«Bin Ladens al-Kaida sind im Vergleich Pfadfinder»

Die Welt reibt sich die Augen: Wie ist es möglich, dass eine derart hochgerüstete islamistische Extremistentruppe auftaucht – woher kommen die Kämpfer «Islamischer Staat», und warum gewinnen sie so schnell an Boden? Der Film «Irak am Abgrund» gibt Aufschluss.

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Irak am Abgrund (Filmausschnitt)

0:42 min, vom 3.9.2014

Die Schreckensmeldungen treffen täglich, ja stündlich ein: Die Anhänger der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) erobern ganze Landstriche in Syrien und im Irak. Sie errichten ein selbsternanntes Kalifat, bedrängen, töten und vertreiben ganze Bevölkerungsgruppen. Ein IS-Kämpfer enthauptet vor laufender Kamera einen amerikanischen Reporter – der vermummte Täter soll ein Brite gewesen sein. Bereits ist von der Hinrichtung eines weiteren Journalisten die Rede.

Es ist kaum nachvollziehbar, was sich im Irak abspielt. Doch bei näherer Betrachtung erklärt sich vieles: Die Dokumentarfilmer Michael Kirk, Jim Gilmore und Mike Wiser gehen der Frage nach, was die USA mit der heutigen Situation zu tun haben. Die Autoren des Filmes legen den Fokus auf die amerikanische Aussenpolitik, welche den Irak seit Jahren und bis heute massgeblich beeinflusst und prägt.

Die USA haben im Irak unzählige Fehleinschätzungen gemacht

Ein bewaffneter IS-Kämpfer.

Bildlegende: Wie konnte die Extremistengruppe so stark werden? SRF

Als 2003 die Statue von Saddam vom Sockel gestossen wurde, waren viele überzeugt, nun beginne ein besseres Kapitel für den Irak – und die USA. «Mich hat das beunruhigt. Etwas in mir sagte, das wird nicht so leicht, wie wir das gedacht haben», sagt Rajiv Chandrasekaran, Autor des Buches «Imperial Life in the Emerald City». Er sollte Recht behalten.

Der Film beleuchtet alle wichtigen Stationen der amerikanischen Aussenpolitik im Irak und zeigt auf, wie diese den Irak nicht stabilisierten, sondern zunehmend schwächten – und diese Fehler und Fehleinschätzungen haben die islamischen Extremisten sich zu Nutze gemacht.

«Sie sind viel stärker. Sie sind mehr. Sie sind bestens ausgerüstet.»

Ryan Crocker war 2007 bis 2009 amerikanischer Botschafter im Irak. Seine Analyse zur Terrormiliz «Islamischer Staat» ist nüchtern und erschreckend zugleich: «Bin Ladens al-Kaida sind im Vergleich Pfadfinder. Sie sind viel stärker. Sie sind mehr. Unter ihnen sind Tausende mit ausländischen Pässen und sie benötigen keine Visa, um in die Vereinigten Staaten oder in andere westliche Länder zu reisen. Sie sind bestens ausgerüstet. Und sie kontrollieren heute bereits mehr Territorium, als Bin Laden es je tat.»

Der Dokumentarfilm kommt zum Schluss, dass die amerikanische Aussenpolitik mit ihren zahlreichen Fehlentscheidungen viel mit der heutigen Situation im Irak zu tun hat, und er erklärt auf packende Art und Weise warum.

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Ryan Crocker, ehem. amerikanischer Botschafter im Irak (Filmau...

1:08 min, vom 3.9.2014

Warum «DOK» diesen Film zeigt

«Die Macht und das brutale Auftreten der IS-Terrortruppe wecken das Bedürfnis nach Einordnung und Erklärung. Dieser Film leistet das und hebt sich ab von den Schreckensnachrichten, die uns derzeit überfluten.»

Christa Ulli, Redaktorin Fremdproduktionen «DOK»

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  • IS-Horror: Was Aussteiger berichten

    Aus 10vor10 vom 1.9.2014

    Noch immer besetzen die IS-Extremisten etwa einen Drittel des Irak und weite Teile Syriens. Die Dschihadisten der IS-Miliz töten mit roher Gewalt alle, die nicht ihren Glaubens sind. Ihre Propaganda verbreitet das Bild einer eingeschworenen Truppe. Es gibt jedoch auch solche, die vom IS desertieren – unter höchster Lebensgefahr.