Ab wann sollen Ärzte um das Leben von Frühchen kämpfen?

Wann soll Leben beginnen? Die Frage lässt auch Filmautorin Antje Christ seit ihren Dreharbeiten über extreme Frühgeburten nicht mehr los. Weltweit haben Ärzte einen erheblichen Spielraum, in dem sie über Leben und Tod entscheiden. Wann handeln sie richtig? Gibt es überhaupt ein Richtig oder Falsch?

Kleine Kämpfer

Den kleinen Emil, der mit 23 Wochen zur Welt kam, begleite ich mit der Kamera nun schon seit drei Jahren. Immer wieder erzählen mir die Eltern von kleinen Fortschritten – vor wenigen Wochen hat Emil die ersten Schritte getan und das gesamte Drehteam begeistert. Alles geht bei ihm etwas langsamer, ihm fällt vieles schwerer, als einem reif geborenen Kind, doch Emil erobert die Welt auf seine Weise. Er ist ein Kämpfer.

500 Gramm Leben

Besonders beeindruckt hat mich der Fall des kleinen Aziz. Seine Mutter, eine Kamerunerin, die in Paris lebt, ist zu Besuch bei einer Freundin in Köln, als plötzlich Wehen einsetzen.

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Dass Aziz in Deutschland auf die Welt kam, war entscheidend.

3:15 min, vom 9.4.2015

Die Ärzte raten ihr im Krankenhaus zu bleiben. Aziz kommt mit 23 Wochen und 500 Gramm in der Uniklinik Köln zur Welt. Die Mutter gibt ihren Job in Paris auf, um ganz für ihren Sohn da zu sein und bleibt über ein halbes Jahr in Deutschland.

Erst dann darf sie mit Aziz auf die Reise gehen – zurück nach Frankreich. Dort hätte ihr Kind wahrscheinlich nicht überlebt, denn Ärzte halten Frühchen in Frankreich in der Regel erst ab 25 Wochen am Leben.

Zwei Drittel aller Extremfrühchen sind behindert

Nicht bei allen Frühchen verläuft die Entwicklung so gut wie bei Emil und Aziz. Im Gegenteil: Zwei Drittel aller Extremfrühchen wachsen mit Behinderungen auf. Bei Kenta aus Japan vermuten die Ärzte eine geistige Behinderung, verursacht durch eine Hirnblutung kurz nach der Geburt.

Die Eltern haben lange um ihren Sohn gebangt, heute sind sie glücklich, dass er überlebt hat. Obwohl der Staat alle Kosten übernommen hat und auch die vielen Therapien, die Kenta wahrscheinlich ein Leben lang braucht, fühlt sich die Familie in ihrem Alltag oft alleingelassen. Menschen mit Behinderung haben es in der japanischen Gesellschaft besonders schwer.

Immer kleiner, immer unreifer?

Vor 30 Jahren sorgten Neugeborene mit 28 Wochen noch für Schlagzeilen. Heute retten Ärzte Frühchen schon in einem Stadium, in dem in manchen Ländern noch legal abgetrieben werden darf. Wird die Medizin zukünftig mit immer mehr Technik noch unreifere Kinder am Leben halten? Wo wird die Grenze der Lebensfähigkeit in 10 oder 20 Jahren sein?

Schon heute kann das Menschwerden fast die halbe Zeit der Schwangerschaft ausserhalb des Mutterleibes stattfinden. Wird er vielleicht einmal durch eine künstliche Gebärmutter ersetzt? Für mich eine beängstigende Vorstellung.

Wann soll Leben beginnen?

Wenn sich Mediziner nicht einig sind, wann Leben beginnen soll, können es nur die Eltern sein, die diese Entscheidung für ihr Kind treffen. Ich habe während der Dreharbeiten zahlreiche Eltern kennengelernt, die sich vorbehaltlos und aufopferungsvoll um ihr behindertes Kind kümmern. Ihnen gilt mein grosser Respekt.

Die gleiche Achtung aber habe ich auch vor jenen, die einen anderen Weg gegangen sind und keine lebensverlängernden Massnahmen für ihr Kind wünschten. Ich denke, dass beide Entscheidungen unendlich schwer fallen.

Wie ich mich persönlich entscheiden würde? Diese Frage habe ich mir bei der Entstehung des Films oft gestellt. Ich weiss es nicht. Ich glaube, dass man diese Entscheidung nur aus der Situation heraus treffen kann und dass es gute Mediziner braucht, die Eltern bei dieser schwierigen Frage unterstützen.

Zur Autorin

Zur Autorin

Die Filmautorin und Produzentin Antje Christ lebt mit ihrer Familie in Köln. Seit 1997 realisiert und produziert sie weltweit Dokumentationen und Reportagen für verschiedene öffentlich-rechtliche Fernsehsender. Ihr Interesse liegt bei Menschen verschiedener Kulturen aus dem Bereich Wissenschaft, Reise und Gesellschaft.

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