Die Seilfrage: Abstieg und Katastrophe

Mit welchen Seilen waren die sieben Erstbesteiger miteinander verbunden? In welcher Reihenfolge machten sie sich auf den Abstieg? Wie kam es, dass beim Abstieg auch das schwächste Seil zum Einsatz kam? Auf den Spuren des Unglücks.

Drei Seile

Bildlegende: Aus dem Museum in Zermatt. Die drei Seile, die bei der Erstbesteigung zum Einsatz kamen, stammen von Edward Whymper. Matterhorn-Museum Zermatt.

Entscheidend für die Aufklärung der Tragödie sind die drei verwendeten Seile. Sie stammen alle von Edward Whymper. Es handelt sich um ein 200 Fuss (ca. 60 Meter) des neuen Manilaclubseiles des Alpine Club (A), ein 140 Fuss (ca. 45 Meter) eines ähnlichen etwas stärkeren Seiles (B) und 200 Fuss (ca. 60 Meter) eines dünneren, älteren Reserveseiles (C).

Vor Gericht sagt Taugwalder Vater aus, dass er sich mit dem Reserveseil (C) an Lord Douglas festband, weil er kein anderes zur Hand hatte. Whymper wird später behaupten, Taugwalder Vater habe bewusst ein zu dünnes Seil gewählt, um sich und seinen Sohn im Falle eines Absturzes der vorderen Männer nicht zu gefährden. Diese Aussage Whympers ruiniert Taugwalders Ruf als Bergführer. Der Film «Tatort Matterhorn» stützt sich auf die ersten Aussagen der Überlebenden vor Gericht und kommt zu einem überraschenden Schluss: Peter Taugwalder Vater hatte in der Tat nur das schwächere Reserverseil zur Hand.

«Das Unglück am Matterhorn», Holzstich nach Zeichnung von E. Heyn und F. Specht.

Bildlegende: «Das Unglück am Matterhorn», Holzstich nach Zeichnung von E. Heyn und F. Specht. «Die Schweizerische Alpenwelt», von August Feierabend, Bielefeld und Leipzig 1873.

Croz und Whymper lösen sich beim Aufstieg aus der Seilschaft

Beim Aufstieg auf den letzten 300 Metern führt Croz das Team, gefolgt von Whymper. Als sie das schneebedeckte Dach erreichen, lösen sich Croz und Whymper aus der Seilschaft und eilen voraus. Whymper gestand Jahre später einem Bekannten, dass er beim Aufstieg das Manilaclubseil durchschnitten habe, um vor Croz den Gipfel zu erreichen. Sein Ehrgeiz machte ihn zum Helden, hatte kurze Zeit später jedoch fatale Folgen.

Beim Abstieg geht Bergführer Croz wieder voraus, ihm folgt Hadow, der Schwächste der Partie. Als Dritter geht der sichere Reverend Hudson, zuletzt folgt Lord Douglas. Die vier sind mit dem beim Aufstieg durchschnittenen Manilaseil verbunden.

Der andere Teil des durchschnittenen Seiles ist bei Whymper und Taugwalder Sohn. Die beiden bleiben auf dem Gipfel zurück, Whymper macht noch eine Skizze, schreibt die Namen der Erstbesteiger auf ein Blatt Papier und versiegelt es in einer Weinflasche.

Matterhorn-Schulter. Die Absturzstelle.

Bildlegende: Matterhorn-Schulter. Die Absturzstelle. Aus: Die Alpen, Monatsschrift des Schweizer Alpenclubs, 1929. Foto: Hans Brun

Lord Douglas ahnt, wie prekär die Lage ist

Derweil steigt Taugwalder Vater allein ab. Als er die vorderen vier Bersteiger erreicht, bittet ihn Lord Douglas, er möge ihn mit seinem Seil sichern. Vater Taugwalder bindet sich mit dem dünnen Seil an Lord Douglas fest, weil ihm kein anderes Seil zur Verfügung steht. Das schwere Seil (B) befindet sich auf dem Traggestell von Croz und kommt nie zum Einsatz. Als kurz darauf Whymper und Taugwalder Sohn die fünf erreichen, bindet Whymper sich mit dem Rest seines Manilaseiles an Taugwalder Vater fest. Zehn Minuten später ereignet sich das Unglück.

Am Ende des so genannten Daches wird das Terrain steil. Die Siebener-Seilschaft kommt zum Stehen, die Seile hängen zwischen den Männern zu diesem Zeitpunkt vermutlich durch. Plötzlich stürzt Hadow vornüber auf Croz, dieser kann sich nicht halten, der Ruck reisst Hudson und Douglas mit. Erst dem nächstfolgenden, Taugwalder Vater, gelingt es, das Seil zwischen ihm und Whymper um einen Felsen zu fixieren. Dann reisst das Seil zwischen ihm und Lord Douglas.

Es ist wahrscheinlich, dass Taugwalder Vater mit seiner Geistesgegenwart, seinem Sohn, Whymper und sich selbst das Leben rettet.

Quellen

  • Georges Grosjean: Die Erstbesteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865. Bern, 1965. Aus: Die Alpen (Zeitschrift des Schweizer Alpen Club SAC) 1965.
  • Heinrich Dübi und Paul Montandon: Die Seilfrage:– 1929. Aus: Die Alpen (Zeitschrift des Schweizer Alpen Club SAC), 1965.