Alleinerziehende: das grosse Abstrampeln

  • Dienstag, 1. November 2016, 22:20 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 1. November 2016, 22:20 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 2. November 2016, 1:40 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 2. November 2016, 11:00 Uhr, SRF info
    • Mittwoch, 2. November 2016, 16:35 Uhr, SRF info
    • Donnerstag, 3. November 2016, 4:15 Uhr, SRF 1
    • Donnerstag, 3. November 2016, 12:45 Uhr, SRF info
    • Freitag, 4. November 2016, 10:00 Uhr, SRF info
    • Samstag, 5. November 2016, 14:05 Uhr, SRF info

Haushalt, Erziehung, Beruf, Beziehungs- und Behördenknatsch, finanzielle Engpässe: Alleinerziehende Mütter und Väter sind häufig komplett überlastet. Ihre Bedürfnisse versinken im Wäscheberg und im hoch getakteten Alltag. Die Folge sind Ausgebranntsein und Frustration. Welche Hilfe brauchen sie?

Die Zahl der Einelternfamilien nimmt laufend zu: Waren es 1970 noch 7 Prozent, sind es heute fast 20 Prozent. Während der Zustand «alleinerziehend» zur Normalität wird, bleibt der Alltag dieser Mütter, Väter und deren Kinder ungewöhnlich.

Nicht nur sind sie dadurch, dass sie Haushalt, Kindererziehung und Beruf unter einen Hut bringen müssen, übermässig belastet oder gar überfordert. Hinzu kommt auch das ständige schlechte Gewissen den Kindern gegenüber, wenn die Beziehung zwischen den Eltern zerbrochen und das Bild der «Bilderbuch-Familie» zerstört ist. Und ihre Kinder stehen häufig unter Generalverdacht, gewisse psychische Defizite zu haben, weil sie aus schwierigeren Familienverhältnissen kommen sollen.

Auch beruflich kommen die alleinerziehenden Mütter und Väter an ihre Grenzen: keine Karriereaussichten, keine Förderung durch den Arbeitgeber, keine Möglichkeit sich persönlich weiter zu bilden und weiter zu entfalten. Die ständige Kontrolle durch Behörden macht mürbe, Gerichtsentscheide zwingen die Betroffenen oft zu einem Leben am Existenzminimum.

Einelternfamilien sind am häufigsten von Armut betroffen. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die Sozialhilfe benötigen, leben in einer Einelternfamilie.

Der «Club» und «DOK» fokussieren diese Woche auf den Alltag der Alleinerziehenden. Wie können sie unterstützt werden?

Unter der Leitung von Karin Frei diskutieren im «Club»:

Armin Stadelmann, alleinerziehender Vater von zwei Söhnen, Lehrer
Fatima Ben Yacoub, alleinerziehende Mutter von drei Töchtern, Fachfrau Gesundheit
Danielle Estermann, Geschäftsführerin des Schweizerischen Verbandes der alleinerziehenden Mütter und Väter (SVAMV), alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern
Urs Gloor, Anwalt, Bezirksrichter, Familien-Mediator
Allan Guggenbühl, Psychologe und Psychotherapeut, Leiter Institut für Konfliktmanagement (IKM), Zürich

Positionen:

Armin Stadelmann: «Man darf den Draht zu den Kindern nicht verlieren. Wenn die Energie nicht mehr reicht, setze ich Prioritäten: Die Kinder müssen essen können, man muss ein offenes Ohr für sie haben und sie müssen betreut sein. Weniger wichtig ist der perfekte Haushalt, die Erwerbsarbeit und wohl oder übel sind es auch die eigenen Bedürfnisse.»

Fatima Ben Yacoub: «Meine Lebensdevise ist: Umfallen, Krone richten, aufstehen, weitergehen. Das habe ich so gemacht, auch wenn es mir wirklich schlecht ging. Dadurch und mit der Unterstützung meines Umfelds haben wir es geschafft.»

Danielle Estermann: «Jede Familienform hat ihre Stärken. Es geht darum, diese zu betonen und gerade im Zusammenhang mit Alleinerziehenden endlich von einer defizitorientierten Anschauung wegzukommen.»

