Vater der Schweizer Statistik und ETH-Gründer: Stefano Franscini

Der Tessiner Stefano Franscini ist Mitglied des ersten Bundesrates nach der Gründung des schweizerischen Bundesstaates 1848. Beinahe zehn Jahre ist er Teil der Landesregierung. In dieser Zeit setzt er sich unablässig für seinen Heimatkanton ein – obwohl dieser ihn nicht mehr zum Nationalrat wählt.

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Interview mit Stefano Franscini, gespielt von Roberto Turri

5:13 min, vom 2.10.2013

Der 1796 in Bodio geborene Stefano Franscini wächst in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Deshalb wird er aus der Leventina nach Mailand an das erzbischöfliche Seminar geschickt: Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, zu etwas höherer Bildung zu gelangen. Nach Abbruch der Priesterausbildung arbeitet Franscini in Mailand als Lehrer. Daneben betreibt er weitgefächerte Studien in Geschichte, Recht, Volkswirtschaft, Statistik und Pädagogik. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz veröffentlicht er zahlreiche Artikel in diversen Zeitungen und verfasst politische Schriften, die im Tessin hohe Wellen schlagen.

Franscini im ersten Bundesrat der Schweiz 1848 (vorne rechts)

Bildlegende: Franscini im ersten Bundesrat der Schweiz 1848 (vorne rechts) Fotostation

Einstieg in die Politik

Franscini beginnt selbst zu politisieren: Im Alter von 34 Jahren wird er Tessiner Staatssekretär und später Mitglied der Tessiner Regierung. 1841 schafft er es gar, Abgeordneter der Eidgenössischen Tagsatzung zu werden. In dieser Funktion ist er viel unterwegs. Er vertritt unter anderem die Interessen des Kantons Tessin an den interkantonalen Konferenzen über Zoll-, Post- und Handelsfragen und reist 1848 nach Neapel, um das Verhalten der schweizerischen Söldnertruppen zu untersuchen. 1848 wird er als Tessiner Vertreter der Radikalliberalen in den Nationalrat und am 16. Dezember desselben Jahres schliesslich zum Bundesrat gewählt. Der Aussenseiter Franscini wird Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Inneren, ein damals als eher unwichtig betrachteter Bereich. Während seiner gesamten Amtszeit steht der Tessiner nie einem anderen Departement vor. Bundespräsident wird er in all den Jahren nie.

Statistica della Svizzera, Stefano Franscini

Bildlegende: Statistica della Svizzera, Stefano Franscini Statistica della Svizzera, Stefano Franscini

Vater der Schweizer Statistik und der Volkszählung

Bereits vor seiner Zeit als Bundesrat publiziert Stefano Franscini die «Statistica della Svizzera» (1827). Der junge Tessiner will damit seinem Heimatkanton einen Anstoss zum Fortschritt geben: Nach einer Reise nach Zürich ist er zutiefst beeindruckt von der Prosperität der Limmatstadt. Mit seinem statistischen Werk will er den Tessinern den Spiegel vorhalten und seine Landsleute zur Aufholjagd auffordern.

Gleichzeitig lässt er sich jedoch auch von der Vision einer vielfältigen, mehrsprachigen Schweiz leiten. Die Statistik dient Franscini einerseits als Träger für Informationen, welche der Autor und spätere Bundesrat weitergeben will, andererseits aber fordert er damit implizit eine stärkere Transparenz der Regierungs- und Verwaltungstätigkeit: Bei der Publikation der «Statistica» veröffentlichen erst sechs Kantone ihre Staatsrechnungen.

Wenig Unterstützung für statistische Vorhaben in Bern

Der Tessiner in Bern macht die Statistik kurz nach seinem Amtsantritt als Bundesrat zu einer seiner Regierungsaufgaben: Er erhebt diese zu einem eigenen Geschäftszweig des Departementes und legt damit den Grundstein für das eidgenössische statistische Amt. Dabei stösst er allerdings auf wenig Gegenliebe. Immerhin wird sein Begehren einer nationalen Volkszählung gutgeheissen: Weil die Anzahl der Nationalratsmandate pro Kanton abhängig von deren Anzahl Einwohnern ist, muss man schliesslich wissen, wie viele Stimmbürger jeder Stand hat.

