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DOK Bügeln und Putzen – so wie in der Schweiz

Wie werden Flüchtlinge Teil der Schweizer Gesellschaft? Heinz Gerig versucht seinen Integrationsschülern neben der Sprache auch Werte und Normen zu vermitteln – beispielsweise, dass Männer und Frauen hierzulande gleichberechtigt sind. Filmautor Beat Bieri erzählt von seinen Beobachtungen.

Legende: Video Eine Frau als Chef... abspielen. Laufzeit 0:52 Minuten.
Vom 11.02.2016.

Die wichtigste Fähigkeit, welche die Flüchtlinge auf ihrem mühevollen Weg in die Schweizer Gesellschaft und in den Schweizer Arbeitsmarkt erwerben müssen, ist die Beherrschung der Sprache. Mit der Sprache alleine ist jedoch der grosse kulturelle Sprung, den diese Menschen aus einer anderen Welt schaffen müssen, nicht zu leisten. Heinz Gerig, der in acht Jahren den Integrationskurs «Riesco» entwickelt hat, legt deshalb in der einjährigen Ausbildung grossen Wert auf das Fach «Werte und Normen».

Da lernen die Flüchtlinge beispielsweise, dass Männer und Frauen hierzulande gleichberechtigt sind. Und immer wieder ist das für Männer aus traditionell-patriarchalen Gesellschaften ein Problem.

Weltmeister der Pünklichkeit

Eine grosse Schwierigkeit ist auch Pünktlichkeit. Der diesbezügliche Schweizer Anspruch ist ja wohl auch weltmeisterlich gross. Doch irgendwann haben die Schüler von Heinz Gerig begriffen, dass hierzulande Pünktlichkeit mit Zuverlässigkeit gleichgesetzt wird – eine unabdingbare Voraussetzung, um eine Anstellung im unbarmherzigen Schweizer Arbeitsmarkt zu ergattern.

Ein Mann zeigt zwei Personen eine Toilette.
Legende: Als Vorbereitung auf das Hauswirtschaftspraktikum: Die Flüchtlinge lernen das WC-Putzen. SRF

Viel schwieriger als Pünktlichkeit sind wiederum Verhaltensweisen und Ansichten zu ändern, die tief in der kulturellen, religiösen Prägung verankert sind – beispielsweise das Frauenbild.

Bügeln und Putzen

«Frauen und Männer sind gleichberechtigt», steht im Vertrag, den alle Riesco-Kursteilnehmer akzeptieren müssen. Das Thema wird während des Unterrichts immer wieder in konkreten Situationen angesprochen, etwa als Kursleiterin Doris Wobmann in der Lingerie verdeutlicht, dass Bügeln – entgegen der Ansicht von männlichen Kursteilnehmern – nicht eine alleinige Frauenarbeit ist. Oder als Kursteilnehmer von Heinz Gerig korrigiert werden müssen, dass Putzen eben auch eine Tätigkeit für Männer sei.

Schweiz gehört nicht zur Avantgarde

Es sind in der Regel keine dramatischen Situationen – auch Schweizer Männer bügeln kaum (und zudem darf man feststellen, dass die Schweiz, wo das Frauenstimmrecht erst seit 1971 existiert, auch nicht gerade zur Avantgarde gehört, was die Gleichberechtigung von Frau und Mann anbelangt). Doch oft sind die kleinen Anekdoten Ausdruck eines tiefersitzenden Unvermögens, Frauen als gleichwertig akzeptieren zu können.

So muss der Eritreer T.H. (übrigens kein Muslime, sondern ein orthodoxer Christ) gegenüber Heinz Gerig etwa eingestehen, dass er «Mühe» habe zu verstehen, dass Frauen in der Schweiz «etwas zu sagen haben». Er versuche selbstverständlich, dies zu akzeptieren, doch es falle ihm nicht leicht. Gerig hat sogar den Eindruck, der Eritreer schäme sich, dass er sich entgegen seiner Prägung so verhalten muss.

Das sind schwierige Umstände – und sie zeigen, dass Integration mehr ist, als ein Sprachunterricht.

Legende: Video Flüchtlinge haben in der Gastronomie die grössten Chancen. abspielen. Laufzeit 1:24 Minuten.
Vom 11.02.2016.

Zum Autor

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Beat Bieri geht in seinen Filmen aktuellen, gesellschaftspolitischen Fragen nach. Der Dokumentarfilmer porträtiert Schweizer Identität in allen Facetten.

«DOK» am Donnerstag

«Auf euch hat hier niemand gewartet» – Teil 2, 11. Februar 2016, 20.05 Uhr auf SRF1.

Riesco?

Der Riesco-Lehrgang bietet anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen die Möglichkeit, während 12 Monaten eine praxisbezogene Ausbildung zu durchlaufen. Zusätzliche Fächer sind Werte und Normen sowie Deutschunterricht.

8 Kommentare

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  • Kommentar von M.Müller, Zürich
    Der Kurs ist gut und Zielführend. Die meisten Flüchtlinge sind anständige und dankbare Menschen. Sorgen machen die Radikalen, Renitänten und extrem Islamischen. Sorgen macht auch die gigantische Anzahl und da bin ich mir sicher, dass wir zum Schutz von uns selber, dieses Jahr die Grenzen hier und in Europa dicht machen müssen. Sorgen macht auch das tabuisieren der Kosten. Irgend wann wird diese Position in der Staatsrechnung erscheinen, übernehmen die Gutmenschen dann die Kosten?
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  • Kommentar von Thomas Keller, Illnau
    Ein grosses Kompliment und einen herzlichen Dank an srf für diese zweiteilige Doku! Beeindruckend die Biographien und die Leistungen der Flüchtlinge! Beeindruckend der Einsatz von Herrn Gerig und seinem Team. Ich kann mich dem bereits gemachten Vorschlag nur anschliessen: Er ist der Kandidat für den Schweizer des Jahres! Beelendend die von der SVP mit ihren Hasskampagnen angeheizte undifferenzierte Diskussion zum Thema Flüchtlinge bzw. "Ausländer". Stoppen wir sie am 28.02. mit einem klaren NEIN
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  • Kommentar von Margot Helmers, Bülach
    Die Antwort auf die Frage "wieso Schweiz" war, dass Sheba Katzenfutter von einem Buttler mit goldenen Löffel serviert wurde. Sowas und weiteres wird heute täglich im www gesehen. Auch die Eifersucht als Ausdruck der Konkurrenz um den eigenen Arbeitsplatz ist sehr begründet, es hat 14'303 gemeldete Arbeitslose im Gastgewerbe im Januar; Quelle: Seco.ch. Davon sind mit grosser Mehrheit Ausländer betroffen. Was passiert mit dennen, wenn diese dann durch einen Asylanten ersetzt werden?
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