Dramatische Dreharbeiten am «Hore»

Tatort Matterhorn ist das Gemeinschaftswerk zweier Autoren, dem Schweizer Gieri Venzin und dem in London lebenden Deutschen Tilman Remme. Venzin stammt aus den Bergen, aus Sedrun im Bündner Oberland. Remme kommt vom Flachland, aus dem einstiegen Westberlin.

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Tatort Matterhorn: Das Making-of zum Doku-Drama

9:30 min, vom 20.3.2015

SRF DOK: Wie kommt man als Filmemacher auf die Idee, sich mit der Erstbesteigung des Matterhorns zu befassen?

Gieri Venzin: Wir sind beide Bergfans. Ich bin in den Bergen aufgewachsen und habe zahlreiche Filme über die Bewohnerinnen und Bewohner dort gemacht. Die Erstbesteigung des Matterhorns ist die Alpin-Geschichte des 19. Jahrhunderts. Sie interessiert mich, seit ich sie zum ersten Mal in der Volksschule gehört habe.

Tilmann Remme: Für mich ist es der erste Bergfilm. Mich hat vor allem die Beziehung der Briten zum Alpinismus fasziniert. Die Literatur zur Erstbesteigung kommt meist aus England – dabei wurde das Schweizer Verständnis der Ereignisse oft unter den Tisch gekehrt. Gemeinsam mit Gieri haben wir die Quellen zur Erstbesteigung zusammengetragen und in Vergessenheit geratene Spuren neu entdeckt. Was sind die wahren Ursachen der Tragödie von 1865? Die Antwort ist überraschend, wie man im Film erfährt.

Die Besteigung des Matterhorns gilt unter Spitzensportlern auch heute noch als grosse Herausforderung. Welche Hürden mussten Sie bei den Dreharbeiten überwinden?

Tilmann Remme: Schwindelnde Höhen zum Beispiel! Am Anfang des Unternehmens stand ein grosser Dreh in Zermatt: Interviews, Museum, Friedhof. Abends lecker Rösti und Fondue. Alles kein Problem. Doch dann ein etwas waghalsiger Dreh ganz oben auf dem extrem steilen Dach des Matterhorns, auf knapp 4'300 Meter Höhe.

Welches Ereignis während der Dreharbeiten hat bei Ihnen den grössten Eindruck hinterlassen?

Gieri Venzin: Star der Dreharbeiten ist der Polarforscher Pen Hadow, ein Nachfahre des damals 19-jährigen Engländers Douglas Hadow, dessen Ausrutscher am Berg 1865 angeblich die Katastrophe verursachte. Sein Leben lang hat sich Pen Hadow mit der Geschichte seines Grossonkels und der Erstbesteigung beschäftigt. Intensiv hat er sich vorgestellt, was damals oben am Berg geschah. Auf einmal setzt ihn nun ein Helikopter an genau jenem Ort ab, der seinem Ahnen damals zum Verhängnis wurde. Ein Blick nach unten offenbart eine furchterregende 1'400 Meter tiefe Wand.

Als Polarforscher ist Pen Hadow im Jahre 2003 als Erster allein bis zum Nordpol gelaufen. Doch die schwindelnde Höhe des oberen Matterhorns ist etwas ganz anderes als die oft flache Weite der Arktis. Als «Naturprofi» meistert Pen Hadow jedoch diese nicht ganze einfache Situation. Dann kommt der Heli mit Rettungsleine, und es geht zurück zur Basis. Pen Hadow ist tief bewegt, dass er die Absturzstelle selber entdecken kann. Diesen Moment, den wird er nie vergessen. Es ist ein Höhepunkt in seinem Lebens.

Schauspieler mit Magenkrämpfen – Symptome von Höhenkrankheit?

Auf der Route der Erstbesteiger

Bildlegende: Den Schauspielern wird viel abverlangt. SRF

Welcher Moment während der Filmaufnahmen war aus Ihrer Sicht heikel?

Tilmann Remme: Das war drei Wochen später. Wir sind wieder oben auf einem Berg, um die Spielfilmszenen zu drehen – dem zweiten grossen Element des Filmes. Diesmal auf «nur» 3'500 Meter Höhe, dafür aber mit zahlreichen Schauspielern, und einem grossen Spielfilmteam. Gedreht werden die Nahaufnahmen des Aufstiegs, so wie das vor 150 Jahren wohl ablief. Gerade haben wir die letzten Momente des Wettlaufs zum Gipfel gedreht, da bekommt einer der Schauspieler Magenkrämpfe. Höhenkrankheit? Er ist doch schon eine Woche in den Alpen. Oder eine Magenverstimmung? Der Schauspieler ist entschlossen, weiterzuarbeiten. «Damals hätten die auch nicht aufgegeben», so sagt er im Geiste der Erstbesteiger.

