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Transmenschen in der Schweiz Das Geschlecht der Seele

Abends, wenn seine Frau Nelly schlief, zog Andreas los, fuhr mit dem Auto an den Waldrand und spazierte durch die Dunkelheit. Manchmal mit etwas Lippenstift, manchmal in einem Rock oder in Stiefeln mit Absätzen.

Legende: Video Andrea von Aesch: «Ich hatte immer Angst, dass mich jemand sehen könnte» abspielen. Laufzeit 02:52 Minuten.
Aus DOK vom 25.01.2018.

Für Andrea von Aesch (50) waren diese Momente wie das Öffnen einer Tür in eine andere Welt. Eine Welt, in der sie das sein durfte, was sie immer schon war: eine Frau.

Schon als kleines Kind fühlte sich Andrea als Mädchen, obwohl sie unter dem Namen Andreas als Junge grossgezogen wurde. Heimlich zog Andreas die Kleider seiner Mutter an. Bis ihn eines Tages der Vater dabei erwischte und mit dem Kinderheim drohte.

Über 40 Jahre lang verdrängte sie dieses Geheimnis und litt darunter, sich niemandem anvertrauen zu können. Nicht einmal der eigenen Frau Nelly, trotz 25 Jahren Ehe.

Legende: Video Andrea von Aesch: «Ich bin in einer verspäteten Pubertät» abspielen. Laufzeit 01:55 Minuten.
Aus DOK vom 25.01.2018.

Schätzungen zufolge leben an die 40'000 Transmenschen in der Schweiz. Davon haben aber längst nicht alle eine Hormontherapie, eine Namensänderung oder eine geschlechtsangleichende Operation hinter sich. Diesen Schritt haben hierzulande nur ein paar Tausende vollzogen.

Transmenschen fühlen sich nicht dem Geschlecht zugehörig, dem sie bei der Geburt zugeordnet wurden. Sie identifizieren sich entweder als das andere Geschlecht, als zwischen den Geschlechtern oder als ein bisschen von allem.

Transmenschen sind überzeugt: Was zur Identität zählt, ist die Seele. Nicht der Körper.

Nico Gaspari (43) ist ein Transmann. Er wurde bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet und spritzt sich seit 16 Jahren regelmässig Testosteron. Er trägt einen dichten Bart und hat eine tiefe Stimme.

Nico liess sich damals seine Brüste, die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernen. Heute arbeitet er als Pflegefachkraft in einem Altersheim. Von seiner Transidentität wussten seine Mitarbeiter lange nichts.

Er wollte dies am Arbeitsplatz nicht zum Thema machen. Rechtlich gesehen ist Nico Gaspari dazu nicht verpflichtet. Und rein äusserlich weist nichts darauf hin.

Legende: Video Nico Gaspari: «Wenn ich mich jetzt anschaue, kommt niemand darauf, dass ich einmal eine Frau war» abspielen. Laufzeit 03:35 Minuten.
Aus DOK vom 25.01.2018.

Transfrauen haben es oft schwerer. Caroline Schürch (55) ist in einem biologisch männlichen Körper geboren. Sie ist gross gewachsen, mit breiten Schultern und einer tiefen Stimme. Daran ändern auch die Hormone nichts, die sie seit ein paar Jahren einnimmt.

Vor zwei Jahren hatte sie ihre geschlechtsangleichende Operation. Früher war sie verheiratet und Vater dreier Kinder.

Mit der Transition – dem Übergang vom Leben in einem Geschlecht zu einem anderen – brach die Familie auseinander und Caroline verlor ihre Arbeit. Seither ist sie auf Stellensuche. Meistens scheitert es bereits beim ersten Vorstellungsgespräch, meint sie heute nüchtern.

Sie ist sich sicher: Es hat auch mit ihrer Transidentität zu tun.

