«Wir hatten den Mut, es zu probieren»

Patricia und Romano Tschudi verspürten schon lange den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben im Ausland. In Bali versuchten sie ihr Glück mit einem Gästehaus. Nach nur neun Monaten haben sie ihr Abenteuer abgebrochen und sind in die Schweiz zurückgekehrt. Die Gründe erzählen sie hier.

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Neuanfang in der Schweiz

2:18 min, vom 10.2.2017

SRF DOK: Wer war bei Euch der Motor in Sachen Auswandern?

Romano Tschudi: Ich trug den Traum in mir, aber wir waren schlussendlich beide der Motor. Immer nur Arbeiten, nach Hause kommen, Essen, Schlafen – und wieder von vorne – das setzte uns und unserer Beziehung zu. Als es dann konkreter wurde, war ich der Antreiber.

Patricia Tschudi: Romano blühte auf, als klar wurde, dass wir es versuchen würden. Er sah sofort die Perspektiven. Ich sehnte mich vor allem nach mehr Selbstbestimmung, und das ging in der Schweiz nicht. Ich war recht engagiert im Job – das war jahrelang etwas vom Wichtigsten für mich.

Eure Tochter war ausgezogen, Ihr hattet eine Krise...

R: Ja, das hat unsere Auswanderungspläne beschleunigt. Wir merkten beide, dass wir in der Schweiz aneinander vorbeilebten. Auch Patricia war vom Auswandern begeistert. Wir haben immer gut miteinander funktioniert und wir wussten, wenn wir das gemeinsam machen, würde uns das gut tun.

P: Es spielte sicher ein wenig mit, dass unsere Tochter älter war. Obwohl sie für mich immer «die Kleine» sein wird. Ausserdem hatten wir aber schon das Gefühl, etwas in unserem Leben und in unserer Beziehung ändern zu müssen.

Romano und Patricia nehmen von Bali trotz allem viele schöne Erinnerungen mit.

Bildlegende: Romano und Patricia nehmen von Bali trotz allem viele schöne Erinnerungen mit. SRF

Was habt Ihr auf Bali gesucht und was gefunden?

P: Ich suchte nach einem anderen Lebensstil. Ich wollte selbstbestimmter sein. Gefunden habe ich eine gewisse Freiheit für eine begrenzte Zeit. Aber wir stiessen auch auf Hindernisse, mit denen wir so nicht gerechnet hatten.

R: Ich suchte ein Land, das warm ist und ein gutes Klima hat. Wir entschieden uns auch für Ubud, weil es dort eine reichhaltige Kultur gibt, und es für uns wesentliche Dinge abdeckte. Ausserdem wollten wir in ein Land, dass nicht allzu teuer ist. Das trug alles dazu bei. Wobei, im Nachhinein muss ich sagen, es ist doch relativ teuer.

Das Heimweh war für Patricia zu gross.

Bildlegende: Das Heimweh war für Patricia zu gross. SRF

Weshalb seid Ihr in die Schweiz zurückgekehrt?

R: (Lacht) Wegen Patricia.

P: Es stand zur Diskussion, dass Romano in Bali bleibt, und ich sechs Monate in der Schweiz und sechs Monate in Bali leben würde. Aber es ist natürlich schön, dass Romano mit mir zurück in die Schweiz gekommen ist. Das zeugt auch davon, dass wir zusammen gehören.

R: Ich verstehe, dass sie Heimweh hatte. In einem anderen Land hätte es mich treffen können. Deshalb mache ich ihr auch überhaupt keinen Vorwurf.

P: Es tut mir leid für ihn. Romano ist nicht gemacht für die Schweiz – und das wird so bleiben. Ich aber fühlte mich in Bali sehr eingeschränkt – mit den ganzen Gesetzen und Regelungen. Wir hätten es anders machen können und uns was «mischeln», aber für mich wäre das nicht der richtige Weg gewesen. Ich bin nicht jemand, der sich so verbiegen kann.

Wie geht es jetzt beruflich weiter?

R: (Lacht) Ich überlege, ob ich nach Südafrika soll. Nein, das ist natürlich Spass. Ich konzentriere mich auf die Märkte (Anm. d. Red: Romano verkauft Waren aus Bali auf Schweizer Märkten) und auf den Online Shop. Ausserdem suche ich einen Teilzeit-Job. Ehrlich gesagt: Es sieht nicht gut aus.

P: Bei LIDL hatte ich eine gute Position – dadurch kannte ich viele Leute. Als dann klar war, dass ich zurückkomme, habe ich von Bali aus ein paar Leute angeschrieben und nachgefragt. Ich wollte nicht vom ersparten Geld leben. Und so kam ich dann zum Job als Zolldeklarantin. Zehn Stufen unter der Position, die ich vorher innehatte. (Anm. der Redaktion: Den Job als Zolldeklarantin hat Patricia mittlerweile beendet. Ab März hat sie eine neue Stelle.)

Neun Monate waren Romano und Patricia auf Bali. Nun wird zusammengepackt.

Bildlegende: Neun Monate waren Romano und Patricia auf Bali. Nun wird zusammengepackt. SRF

Hat sich das Auswandern für Euch dennoch gelohnt?

P: Die Erfahrung möchte ich nicht missen. Gelohnt hat es sich insofern, dass ich den Mut hatte, es zu probieren.

R: Auf alle Fälle hat es sich gelohnt! Ich sehe es nicht als Fehler. Das Erlebnis kann uns niemand nehmen – mit all den positiven und negativen Erfahrungen. Fazit ist: Ich weiss bis heute nicht, ob ich in der Schweiz bleiben will.

Stellt sich in Eurem Alter die Frage «wie die verbleibende Lebenszeit nutzen» dringender?

P: Ja, denn Arbeiten ist nicht alles. Ich möchte meine Lebenszeit mit etwas verbringen, das ich gerne mache. Aber ich habe noch nicht herausgefunden, was es ist, und bin weiter auf der Suche.

R: Dieser Gedanke der «verbleibenden Lebenszeit» ist sicher präsent. Auf jeden Fall will ich nicht wieder dorthin, wo ich war. Ich möchte sicher nicht mehr acht Stunden als Disponent herumhocken. Wenn man auswandert, will man ja auch etwas ändern.

Das Gespräch führte Daniel Bodenmann. Als Videojournalist drehte er einen Teil der Geschichte von Tschudis.

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