Wie wird man zum Pferdeflüsterer?

Bis ein Pferd seinem Reiter gehorcht, braucht es viel Training, Mut und Einfühlungsvermögen. Urs Batzli, der mit Myriam Thomann nach Andalusien auswanderte, um eine Pferderanch zu führen, erklärt im Interview die Kunst des Bereitens.

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Training mit Andalusiern

4:38 min, vom 22.1.2016

SRF DOK: Was muss man beim Einreiten eines Pferdes beachten?

Urs Batzli: Bevor man mit dem Einreiten beginnen kann, muss man sich das Vertrauen des Pferdes erarbeiten. Dieses Vertrauen erhält man nur, wenn man das Pferd mit Respekt und Konsequenz schult. Die gesamte Ausbildung beginnt bereits beim Anlegen des Halfters, beim Führen des Pferdes und bei der Bodenarbeit. Um dies zu erreichen, wird mit dem Pferd am Anfang nur vom Boden aus gearbeitet, das heisst ohne Decke, Sattel und Zaumzeug.

Eine Frau und ein Mann posieren für das Foto. Neben ihn stehen zwei Pferde.

Bildlegende: Urs Batzli und Myriam Thomann sehen das Einreiten der Pferde als spannende Herausforderung. SRF

Wie alt sollte das Pferd sein? Und wie lange dauert die Ausbildung?

Die spanischen Pferde werden mit ungefähr drei bis dreieinhalb Jahren in den Beritt genommen. Bei den Andalusiern beginnt die Ausbildung im Vergleich zu anderen Pferderassen eher spät, da diese Pferde erst mit etwa sechs Jahren ausgewachsen sind.

Am Anfang der Ausbildung sind die Lektionen kurz, maximal dreissig Minuten. Die Pferde müssen zuerst Kraft und Muskeln aufbauen. Auch lässt die Konzentration bei jungen Pferden ziemlich schnell nach. Wenn möglich arbeiten wir jeden Tag mit den Jungpferden, mindestens jedoch jeden zweiten Tag. Unsere Einstellung ist es, kleine und stetige Fortschritte mit möglichst wenig Druck und wenig negativen Erlebnissen für das Pferd zu erreichen. Die Gesamtdauer der Ausbildung ist stark abhängig vom jeweiligen Pferd. Das eine ist nach sechs Monaten ausgebildet, das andere braucht zwei Jahre oder noch länger.

Was ist das Schwierigste beim Bereiten eines Pferdes?

Sobald man sich das Vertrauen und den Respekt des Pferdes erarbeitet hat und die logischen Ausbildungsschritte befolgt, gibt es normalerweise keine Schwierigkeiten beim Training.

Bei Jungpferden kann schon die Gefahr bestehen, dass sie am Anfang unter dem Sattel «explodieren». Um das zu vermeiden, arbeitet der Bereiter in den ersten Monaten immer mit einem Gehilfen zusammen.

Wann weiss man, ob ein Pferd gut eingeritten ist – und es für einen Reitschüler bereit ist?

Ein Pferd ist bereit, wenn es alle drei Grundschritte (Schritt, Trab und Galopp) auf dem Reitplatz und im Gelände beherrscht. Ausserdem ist wichtig, dass das Pferd im Gelände nicht mehr schreckhaft ist und es verschiedenen Reitern vertraut.

Ein Mann steht und überblickt einen Reitplatz.

Bildlegende: Urs Batzli überblickt seinen Reitplatz in Andalusien. SRF

Wie kommt es, dass Ihr beide Pferde einreitet?

Am Anfang haben wir Pferde von unserem Bereiter übernommen, welche schon gut ausgebildet waren und haben diese dann für den Gästebetrieb vorbereitet.

Zum Bereiten braucht es viel innere Ruhe, eine gewisse Lockerheit, auch ein bisschen Mut, Einfühlungsvermögen und sicherlich ein gesundes Selbstvertrauen in das eigene Können. Wichtig ist auch, dass man sich selbst gut einschätzen kann. Wenn man einen schlechten Tag hat, genervt ist, oder gar unzufrieden, dann lässt man die Arbeit mit den Pferden besser sein.

Können mehrere Personen ein Pferd einreiten, oder sollte es bestenfalls immer die gleiche Person sein?

In den ersten Monaten der Ausbildung ist es wichtig, dass möglichst immer dieselbe Person mit dem Pferd arbeitet. Sobald das Pferd auf dem Ausbildungsplatz, dem Reitplatz und im Gelände die Grundausbildung abgeschlossen hat, sollen auch andere Leute das Pferd reiten. Wenn das Pferd mehreren Reitern vertraut und diese akzeptiert, ist es bereit für Reitgäste.

Eine Frau sitzt auf einem Pferd und reitet.

Bildlegende: Schritt, Trab, Galopp: Ein Pferd muss alle drei Grundschritte beherrschen. SRF

Entsteht zwischen dem Bereiter und dem Pferd eine bleibende und spezielle Beziehung?

Ich denke schon, dass eine spezielle Beziehung entsteht. Das Pferd schenkt zum ersten Mal sein Vertrauen einem Menschen, weil es sich in dessen Nähe sicher fühlt. Das Pferd sieht im Menschen sein Leittier und dadurch entsteht eine sehr schöne Beziehung zwischen Pferd und Bereiter.

Gab es beim Einreiten auch schon brenzlige Situationen?

Es gibt Situationen, da sitzt man ein wenig schief im Sattel oder ist kurz vor dem Sturz. Das Ziel ist aber, dass es für Reiter und Pferd nie gefährlich wird. Jede brenzlige oder gar gefährliche Situation ist ein negatives Erlebnis für Pferd und Reiter. Falls wir mit einem Pferd nicht mehr weiter kommen, haben wir unseren Bereiter Adrian, der uns immer mit Rat und Tat zur Seite steht und meist eine Lösung findet.

Eine Frau sitzt auf einem Hengst, daneben ist ein Mann, der beim Training hilft.

Bildlegende: «Das Pferd ist ein Spiegel von einem selbst»: Hat man einen schlechten Tag, sollte man das Einreiten besser sein lassen. SRF

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Einreiten von Stuten und Hengsten?

Ja, den gibt es. Stuten sind in der Regel viel sanftmütiger als Hengste – so nach dem Motto: Wallachen kann man es erklären, Stuten musst du es sagen, mit Hengsten musst du diskutieren. Deshalb trainiert bei uns vorerst nur der Bereiter mit den Hengsten.

Was macht Ihnen Freude daran?

Die Arbeit mit den Pferden ist sehr dankbar. Ich lerne sehr viel über mich selbst und über die Pferde. Jeder kleine Fortschritt, den ich zusammen mit einem Pferd erreiche, erfüllt mich mit Zufriedenheit und auch ein wenig Stolz. Es ist eine wunderbare Aufgabe, an der ich wachse.

Urs Batzli spricht im Interview auch über die Zucht von andalusischen Pferden. Ausserdem gibt es hier mehr zu seiner und Myriam Thomanns Pferderanch.

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