Urs Gloor: «Alleinerziehende Mütter bleiben oft auf der Strecke, zahlende Väter aber auch. Das neue Unterhaltsrecht, welches ab 1. Januar 2017 gilt, beseitigt die Ungleichbehandlung von Kindern verheirateter beziehungsweise geschiedener und von Kindern, deren Eltern nicht miteinander verheiratet sind. Betreuende Eltern erhalten neu einen Betreuungsunterhalt und die Gerichte können beim Entscheid über die Obhut die Möglichkeit einer alternierenden Obhut prüfen, wenn die elterliche Sorge gemeinsam ausgeübt wird und ein Elternteil oder das Kind dies verlangt. Das fordert von den Eltern mehr Absprache und Kooperation, birgt unter Umständen auch mehr Konfliktpotential, kann aber dazu beitragen, die Probleme alleinerziehender bzw. zu Unterhaltszahlungen verpflichteter Eltern zu mildern.»

Allan Guggenbühl: «Es gehört zum normalen Familienleben, dass Kinder und Eltern Nähe und Distanz erleben. Bei Alleinerziehenden ist dies oft kaum mehr möglich und führt zu einer fast unerträglichen Enge.»

Beiträge

  • Video «Rania Ben Yacoub, Tochter der alleinerziehenden Fatima Ben Yacoub» abspielen

    Rania Ben Yacoub, Tochter der alleinerziehenden Fatima Ben Yacoub

    Die 23-jährige Rania Ben Yacoub blickt zurück auf ihre Kindheit mit ihrer Mutter, die drei Töchter alleine grossgezogen hatte. Sie erzählt, was ihre Mutter besonders gut gemacht hat und ob ihr als Tochter durch die grosse Verantwortung, die sie mit trug, auch ein Stück Kindheit genommen wurde.

  • Karin Frei stellt die Gästerunde vor.

    Alleinerziehende, ein Psychologe und ein Jurist und Familienmediator analysieren die Situation von Einelternfamilien.

  • «Ich bin ein Superman am Ende seiner Kräfte.»

    Armin Stadelmann, alleinerziehender Vater von zwei Söhnen und Lehrer, über die enorme Mehrfachbelastung von Kinderbetreuung, Berufstätigkeit und der Unterhaltszahlung an seine geschiedene Frau. Gerichtliche Entscheide haben sein Leben zusätzlich erschwert.

  • «Ich hatte mich viele Jahre verloren.»

    Fatima Ben Yacoub, alleinerziehende Mutter von drei Töchtern, Fachfrau Gesundheit, arbeitet nachts, damit sie tagsüber für ihre Töchter da sein kann. Ihre eigenen Bedürfnisse stellte sie immer zurück. Erst seit zwei ihrer Kinder erwachsen sind, fand sie wieder zu sich.

  • «Einelternfamilien haben leider keine Schonzeit.»

    Danielle Estermann, Geschäftsführerin des Schweizerischen Verbandes der alleinerziehenden Mütter und Väter (SVAMV) und selbst alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern, schildert den Ausnahmezustand in einer Familie nach einer Trennung. Ein Moratorium, eine Auszeit für die Bewältigung dieser Notsituation, gebe unsere Gesellschaft leider nicht.

  • «Betroffene bräuchten eine viel längere provisorische Trennung.»

    Urs Gloor, Anwalt, Bezirksrichter und Familien-Mediator, betont, dass gerade in einer Ausnahmesituation wie einer Scheidung die wichtigsten Entscheide viel zu rasch gefällt werden müssten. Eine deutlich längere provisorische Trennung würde dies u.a. entschärfen.

  • «Kinder von Alleinerziehenden verpassen ihre Kindheit nicht!»

    Allan Guggenbühl, Psychologe und Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Konfliktmanagement (IKM), betont, dass die Kinder von Alleinerziehenden zwar meist mehr Verantwortung übernehmen müssten und viel früher selbständig werden müssen. Aber eine Kindheit sei ihnen in vielen Fällen trotzdem gewährt.

  • Alltag aus der Sicht der Kinder von Fatima Ben Yacoub.

  • Armin Stadelmann und sein «Behörden-Marathon».

Mehr zum Thema