Behinderte in der Regelklasse – ein Gewinn für alle?

Vor sieben Jahren lernte Filmautor Dieter Gränicher die Familie Bänziger Moser kennen. Ihre Zwillinge waren mit einer Zerebralparese auf die Welt gekommen und gerade zwei Jahre alt. Dieter Gränicher über die Entstehungsgeschichte seines Langzeitfilmprojekts mit Julian, Marius und ihren Eltern.

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Julian und Marius freuen sich auf die Schule

1:58 min, vom 14.4.2016

Als ich die Familie Bänziger Moser kennenlernte, entstand die Idee, ein langfristig angelegtes Filmprojekt zu realisieren, um die verschiedenen Entwicklungsstufen von Julian und Marius zu dokumentieren. Wir sprachen davon, die Langzeitstudie über einen möglichen Zeithorizont von zehn oder mehr Jahren anzulegen. Für die Eltern war es damals aber noch zu früh, im Zentrum eines Films zu stehen. Der Schmerz darüber, dass die Zwillinge behindert auf die Welt gekommen waren, war noch zu frisch.

Als nun vor gut eineinhalb Jahren der Schuleintritt in eine Regelklasse bevorstand, tauchte erneut die alte Idee auf, jetzt allerdings mit dem klaren Fokus auf die schulische Integration. Im Juni 2014 begannen wir mit den Dreharbeiten. Nach den Sommerferien 2014 traten die Zwillinge in den Schulunterricht der Regelklasse ein.

Wunsch und Wirklichkeit

Die schulische Integration in eine Regelklasse steht nicht nur im Spannungsfeld der vielen Beteiligten mit ihren zum Teil verschiedenen Interessen, sondern ist auch eine Frage, die im politischen Kontext diskutiert wird. Wie in vielen anderen Ländern auch, hat man auf der politischen Bühne beschlossen, dass von einer Behinderung betroffene Kinder möglichst in eine normale Schule integriert werden sollen. Doch in der konkreten Durchführung durch die Lehrerinnen, Heilpädagoginnen, Alltagsbegleiterinnen, Schulleiter, Schulpsychologinnen und andere mehr zeigt sich, dass diese Integration sehr anspruchsvoll ist.

Die Zwillinge erzählen klug und reflektiert, wie es ihnen in der Schule ergeht.

Bildlegende: Die Zwillinge erzählen klug und reflektiert, wie es ihnen in der Schule ergeht. Thomas Entzeroth

«  Jetzt fängt das Schulleben an. Jetzt kommt eine andere Seite des Lebens. Die Schule ist schön. »

Marius Bänziger

Im Schulalltag stehen die Lehrerinnen den ganzen Tag lang vor der Aufgabe, ihren Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder mit einer Behinderung möglichst schulisch und sozial eingebunden sind. Dabei stösst man an Grenzen, die sich im Fall von Julian und Marius vor allem darin zeigen, dass der schulische Stoff für sie – trotz ihrer Intelligenz – nicht einfach zu bewältigen ist. Je älter sie werden, desto anspruchsvoller werden die Anforderungen in der Schule: Es zeichnet sich ab, dass sich eine Schere öffnet zwischen dem verlangten Wissen und Können und dem, was die Zwillinge zu erbringen imstande sind. Die Zukunft wird weisen, inwieweit Julian und Marius in der Regelklasse noch am richtigen Ort sind, oder ob die Sonderschule für Körperbehinderte nicht doch besser geeignet wäre.

Ein Gewinn für beide Seiten

Für mich persönlich überwiegen die Vorteile der schulischen Integration deutlich. Wenn ich Julian und Marius mit ihren Schulkollegen erlebe, wird mir deutlich, welch grosse Qualität in diesen Beziehungen steckt. Diese sind aber keineswegs einseitig: Die nicht beeinträchtigten Kinder lernen von Julian und Marius, was es heisst, nicht einfach «normal» wie sie selber zu sein. Ganz nebenbei erfahren sie, wie man mit Hilfsbedürftigkeit, Andersartigkeit und Beeinträchtigung umgeht. Eine Erfahrung und ein Wissen, das diese Kinder zeitlebens mitnehmen werden. Nur so lässt sich in unserer Gesellschaft längerfristig der Einbezug von Menschen mit einer Behinderung erreichen.

Zum Autor

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Seit bald 40 Jahren realisiert Dieter Gränicher Dokumentarfilme. Zu seinen bekanntesten Kinofilmen gehören «Der Duft des Geldes», «SeelenSchatten» und «Pausenlos». Seit einigen Jahren arbeitet er vermehrt für SRF.

«DOK» am Donnerstag

«Julian und Marius und ihre schulische Integration», 14. April 2016, 20.05 Uhr, SRF 1

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