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Umstrittene Drogentherapie Psycholyse: Nicht nur Luc hat's ausprobiert

Drogen als Therapie: Das gibt's nicht nur in der aktuellen «Bestatter»-Staffel. Professor Mankovsky und sein geheimnisvoller Zirkel haben reale Vorbilder, die mindestens so bizarr sind wie die Fiktion. Einblick in die umstrittene Welt der Psycholyse.

Luc Conrad trinkt einen kleinen Becher mit einer Flüssigkeit.
Legende: Mutig, mutig: Luc Conrad (Mike Müller) probiert die Drogentherapie gleich selbst aus. SRF / Sava Hlavacek

Mitten in der idyllischen Lüneburger Heide war im Spätsommer 2015 die Hölle los. 29 weiss gekleidete Menschen brüllten wie am Spiess, wälzten sich am Waldboden oder verletzten sich, bis sie bluteten. Einer hielt sich für einen Drachen. Ein anderer glaubte, er könne fliegen. 160 Polizisten, Notärzte und Feuerwehrleute kümmerten sich um die Halluzinierenden.

Bei den Patienten handelte es sich aber nicht um drogenaffines Partyvolk, sondern um Ärzte, Heilpraktiker und Psychologen. Diese hatten anlässlich eines Seminars in einem Selbstversuch die Designerdroge «Aquarust» eingenommen. Einer der Organisatoren, Stefan W., nahm die ganze Schuld auf sich. Er wurde zu 15 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Luc Conrad liegt auf einem Sofa. Er ist umgeben von Menschen.
Legende: Luc als Versuchsobjekt: Der Bestatter wagt sich in Professor Mankovskys dubiosen Zirkel. SRF / Sava Hlavacek

Umstrittene Therapieform

Stefan S. war Anhänger der Psycholyse, bei der Drogen zu therapeutischen Zwecken eingenommen werden. Die Methode ist in der Fachwelt höchst umstritten. Arno Deister etwa, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, lehnt die Psycholyse strikt ab: «Bei der Psychotherapie geht es um Veränderung, um Erkenntnis, um die Bildung einer inneren Struktur», sagte er kürzlich in der Sonntagszeitung. «Drogen erschaffen dagegen nur Scheinwelten, in die man sich flüchten kann.»

Dass diese Therapierichtung anrüchig ist, hat auch mit den als effektivsten erachteten Substanzen zu tun: Sie sind mit einigen Ausnahmen verboten. Die Verwendung von LSD oder Ecstasy kann nur im Illegalen stattfinden.

So machte vor acht Jahren die Ärztin Friederike Meckel Fischer Furore. Sie verabreichte Dutzenden Patienten bei kollektiven Sitzungen Halluzinogene und schluckte diese auch selber – ein absolutes No-Go in der Psychotherapie, in der dem Patienten ein sicherer, kontrollierter Rahmen geboten werden muss. Eine von Drogen beeinträchtigte Therapeutin kann das nicht mehr bieten.

Professor Mankovsky hält die Hand von Luc Conrad. Er ist am Kopf verletzt und trägt einen Verband um den Kopf.
Legende: In guten Händen? Luc Conrad lässt sich von Professor Mankovsky «therapieren». SRF / Sava Hlavacek

Der Guru aus Lüsslingen

Das umstrittene Mekka der Psycholyse befindet oder befand sich lange Zeit in einem kleinen Dorf in der Nähe von Solothurn: In Lüsslingen hatte der kürzlich verstorbene Psychiater Samuel Widmer die Kirschblütengemeinschaft gegründet. Auch Stefan S. und Friederike Meckel Fischer zähl(t)en zu seinen Anhängern. Für diese war Widmer ein Guru, der ab Mitte der 1990er-Jahre die umstrittene Therapieform hegte und pflegte.

Die Gemeinschaft gilt als Sekte, Widmers Wille war zu seinen Lebzeiten oberstes Gebot. Neben Drogenerfahrung ging es auch um sexuelle Befreiung. Aussteiger berichteten von Sitzungen, bei denen die Teilnehmer unter Drogen gesetzt und zu Sex mit wechselnden Personen animiert worden seien, angeblich zwecks Abbau von Eifersucht und Besitzansprüchen.

Offiziell schluckten die Teilnehmer bloss erlaubte Substanzen, heimlich wurden LSD, MDMA und Meskalin verabreicht. Die Staatsanwaltschaft Solothurn veranstaltete deshalb Razzien, gegenüber mehreren Kirschblütlern wurde ein Strafverfahren eröffnet.

Sensationelle LSD-Studie

Garantiert unverdächtig als Sektenguru ist Peter Gasser. Der Solothurner Facharzt leitete eine Studie, die wenig neue Erkenntnisse ans Licht brachte und trotzdem als Sensation gilt. Denn diese Studie ist die erste offiziell genehmigte Untersuchung zu LSD-gestützter Psychotherapie seit mehr als 40 Jahren.

Gasser führte 2007 und 2014 eine Studie mit LSD durch – mit Erlaubnis der Behörden. Er verabreichte das Halluzinogen an Krebspatienten im Endstadium. Alle kämpften mit starken Angstzuständen. Die Droge sollte ihnen helfen mehr Gelassenheit im Angesicht des nahenden Todes zu entwickeln.

Gasser hofft, dass die Gesellschaft wieder einen normaleren, nüchternen Umgang mit dem Hippie-Halluzinogen pflegt. In einem Zeit-Interview gab er allerdings zu: «Ob wir heute schon so weit sind, bezweifle ich.», Link öffnet in einem neuen Fenster

Sendung: SRF 1, Der Bestatter, 23.01.2018, 20:05 Uhr.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Christian Mueller (Christian Mueller)
    Wir leben in einer scheinheiligen Welt. Einerseits ist die absolut stärkste und schädlichste Droge von allen lasch reguliert und gesellschaftlich mehr als nur anerkannt, oft Pflicht (ja, Alkohol!). Aber viele andere, auch (vorallem wegen der Illegalität) nicht ungefährliche Substanzen werden mit Milliardenkosten und auf Kosten vieler Menschenlaben verboten. Wiederum andere Drogen werden von der Krankenkasse bezahlt und von Ärzten gewinnbringend verschrieben. Valium, Opiate, Ritalin usw.
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