Caroline war früher verheiratet und ist Vater dreier Kinder
Legende: Caroline war früher verheiratet und ist Vater dreier Kinder. SRF

Transexualität ist so alt wie die Menschheit selbst

Eine vom «Transgender Network Switzerland» (TGNS) durchgeführte Befragung aus dem Jahre 2012 zeigt Erschreckendes: Während der Transition verlieren viele ihre Arbeitsstelle. Die Suizidrate ist bei Transmenschen 40-mal höher als im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Die Ursachen für Transsexualität bzw. Transidentität sind bislang wenig erforscht. Dabei ist sie vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Wissenschaftler ziehen sowohl genetische, hormonelle, physische, psychische als auch soziale Faktoren als Ursache in Betracht. Möglicherweise ist die Transidentität – wie so vieles in der Biologie – multifaktoriell bedingt.

Neuere Untersuchungen vermuten ein hormonelles Ungleichgewicht während der Embryonalentwicklung, also bereits im Mutterleib. Ausserdem haben Forscher ermittelt, dass in der vorgeburtlichen (pränatalen) Entwicklungsphase dieselben Sexualhormone die Ausbildung der Genitalien wie auch die Ausbildung und Funktion des Gehirns beeinflussen.

Demnach ist es wahrscheinlich, dass ein Kind bereits zum Zeitpunkt seiner Geburt transsexuell bzw. transident ist.

Blickt man Simon und Renja Kägi (22) in die Augen, sieht man einen Bruder und eine Schwester, die sich sehr ähnlich sehen. Was kaum jemand vermutet: Die beiden wurden als eineiige Zwillingsschwestern geboren!

Noch heute kann sich Simon an den Ekel erinnern, den er damals als junges Mädchen vor sich selbst hatte: Vor den eigenen Brüsten, der Menstruation. In der Schule wurde Simon oft gehänselt, weil er seine Beine nicht rasieren wollte.

Noch heute sieht sich Simon als Einzelgänger. Doch er fühlt sich glücklich. Seine männliche Identität gibt ihm Kraft, Schutz und Selbstsicherheit. Ein letzter Schritt zur Vollkommenheit fehlt ihm noch: Simon will sich einer Penisaufbauoperation (Phalloplastik) unterziehen lassen.

Legende: Video Renja Kägi: «Bleib doch meine Schwester, wir sind Zwillinge» abspielen. Laufzeit 02:40 Minuten.
Aus DOK vom 25.01.2018.

Wahrscheinlich gibt es heute nicht wirklich mehr Transmenschen als noch vor zehn Jahren. Betroffene und Ärzte sind aber der Meinung, dass man heute in der Gesellschaft offener darüber redet. Ganz wichtig sei zudem auch, dass man gerade im Internet viele Informationen erhalten könne. So könne man heutzutage die eigenen Gefühle und die erlebte Ablehnung des zugeteilten Geschlechts besser einordnen und psychologische Unterstützung einholen.

Etwa jeder fünfte Transmensch identifiziert sich zudem nicht eindeutig als Frau oder als Mann. Solche Transmenschen nennen sich «nonbinär» oder «non-binary».

Chri Hübscher (49) fühlt sich weder als Mann noch als Frau. Chri fühlt sich als Mensch. Chri möchte sich auch kein weibliches oder männliches Pronomen geben, sich nicht festlegen oder eingrenzen.

Nonbinär ist für Chri auch keine Identität, sondern eine Definition. Letztlich sei Identität immer einengend, meint Chri überzeugt.

Legende: Video Chri Hübscher: «Ich fühle mich nicht als Mann oder als Frau, sondern als Mensch» abspielen. Laufzeit 02:29 Minuten.
Aus DOK vom 25.01.2018.

Transmenschen irritieren. Auch heute noch. Indem sie unser starres Rollenbild von Mann und Frau hinterfragen, rütteln sie auch an den Säulen unserer eigenen Identität.

Sind wir wirklich der «Mann» oder die «Frau», für die wir uns halten? Steckt nicht in uns allen jeweils auch ein Anteil des anderen Geschlechts, den wir unterdrücken? Wie sehr sind wir Gefangene einer streng dichotomen Geschlechterrollenzuordnung, in die wir seit unserem Kindesalter hinein sozialisiert werden? Gibt es eine Identität jenseits des binären Systems?