Für andere statistische Unterfangen wollen seine Bundesratskollegen jedoch kein Geld ausgeben. Franscinis Anträge bleiben überwiegend liegen. Erst sein Nachfolger, Giovanni Battista Pioda, kann 1860 das statistische Amt einrichten, von dem Franscini träumt.

Das von Gottfried Semper errichtete Hauptgebäude der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich 1880, vor den Umbauten durch Gustav Gull nach 1915

Bildlegende: Das von Gottfried Semper errichtete Hauptgebäude der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich 1880, vor den Umba... gemeinfrei

Mitbegründer der ETH

Als erster Innenminister des jungen Bundesstaates wünscht Stefano Franscini sich eine eidgenössische Universität, die ein Begegnungsort der verschiedenen Kulturen der Schweiz sein soll: Deshalb stellt er 1849 einen Antrag an den Bundesrat, damit dieser ein Kreisschreiben an die Kantone erlässt. Damit will er in Erfahrung bringen, auf welchem Stand das höhere Unterrichtswesen innerhalb der einzelnen Kantone ist. Obwohl die befragten Stände eine eidgenössische Universität mehrheitlich ablehnen oder sich zumindest nur zurückhaltend dafür erklären, stellt Franscini 1851 erneut einen Antrag im Bundesrat. Daraufhin wird eine Expertenkommission eingesetzt, welche die Vorlage prüfen soll. Mit dem entscheidenden Vorstoss Eschers 1854 kommt auch Franscini zum Ziel: Das Eidgenössische Polytechnikum, die heutige ETH, wird gegründet und gebaut. Die Anerkennung für seine Leistung bleibt Franscini jedoch versagt: Die Verdienste von Alfred Escher bei der Gründung des eidgenössischen Polytechnikums sind bekannt. Der Anteil Stefano Franscinis an der Schaffung der ETH ist hingegen kaum dokumentiert.

Wappen Ticino

Bildlegende: Ticino Keystone

Unermüdlicher Einsatz für das Tessin

In seinem Heimatkanton setzt sich Franscini für die Förderung der Schule ein und gründet die Gesellschaft der «Freunde der Volkserziehung». In seiner gesamten Amtszeit macht er sich gegen regionales Denken stark: Dieses behindert seiner Ansicht die Entstehung eines effizienten und geordneten Staates. Franscini ist überzeugt, dass engere Verbindungen zwischen dem Tessin und der eidgenössischen Regierung eine Notwendigkeit sind. Unablässig versucht er zwischen seinem Heimatkanton und Bundesbern zu vermitteln - und gerät zwischen die Fronten: Nachdem Österreich die Revolutionen in Neapel und Turin niedergeschlagen hatte, suchen zahlreiche Verfolgte Asyl in der Schweiz: Das Tessin wird für viele italienische Revolutionäre zum ersten Zufluchtsort, von wo aus sie den Kampf für die Befreiung Italiens fortsetzen. Dies führt zu Spannungen zwischen der Eidgenossenschaft und Österreich – und zwischen dem Kanton Tessin und Bundesbern. Franscinis Vermittlungsversuche bringen ihm Kritik aus beiden Lagern ein.

Porträt Stefano Franscini

Bildlegende: Stefano Franscini gemeinfrei

Ein Bundesrat ohne Kanton

1854 veröffentlicht Franscini eine Art politisches Manifest: In seinem Werk «Semplici verità ai ticinesi sulle finanze e su altri oggetti di ben pubblico» ruft er zu umsichtiger Regierungsführung, Versöhnung und sorgfältiger Finanzverwaltung auf. Derweil ist der Kanton Tessin von Parteikämpfen zerrissen. Dies führt dazu, dass Franscini 1854 nicht in den Nationalrat gewählt wird. Er kann seinen Verbleib im Amt nur retten, weil der Kanton Schaffhausen ihm einen seiner Sitze in der Grossen Kammer überlässt. Dieser Entscheid stösst in Bundesbern auf Unverständnis. Franscini stirbt drei Jahre später in seinem Amt als Bundesrat.

Quellen:

Historisches Lexikon der Schweiz: «Stefano Franscini»

Historisches Lexikon der Schweiz: «Österreich»

Historisches Lexikon der Schweiz: «Italien»

Historisches Lexikon der Schweiz: «Tessin»

Historisches Lexikon der Schweiz: «Lombardo-Venezianisches Königreich»

Joseph Jung 2007: «Alfred Escher 1819-1882 Aufstieg, Macht, Tragik», Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich.