Der Bund im Bund führt zum Krieg

Nach der Julirevolution 1830 in Paris beginnen sich auch in der Schweiz liberale Strömungen zu regen und rütteln am bis dahin noch lockeren Staatenbund. Sie streben einen modernen Bundesstaat an. Die konservativen Kantone sehen sich bedroht – und schliessen sich zu einem Schutzbund zusammen.

Sonderbundskrieg, Das Bataillon Nr. 3 (Zürich) rückt während der Schlacht bei Meierskappel am 23. November 1847 vor.

Bildlegende: Sonderbundskrieg, Das Bataillon Nr. 3 (Zürich) rückt während der Schlacht bei Meierskappel am 23. November 1847 vor. Stich von Johann Hürlimann nach Skizzen von Joseph Martignoni

Julirevolution 1830,  «La liberté guidant le peuple»

Bildlegende: Julirevolution 1830, «La liberté guidant le peuple» Eugène Delacroix

Die Volksopposition gegen die Alleinherrschaft aristokratischer Familien und kirchliche Privilegien greift immer weiter um sich. Die Kantone werden von politischen Kämpfen und militärischen Scharmützeln erschüttert: Der Ruf nach der Abschaffung der Vorrechte von herrschenden Familien, Wahl von gesetzgebenden Parlamenten, Einschränkung der Macht der Kirche und nach Meinungsfreiheit wird aus radikalen Kreisen immer lauter.

Liberaler Vormarsch und konservative Gegenwehr

Karikatur zum Aargauer Klosterstreit

Bildlegende: Karikatur zum Aargauer Klosterstreit Zeitschrift Guckkasten, 25.3.1841

Weiter zugespitzt wird die Situation durch den «Aargauer Klosterstreit» (1841 - 1843): Im Januar stimmt der Grosse Rat des Kantons Aargau, in dem die Liberalen die Mehrheit haben, für die Aufhebung aller aargauischen Klöster. Das klösterliche Vermögen wird zum Eigentum des Kantons erklärt. Die Tagsatzung kann das Vorgehen des Grossen Rates nicht gutheissen: Der Bundesvertrag von 1815 garantiert den Fortbestand der Klöster. Nach langen Auseinandersetzungen stimmt der Grosse Rat des Kantons Aargau schliesslich der Wiederherstellung der vier Frauenklöster zu. Nichtsdestotrotz bekommt der Konflikt zwischen liberalen und konservativen Kräften durch den Aargauer Klosterstreit auch eine religiöse Dimension.

Joseph Leu, Lithographie

Bildlegende: Joseph Leu, Lithographie Künstler unbekannt

Zur Abwehr des vorpreschenden Liberalismus berufen die katholischen Innerschweizer Landorte die Jesuiten nach Luzern. Sie sollen dort an den höheren Schulen unterrichten. Diese Entscheidung hat schwerwiegende Folgen: 1844 und 1845 ziehen Freischaren der liberalen Jesuitengegner nach Luzern. Der erste Zug ist militärisch schlecht vorbereitet. Der zweite hingegen endet, angeführt vom Berner Johann Ulrich Ochsenbein, in einer regelrechten Schlacht: Mehr als 100 Freischärler fallen, hunderte werden gefangengenommen und erst nach einer Lösegeldzahlung wieder freigelassen. Im Juli 1845 wird Joseph Leu, einer der Anführer der konservativen Luzerner, ermordet – der Bogen ist überspannt.

Der Konflikt eskaliert

Im Dezember desselben Jahres schliessen sich Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg, Wallis und Luzern zu einem katholisch-konservativen Schutzbund zusammen. Vorerst ist der «Sonderbund» geheim. Obwohl dem Bündnis ein defensiver Charakter zugeschrieben wird, verfügt es über einen Kriegsrat. Und zur Wahrung der katholisch-konservativen Interessen sucht der Sonderbund nach Verbündeten im Ausland: Heimlich nehmen die Sonderbunds-Kantone Kontakt mit konservativen Monarchischen Regierungen in Frankreich, Italien und Österreich auf.

Sonderbundskrieg, Das Bataillon Nr. 3 (Zürich) rückt während der Schlacht bei Meierskappel am 23. November 1847 vor.

Bildlegende: Sonderbundskrieg, Das Bataillon Nr. 3 (Zürich) rückt während der Schlacht bei Meierskappel am 23. November 1847 vor. Stich von Johann Hürlimann nach Skizzen von Joseph Martignoni

Gleichzeitig gewinnen die Radikalen auf eidgenössischer Ebene weiter an Gewicht und politischem Einfluss: Zwischen Februar 1845 und Oktober 1846 kommen sie in der Waadt, in Bern und in Genf an die Macht. Im Juni 1946 wird die Existenz des Sonderbundes bekannt: Der Ausgang der Wahlen in St. Gallen ist nun entscheidend für dessen Fortbestand. Die Liberalen erringen eine knappe Mehrheit – und geben damit nun auch in der Tagsatzung auf eidgenössischer Ebene den Ton an: Die radikale Mehrheit der Tagsatzung erklärt den Sonderbund am 20. Juli 1847 für bundeswidrig. Im September wird ausserdem der Aufenthalt von Jesuiten auf Schweizer Grund und Boden verboten. Sämtliche Vermittlungsversuche scheitern, die Tagsatzung beschliesst im November die gewaltsame Auflösung des katholisch-konservativen Schutzbundes - ein Bürgerkrieg wird unabwendbar.

Quellen:

Volker Reinhardt 2010: «Kleine Geschichte der Schweiz», Verlag C.H. Beck, München.

Dieter Fahrni 1982: «Schweizer Geschichte. Ein historischer Abriss von den Anfängen bis zur Gegenwart», Pro Helvetia, Zürich.

Historisches Lexikon der Schweiz, «Sonderbund»

Historisches Lexikon der Schweiz, «Aargauer Klosterstreit»