Begriffserklärung Transgender

Transgender

Transgender ist der Oberbegriff für alle Transmenschen. Er wird auch
verwendet für Menschen, für deren Geschlechtsidentität das
Zweigeschlechtermodell nicht ausreicht, die sich also nicht nur als Mann
und nicht nur als Frau fühlen sowie für Transmenschen, die keine oder
nicht alle medizinischen Massnahmen wünschen.

Transfrau

Mensch, der mit dem Körper eines Knaben geboren wurde, sich aber als Frau identifiziert.
Transmann

Mensch, der mit einem weiblichen Körper geboren wurde, sich aber als Mann identifiziert.
Transvestit /Crossdresser

Person, die sich zeitweise entsprechend der Rolle, die nicht ihrem
Geburtsgeschlecht entspricht, kleidet. Transvestiten leben meistens in
der Rolle ihres biologischen Geschlechts. Transvestitismus ist
unabhängig von der sexuellen Orientierung und kommt sowohl unter
Heterosexuellen als auch unter Homosexuellen vor.

Acht Fragen zu Transgender

Hat Transgender etwas mit Sexualität zu tun?

Nein, Transgender hat nichts mit Sexualität oder der sexuellen Orientierung zu tun.
Wie viele Transmenschen leben in der Schweiz?

Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Forscher gehen davon aus, dass einer von 200 Mensch transgender ist. Das wären in der Schweiz etwa 40'000 Menschen. Andere zählen lediglich Menschen, die eine geschlechtsangleichende Operation machen. Das sind in der Schweiz ein paar Tausend.
Kann man seinen Vornamen ändern lassen?

Ausser beim amtlichen Verkehr ist es in der Schweiz erlaubt, einen selbst gewählten Vornamen zu nutzen. Zudem kann jeder eine Namensänderung beantragen. Die Voraussetzungen und die Kosten sind je nach Kanton unterschiedlich.
Kann man sein amtliches Geschlecht ändern?

Um das amtliche Geschlecht zu ändern, muss man beim erstinstanzlichen Zivilgericht eine Klage einreichen. Die Voraussetzungen und die Kosten sind je nach Gericht unterschiedlich.
Werden Transpersonen auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert?

Transmenschen sind häufiger und länger von Arbeitslosigkeit betroffen als der Durchschnitt der Bevölkerung. In der Schweiz liegt die Arbeitslosenquote bei Transmenschen bei rund 20 Prozent.
Ist Transgender eine Krankheit?

In den beiden wichtigsten internationalen Klassifikationen der Krankheiten wird «Transsexualität» als «Geschlechtsidentitätsstörung» (ICD-10) bzw. «Geschlechtsdysphorie» (DSM-V) bezeichnet. Dies dürfte sich aber mit den laufenden Revisionen der jüngst verabschiedeten Version 7 der Behandlungsrichtlinien, der «World Professional Association for Transgender Health» (WPATH) ändern. Dann wird sie nicht mehr als psychische Störung aufgeführt werden.
Wie viele geschlechtsangleichende Operationen gibt es schweizweit?

In der Schweiz werden die Zahlen nur unzureichend erfasst. Laut der Fachstelle Trans Zürich werden die chirurgischen Eingriffe in Zürich, Basel und Lausanne angeboten. Schätzungen gehen von ca.100 geschlechtsangleichenden Operationen pro Jahr aus. Viele Transmenschen, vor allem Transfrauen, lassen sich aus Qualitätsgründen im Ausland operieren, vor allem in Thailand.
Sind Transmenschen Suizid gefährdet?

Die Suizidalität ist sehr hoch. Laut Transgender Network Switzerland gibt es keine genauen Zahlen für die Schweiz. Doch aus den USA, England oder Irland ist bekannt, dass 40 bis 80 Prozent aller Transmenschen bereits einen Suizidversuch unternommen haben. Nicht das Trans-Sein an sich macht lebensmüde, sondern die Diskriminierung, Angst vor Zurückweisung, körperlicher und physischer Gewalt. Zudem lässt die Verweigerung von medizinischen und rechtlichen Massnahmen die Situation aussichtslos erscheinen.

Quelle: Transgender Network Switzerland

«DOK» begleitet Transmenschen

«DOK» begleitet Transmenschen

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