Vom Abschiedsschmerz der Angehörigen

Den Angehörigen von Auswanderern fällt es schwer, ihre Liebsten ziehen zu lassen. Besonders schwierig wird der Abschied, wenn Kinder mit im Spiel sind. Ob Grosseltern, Onkel, Tanten oder Freunde – niemand lässt die Kleinen gerne ziehen.

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Antonia Rutishauser lässt ihre Enkel ungern ziehen.

1:10 min, vom 12.1.2015

Seit sechs Jahren begleite ich mit der Kamera Schweizer, die auswandern. Immer wieder erlebe ich dabei ganz ganz unterschiedliche Abschiedsszenen. Manche Familienangehörige versuchen, die Auswanderer mit allen Mitteln zurückzuhalten, andere machen ihnen gar Vorwürfe. Wieder andere leiden einfach still vor sich hin. Besonders schwer fällt der Abschied meist den Grosseltern. Ihre Enkel ziehen zu lassen, bricht vielen von ihnen fast das Herz. Nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst noch nie in einem Flugzeug sassen und sich kaum vorstellen können, dies nun im fortgeschrittenen Alter zu tun. Sie fürchten, den Kontakt zu ihren Enkeln vollkommen zu verlieren.

Wenn die Sehnsucht stärker ist als die Angst

Antonia Rutishauser aus dem Glarnerland, von allen Nani genannt, sieht ihre vier Enkel seit deren Geburt fast täglich, ihre Bindung ist sehr eng. Dass ihre kleinen Lieblinge nun am anderen Ende der Welt in Australien leben werden, ist für sie schwer zu akzeptieren. Doch am Entscheid ihrer Tochter kann sie nichts mehr ändern..

Antonia Rutishauser mit ihren Enkelkindern in Australien.

Bildlegende: Antonia Rutishauser mit ihren Enkelkindern in Australien. SRF

Ein halbes Jahr nachdem ihre Tochter mit Mann und Kindern die Schweiz verlassen hat, steigt sie mit 67 Jahren zum ersten Mal in ein Flugzeug. Es hilft ihr, die vier Enkel und ihre Tochter glücklich an einem neuen Ort in Australien zu sehen. So kann sie den Schmerz, den die Trennung verursacht hat, besser ertragen. Die Zeit in Australien mit ihren Enkelkindern geniesst sie in vollen Zügen.

Elisabeth Schönbächler macht ihrem Sohn Hermann Vorwürfe

Ähnliches erlebt auch Elisabeth Schönbächler aus dem Kanton Bern: Sie macht ihrem Sohn Hermann Vorwürfe, dass er nach Kanada auswandern will. Mit der Vorstellung, ihre Enkelkinder künftig nicht mehr in ihrer Nähe zu wissen, hat sie grosse Mühe. Auch Grossmutter Schönbächler hat zuvor noch nie ein Flugreise unternommen. Sie gibt den Auswanderern das Versprechen mit auf den Weg, sie niemals in Kanada zu besuchen.

Elisabeth Schönbächler und ihr Sohn Hermann

Bildlegende: Elisabeth Schönbächler und ihr Sohn Hermann SRF

Aber dann flüstert Elisabeth mir ins Ohr, dass es vielleicht doch etwas gäbe, was sie umstimmen könne: Wenn in Kanada noch ein weiteres Enkelkind zur Welt käme. Und genau so geschieht es. Elisabeth Schönbächler fasst sich ein Herz und fliegt mit knapp 80 Jahren nach Kanada. Erst als sie das neu gewonnene Glück ihres Sohnes und seiner Familie mit eigenen Augen sieht, kann sie sich mit ihm versöhnen.

Zur Autorin

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Denise Schneitter arbeitet als Videojournalistin. Sie begleitete Schweizer Auswanderer nach Kanada, Australien, Schweden und auf die Philippinen.

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