Sterbehilfe: Eine Zumutung für die Angehörigen?

  • Dienstag, 20. September 2016, 22:20 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 20. September 2016, 22:20 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 21. September 2016, 1:40 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 21. September 2016, 11:00 Uhr, SRF info
    • Mittwoch, 21. September 2016, 16:40 Uhr, SRF info
    • Donnerstag, 22. September 2016, 3:55 Uhr, SRF 1
    • Donnerstag, 22. September 2016, 12:45 Uhr, SRF info
    • Freitag, 23. September 2016, 10:05 Uhr, SRF info
    • Samstag, 24. September 2016, 14:05 Uhr, SRF info

Wer die Hand eines Sterbenden hält, den lässt dieses Bild nie mehr los. Für Familie und Freunde kann der begleitete Suizid zur Bürde werden. Jeder vierte Angehörige leidet danach an einer psychischen Erkrankung. Sterbehilfe: ein Dilemma zwischen Nächstenliebe, Selbstbestimmung und Loslassen.

Mehr als 1200 Menschen sind im vergangenen Jahr durch begleitete Sterbehilfe aus dem Leben geschieden. Viele dieser Patienten sind unheilbar krank, andere psychisch krank. Wieder andere wählen diesen Weg, weil sie das Ende eines erfüllten Lebens selber bestimmen wollen.

Für Angehörige und nahestehende Menschen ist diese Situation ein schier unmenschliches Dilemma: zum einen möchte man den geliebten Menschen möglichst lange am Leben erhalten und um sich haben. Gleichzeitig will man dem Patienten Leid und Schmerz ersparen. Nicht selten fallen begleitende Angehörige nach dem Ableben des geliebten Menschen in ein dunkles Loch, sind geplagt von Schuld und Scham.

Ist Suizidbeihilfe ein Akt der Nächstenliebe oder wird damit die zwischenmenschliche Solidarität verletzt? Warum ist Sterbehilfe noch immer ein Tabu, gerade auch für die Angehörigen? Wer kümmert sich um das Leid und die Trauer der Zurückgebliebenen?

Unter der Leitung von Karin Frei diskutieren Angehörige, Sterbebegleiterinnen, ein Arzt und ein Ethiker:

Sabine Brönnimann, Begleiterin von Angehörigen und Sterbenden, Ritualleiterin, Mitbegründerin Fährfrauen
Heidi Vogt, Exit-Geschäftsleitungsmitglied, Freitodbegleiterin und Angehörigenbetreuerin
Urs Saladin, betroffener Angehöriger
Marion Schaffner, betroffene Angehörige
Jean-Daniel Strub, Ethiker
Albert Wettstein, ehem. Chefarzt Stadtärztlicher Dienst Zürich, Privatdozent für geriatrische Neurologie der UZH

Positionen

Sabine Brönnimann: «Wir können Spannungen zwischen Sterbewilligen und Dableibenden nicht auflösen, aber wir ermutigen alle Betroffenen dazu, diese Differenzen anzuschauen, ernst zu nehmen und auszuhalten - und sich trotzdem gegenseitig Sorge zu tragen. Mehr geht oft nicht.»

Heidi Vogt: «Ein Mitentscheidungsrecht haben Angehörige nicht. Aber wir sind immer darum bemüht, diese miteinzubeziehen. Wir unterstützen die Sterbewilligen auch darin, einen Per­spektivenwechsel vorzunehmen: Was bedeutet der Freitod für Angehörige?»

Urs Saladin: «Meine Frau hat für sich entschieden, dass sie mit Exit gehen wollte. Ich liess ihr diesen Entscheid, dafür akzeptierte sie, dass ich beim Sterbevorgang nicht dabei sein wollte.»

Marion Schaffner: «Entsetzlich war, dass sich mein Mann für diesen Entscheid geschämt hat. So musste ich ihm versprechen, seinen Entschluss, mit Exit aus dem Leben zu gehen, bis zu seinem Tod geheim zu halten. Das war unerträglich für mich und ich bin fast daran zerbrochen.»

Jean-Daniel Strub: «Es ist aus ethischer Sicht eine Errungenschaft, dass wir für unsere Entscheidungen am Lebensende Respekt einfordern dürfen auch von jenen, die mit diesen Entscheidungen nicht einverstanden sind. Dies auszuhalten kann für Angehörige sehr belastend sein. Deshalb braucht es auch für sie geeignete Beratungs- und Unterstützungsangebote.»

Albert Wettstein: «Wir haben als Angehörige nicht das recht, dreinzureden, wie jemand stirbt. Und der Sterbende hat nicht das Recht zu verlangen, dass die Angehörigen dabei sind. Er kann es nur wünschen.»

Beiträge

  • Karin Frei stellt die Gästerunde vor.

    Unter der Leitung von Karin Frei diskutieren Angehörige, Sterbebegleiterinnen, ein Arzt und ein Ethiker:

  • «Eine Nacht darüber schlafen und alles kann sich verändern!»

    Sabine Brönnimann, Begleiterin von Angehörigen und Sterbenden, Ritualleiterin und Mitbegründerin der Fährfrauen betont, dass jeder Mensch seine ganz bestimmte Zeit für den Abschied brauche. Und jeder solle auch selber bestimmten dürfen, was wann für ihn richtig und zumutbar ist.

  • «Es gilt den Egoismus des Sterbewilligen zu respektieren.»

    Heidi Vogt, Exit-Geschäftsleitungsmitglied, Freitodbegleiterin und Angehörigenbetreuerin betont, wie wichtig der Respekt vor dem Entscheid des Sterbewilligen ist. Der Miteinbezug von Freunden und Angehörigen sei trotzdem sehr wichtig.

  • «Ich wäre vielleicht in letzter Sekunde noch dazwischengegangen.»

    Urs Saladin wollte beim Tod seiner schwer kranken Frau durch eine Sterbehilfeorganisation nicht mit dabei sein. Den Entscheid seiner Frau hätte er aber am Schluss voll und ganz akzeptiert. Den letzten Augenblick am Sterbebett habe er bewusst gemieden.

  • «Mein Mann liess mir keine Wahl!»

    Marion Schaffner erlebte bei ihrem demenzkranken Mann eine deutliche Persönlichkeitsveränderung. Er zwang sie dazu, niemandem etwas von der geplanten Sterbehilfe zu erzählen. Und er forderte von ihr eine bedingungslose Begleitung.

  • «Das geplante Weggang ist auch eine Kränkung.»

    Jean-Daniel Strub, Ethiker, skizziert den heiklen Grat zwischen Liebe, Mitgefühl und den einzelnen Entscheidungen des Sterbewilligen und der Angehörigen.

  • «Die Erwarungen an den Arzt sind ganz unterschiedlich.»

    Albert Wettstein, ehem. Chefarzt Stadtärztlicher Dienst Zürich,

  • Dialog Mutter-Tochter zum geplanten begleiteten Suizid.

    (SRF Rundschau, 21. Mai 2014)

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