In den Fängen des Täters

Die deutsche Odenwaldschule galt Jahrzehntelang als Ort hehrer pädagogischer Ideale und revolutionärer Lernmethoden. Sie war die Bildungsstätte der Elite – ihr Ruf untadelig. Bis 2010 ein Missbrauchsskandal von gigantischem Ausmass die Einrichtung erschüttert.

Jahrzehntelang soll sich ein Kartell unter dem damaligen Schulleiter Gerold Becker an zahllosen Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Eines der Opfer ist S.P., die von 1972 bis 1976 auf die Odenwaldschule ging. S.P. wurde im Alter von 13 Jahren von ihrem Lehrer sexuell missbraucht. Sie ist Mitinitiatorin und Gründungsmitglied des im Sept. 2010 gegründeten Opfervereins «Glasbrechen e.V.». Mit viel Energie engagiert sie sich dort gemeinsam mit anderen ehemaligen Schüler der Odenwaldschule.

SRF: Was dachten Sie, als Ihnen der Fall Jürg Jegge zu Ohren kam?

S.P.: Erschreckend, wie viele Parallelen es doch zu den Tätern der Odenwaldschule gibt. Wieder ist es ein vermeintlich herausragender Pädagoge, der die emotionale Bedürftigkeit von Kindern und ihre Abhängigkeit für seine Bedürfnisse ausgenutzt hat. Wieder ein Täter, der es geschafft hat ein Netzwerk von Helfern und Mitwissern so aufzubauen, dass er Jahrzehnte ungeschoren davon gekommen ist.

«  Die Parallelen zur Odenwaldschule sind schockierend. »

Warum traut man sich oft nicht, gegen Pädokriminelle vorzugehen?

Sexuelle Gewalt ist und bleibt ein Thema, dass viele negieren wollen, von deren Existenz die meisten Menschen absolut nichts hören wollen. Abartigkeiten wollen und können sich viele Menschen gar vorstellen. Sieht man genauer hin, müsste man ja womöglich gegen Menschen im eigenen Umfeld vorgehen.

Gegen die Eltern, den «Freund» der Familie, den Lehrer, die Sporttrainerin, den Pfadfinderkollegen. Oder gar gegen einen Vorgesetzten. Zudem stehen viele Menschen auf dem Standpunkt – in Geschehnisse in einer Familie mischt man sich nicht ein. Noch immer erzählen bzw. deuten Kinder X Mal an, was ihnen passiert, bevor überhaupt irgendjemand ihnen glaubt. Dann hat aber noch niemand reagiert.

«  Der mediale Sturm war manchmal grenzwertig – aber trotzdem wichtig! »

Markus Zangger geht als Opfer in die Offensive, schreibt ein Buch über seinen Peiniger. Wie sinnvoll sind solche Mediengänge?

Einzelne Medien können instrumentalisieren, da muss man einfach aufpassen. Aber ohne die Medien hätten beispielsweise wir Opfer der Odenwaldschule nie so viel erreichen und bewegen können. Nach so vielen Jahren des «Totschweigens» war das fast nicht zu glauben.

Als der Skandal in Odenwald aufflog, haben wir einen medialen Sturm erlebt. Manchmal fast grenzwertig, aber dennoch so wertvoll. Hoffentlich hat Markus Zangger eine seriöse, psychologische Fachperson als Begleitung und Unterstützung um das, was auch mit ihm passiert aufzuarbeiten zu können.

Unsere ganze Solidarität hat er und falls wir ihn unterstützen können – gerne. Oder er macht sich auf den Weg und sucht Mitleidensgenossen von Jürg Jegge. Den die wird es leider geben und wahrscheinlich mehr, als man sich aktuell vorstellen kann. Gespräche mit anderen Opfern des selben Täters bzw. der selben Institution können helfen, manches besser zu verstehen.

Zangger sollte aber auch wissen: Er wird nicht nur Freunde und Unterstützer finden. Jürg Jegge war und ist ein bekannter und bis dato anerkannter Pädagoge und hat sicher immer noch eine Lobby, die ihr «Idol» schützen möchte. Sie müssten sich ja sonst unter Umständen selbst sehr kritisch überdenken und neu positionieren.

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