Erst surfen, dann in die Schule

Aufbrechen und in ein neues Leben reisen, heisst oft auch, auf andere Werte zu treffen. Die «Auf und davon»-Auswanderer in Costa Rica erzählen, weshalb die Schulbildung in der neuen Heimat Vorteile hat, die sie in der Schweiz oft vermisst haben.

Video «Der erste Schultag: «Wie lange geht die Pause?»» abspielen

Der erste Schultag: «Wie lange geht die Pause?»

2:30 min, vom 23.1.2015

«Hier in Costa Rica ist die Schule viel einfacher. Alle sind viel offener und die Lehrer sehr nett», schwärmt Joshua Wiedmer. Der 14-jährige Thuner und seine Familie sind vor gut einem Jahr nach Santa Teresa an die Pazifikküste ausgewandert. Seitdem geht er hier in eine Tagesschule.

Hohes Bildungsniveau: alles, was zählt?

Die meisten Bekannten freuten sich für die Familie Gerstner-Wiedmer und deren Auswanderungspläne. Andere wiederum hatten kein Verständnis – gerade wegen der Ausbildung der Kinder: «Sie fanden es unverantwortlich von uns, dass wir unsere Kinder nicht mehr in der Schweiz in die Schule schicken würden», erzählt Joshuas Mutter Nicole Gerstner.

Die dreifache Mutter ist sich bewusst, dass das schweizerische Bildungsniveau höher ist. Vieles spricht in ihren Augen aber auch für eine Ausbildung in Costa Rica: Die Schule ist klein und übersichtlich. «Sie nehmen die Schüler auch einmal in den Arm. Eine solche familiäre Atmosphäre hat in der Schweiz oftmals keinen Platz», sagt Nicole.

Später Unterricht bei der perfekten Welle

Auch ihr Mann Mike Wiedmer sieht in der Ausbildung in Costa Rica entscheidende Vorteile. Die Schule sei weniger leistungsorientiert als in der Schweiz, sagt er. «Man ist hier näher am Leben dran». In Joshuas Schule, die sich stark am Montessori-Konzept orientiert, wird viel Wert auf Ökologie und Umweltbildung gelegt. Oft findet der Unterricht im Urwald oder am Strand statt, manchmal sammeln die Schüler dort gemeinsam Abfall ein.

Auch wird Bewegung gross geschrieben. Gemeinsames Surfen mit der Klasse, bevor die Schulbank gedrückt wird, gehört zum Schulalltag. Und wenn dann schon einmal die perfekte Welle kommt, kann dies durchaus auch einmal heissen, dass der Unterricht im Klassenzimmer nach hinten verschoben wird.

Acht Schüler pro Schulzimmer

Die «Hermosa Valley School» ist eine internationale Schule. So kommen auch Joshuas Mitschüler aus verschiedenen Ländern, Italien, Kanada, Amerika, Israel. Der Umgang mit anderen Nationalitäten ist für den Teenager selbstverständlich – ein weiterer Vorteil, findet Nicole Gerstner.

Der Junge hat soeben die sechste Klasse abgeschlossen. Weil er noch keine Fremsprachen konnte, musste er das letzte Schuljahr wiederholen. Drei seiner sieben Mitschüler sind gebürtige Costa Ricaner, die anderen zwar Ausländer, aber dort geboren – ausser er: «Das war ein komisches Gefühl. Du warst einfach der, der nichts verstanden hat».

Wellen und Hemmschwellen

Joshua auf dem Wellenbrett

Bildlegende: Lieblingsfach Sport: Joshua auf dem Wellenbrett. SRF

Es habe viel Überwindung gebraucht, sich mit den Mitschülern auf Spanisch zu unterhalten, und er habe Angst gehabt, etwas falsch zu machen, sagt Joshua. Mittlerweile hat er sich gut eingelebt und scheint zufrieden. Auf die Frage, was er am liebsten möge an der Schule, antwortet der blonde «Sonnyboy» mit Stimmbruch lakonisch: «Surfen und Pausen».

«Auf und davon»

«Unsichere Zukunft», Folge 3, Freitag, 23. Januar 2015 um 21.00 Uhr auf SRF1

Mehr zum Thema

Sendung zu diesem Artikel