Organspende: Sind wir herzlos?

Jährlich sterben in der Schweiz etwa 100 Menschen, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan gefunden wurde. Rund 1500 Personen stehen auf der Warteliste. Viele sind verzweifelt. Es fehlt massiv an Spendern. Sind wir herzlos?

«Nein», sagen Fachleute. Vielmehr wird zu Lebzeiten ungerne über das eigene Ableben gesprochen. Im Falle eines Hirntods ergibt sich so oft die Situation, dass Angehörige im Schock vor den schweren Entscheid gestellt werden: Spenden oder nicht? Zu verneinen oder sich unter dem bestehenden Zeitdruck nicht zu entscheiden, scheint einfacher.

Hinzu gesellen sich unzählige Gerüchte und Ängste. Wird man als Spender dereinst würdig betreut? Wann leiten die Ärzte Massnahmen zur Organerhaltung ein? Anästhesiert man einen Hirntoten vor der Entnahme tatsächlich? Und wenn ja, spürt er doch etwas? Leiden Angehörige später darunter, dass sie eingewilligt haben?
Nach der eindrücklichen SRF-DOK-Produktion über Organempfänger beleuchtet der «Club» unter der Leitung von Karin Frei die Seite der Spender und ihrer Angehörigen.

Es diskutieren:

Mathias Nebiker, Intensivmediziner Inselspital Bern
Barbara Meyer, Witwe, gab die Organe ihres Ehemannes zur Spende frei
Regula Gasser, Psychologin, Institut «Dialog Ethik»
Rafael Kaufmann, Vater, gab die Organe seiner Tochter zur Spende frei
Cornelia Schuppisser, Organspendekoordinatorin, Universitätsspital Zürich

Positionen

Regula Gasser: «Das Problem liegt bei jenen Patienten, die sich nicht eindeutig entschieden haben zu spenden. Da besteht die Gefahr, dass die Angehörigen unter Druck geraten, dass der Fokus auf dem Erhalt der Organe liegt und keine Zeit bleibt für den ganzheitlichen Sterbeprozess.»

Mathias Nebiker: «Als Mensch befürworte ich die Organspende, als Intensivmediziner bin ich neutral. Wir wollen und dürfen niemanden unter Druck setzen. Es muss darum gehen, was der Wille des Patienten ist oder war. Darum hilft es uns sehr, wenn der Patient diesen vorher auf irgend eine Weise kundgetan hat. So werden auch die Angehörigen entlastet.»

Barbara Meyer: «Wie so viele haben wir uns nie mit Organspende auseinandergesetzt. Trotzdem wusste ich, ich entscheide im Sinne meines Mannes, als ich nach seinem Hirntod ja zu einer Spende gesagt habe. Er hat zu Lebzeiten den Menschen immer geholfen. Und so konnte er das auch ganz am Ende tun.»

Cornelia Schuppisser: «Mir ist es wichtig, dass ich die Menschen, die in einer derart schwierigen Situation anderen Menschen etwas Gutes tun, richtig und würdevoll begleiten kann.»

Rafael Kaufmann: «Mit Aliena's Organen konnten anderen Kindern und deren Familien eine hoffnungsvolle Zukunft geschenkt werden. Es ist ein tröstendes Gefühl zu wissen, dass der für uns schmerzhafte Tod unserer Tochter dennoch etwas Gutes mit sich gebracht hat.»

Beiträge

  • Karin Frei stellt ihre Gäste vor

    Der «Club» beleuchtet die Situation der Angehörigen von Spenderinnen und Spendern: Was waren die Gründe, dass sie zu einer Organtransplantation eingewilligt haben; wie gehen sie heute damit um? Experten beantworten konkrete Fragen zur Organspende und eine Ethikerin beleuchtet die Organspende aus ihrer Sicht.

  • Mathias Nebiker, Intensivmediziner Inselspital Bern

    Der Intensivmediziner betont, wie wichtig es ist, dass ein Organspendeausweis ausgefüllt wird - auch wenn man keine Organe spenden möchte. Ein Organspendeausweis ist eine grosse Entlastung für die Angehörigen.

  • Barbara Meyer, gab die Organe ihres Ehemannes zur Spende frei


    Barbara Meyer und ihr verstorbener Mann hatten nie über eine allfällige Organspende diskutiert. Trotzdem war für sie ohne Zweifel klar, beim Tod ihres Mannes die Organe freizugeben.

  • Regula Gasser, Psychologin, Institut «Dialog Ethik»


    Regula Gasser war 15 Jahre lang Onkologiefachfrau und hat viele Sterbende begleitet. Sie stellt in Frage, ob eine Organentnahme den Sterbeprozesses, der sehr wichtig sei, beeinträchtigt.

  • Rafael Kaufmann, gab die Organe seiner Tochter zur Spende frei

    Der Gedanke, dass andere Kinder dank der Organspende ihrer Tochter weiterleben können, gibt Familie Kaufmann Trost. Zu wissen, wie es diesen Kindern geht, tut der Spenderfamilie gut.

  • Cornelia Schuppisser, Organspendekoordinatorin, USZ

    Als Organspendekoordinatorin begleitet Cornelia Schuppisser den Verstorbenen und dessen Angehörige beim ganzen Prozess. Sie achtet darauf, dass alles würdevoll geschieht.

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