Doch wir lassen Vorsicht walten und steigen ab auf 3'000 Meter. Die Krämpfe verschwinden. Wir drehen den Rest der für diesen Tag geplanten Szenen. Und haben Glück im Unglück: Der alternative Drehort ist perfekt für unsere Zwecke. Das Team übernachtet auf einer Berghütte. Mit einem Aussen-WC und eiskalter Dusche. Für viele Flachländer eine neue Erfahrung. Der angeschlagene Schauspieler wird allerdings mit dem Heli ins Tal geflogen und erholt sich im Hotel – mit Schwimmbad und Sauna. Manchmal doch ganz gut, dass man im 21. Jahrhundert und nicht im Jahre 1865 lebt.

Die Fingerspitzen der Kameraleute waren schwarz vor Kälte

Filmautor Tilmann Remme und das Produktionsteam.

Bildlegende: Filmautor Tilmann Remme und das Produktionsteam. SRF

Welche Fähigkeiten musste Ihr Filmteam für die Dreharbeiten mitbringen?

Gieri Venzin: Höhepunkt der Produktion waren die Luftaufnahmen und die Drehs direkt auf dem Matterhorn. Dabei erwies sich das Wetter als Stressfaktor Nummer eins. Ab Anfang Juli warteten wir zwei Monate lang auf gutes Wetter, studierten Tag für Tag die Wetteraussichten, kontaktierten unsere Leute vor Ort und mussten das Vorhaben immer und immer wieder verschieben. Anfangs September öffnete sich dann endlich ein kleines Wetterfenster von drei Tagen. Wir konnten den Versuch starten.

Am Abend vor dem grossen Dreh spielten wir die Erstbesteigung zusammen mit den Zermatter Bergführern von 1865 Szene für Szene in einem Fondue-Stübli nach. Wir stellten die Reihenfolge der Seilschaft beim Aufstieg und beim Abstieg nach. Fragten uns: Wer ging wo voraus? Wer hatte wo Schwierigkeiten? Was machten die Männer am Gipfel? Wie geschah das Unglück? Was machten die drei Überlebenden nach dem Unglück? Dieses Vorgehen bewährte sich dann am Berg, denn das Wetter war weit weniger gut als vorausgesagt. Am Gipfel herrschten minus 20 Grad. In der Nordwand blies ein eiskalter Wind. Und immer wieder hüllten Nebelschwaden den Berg ein. Die Helis mussten sich zurückziehen und die Bergsteiger auf sich gestellt ausharren.

Als unsere Kameraleute Sarah Senn-Hauser und Gery Gafner vom Berg zurückkamen, waren ihre Fingerspitzen schwarz vor Kälte. Pilot Gerold Biner und seine Crew mussten die letzten Bergführer an einem langen Seil vom Berg hinunter fliegen. Unser Produzent Frank Senn atmete auf, Tilmann und ich waren überglücklich, endlich die Schlüsselszenen im Kasten zu haben.

Gieri Venzin im Helikopter.

Bildlegende: Filmautor Gieri Venzin im Helikopter. SRF

Von welchen Bergfilmen haben Sie sich inspirieren lassen?

Gieri Venzin: Am ehesten vom legendären Schwarzweissfilm von Luis Trenker, «Der Berg ruft». Der Spielfilm war damals bahnbrechend. Er spielt auch am Matterhorn und es geht dabei auch um die Erstbesteigung. Gedreht wurde allerdings am Riffelhorn, gleich daneben. Auch wir überlegten, ob wir die Nahaufnahmen am Riffelhorn drehen sollten. Dann entschieden wir uns – glücklicherweise – für die Originalschauplätze. Wir drehten am Gipfel des Matterhorns und in der gefährlichen Nordwand, wo vor 150 Jahren das Unglück geschah.

Dramatische Dreharbeiten am Matterhorn

Die Schweizer Sicht

Die Schweizer Sicht

Am liebsten erzählt Gieri Venzin aus dem Leben und aus der Geschichte der Bergler. Der Filmautor hat zwei Söhne und lebt in Zürich und Sedrun.

Britische Pioniere

Britische Pioniere

Filmautor Tilmann Remme arbeitet als Dokumentarfilmer für Spiegel TV. Der Deutsche lebt in London. Ihn hat vor allem die Begeisterung der Briten für den Alpinismus fasziniert.