovoi Strasse 8. In diesem kleinen unauffälligen Laden gibt es so ungefähr alle mir bekannten und unbekannten Obst- und Gemüsesorten, fein säuberlich aufgereiht auf den Regalen. Man hat nur die Qual der Wahl. Der Ladenbesitzer vermittelt den Eindruck, als hätte er jede Gurke selber grossgezogen und jede Kartoffel einzeln aus der Erde gebuddelt.

Mit viel Liebe und Sorgfalt feil geboten
Legende: Mit viel Liebe und Sorgfalt feil geboten Dorothea Kolde

Kunstladen «Prosto Tak»

Zabelina Strasse 37/, Metro Kitai Gorod. Egal, ob ich ein Geschenk suche, oder mir selber eine Freude machen möchte – hier ist eine wahre Fundgrube von originellen, witzigen, ganz bestimmt einmaligen – und manchmal sehr praktischen – Gegenständen, die den Humor, die Wärme und die poetische Verspieltheit der russischen Künstlerseele so gut wiedergeben.

Lassen das Herz höher schlagen: Ausgefallene Geschenke im «Prosto Tak»
Legende: Lassen das Herz höher schlagen: Ausgefallene Geschenke im «Prosto Tak» Dorothea Kolde

Konservatorium

Bolshaya Nikitskaya 13/6. Schon auf dem Weg in Richtung Konservatorium kommt das Gefühl der Vorfreude in mir auf, getragen von einem immer grösser werdenden Menschenstrom von älteren Damen in ihren feinsten Sonntagskleidern, kleinen Mädchen mit grossen weissen Schleifen im Haar, Musikstudenten und Touristen in Jeans, alle eilen sie freudig und erwartungsvoll dem Rendezvous mit der Musik entgegen.

Kinozentrum «Solovey»

Metro Krasnopresnenskaya. In Betrieb seit 1986, heute das grösste Kinozentrum im postsowjetischen Raum. Die schwarzen Säle schlucken das Publikum, die Filme – aller Generationen, Kategorien und Herkunftsländern – fangen an, vom Flur aus ein Gewirr von Stimmen, Musik, pulsierenden Lauten. 24 Säle, 24 parallele Welten, jeder in seiner Filmrealität. Bis wir uns alle in der Eingangshalle wiederfinden, einige mit verweinten Augen, andere mit einem Lächeln im Gesicht, alle wieder vereint auf dem Weg zur Metro.

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