Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik

  • Donnerstag, 5. Oktober 2017, 20:05 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 5. Oktober 2017, 20:05 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Freitag, 6. Oktober 2017, 1:35 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 6. Oktober 2017, 11:15 Uhr, SRF 1

Sein Fall war tief: Vom gefeierten «Lehrer der Nation» zum Geächteten. Jürg Jegge gab diesen Frühling zu, mehrere Schüler sexuell missbraucht zu haben. «DOK»-Autorin Karin Bauer zeigt erstmals, wie es ihm gelang, in aller Öffentlichkeit ein geschlossenes System aufzubauen.

Ein Film von Karin Bauer

«Armseligkeit des Milieus», «Unordnung», «fragwürdige Unverbindlichkeit auf alles, was Lernen anbelangt»: Die Qualifikation eines gefeierten Reformpädagogen stellt man sich anders vor. Wie ein roter Faden zieht sich die Kritik der Schulpfleger durch die Karriere von Jürg Jegge. Allein der Standort seiner Sonderschule war eine Provokation: ein Bauernhof.

Schon früh rankten sich Gerüchte um den sonderbaren Lehrer, der Schüler auf Reisen nach Wien und mit zu sich nach Hause nahm. Aber niemand sagte etwas. Alle, Primarlehrer, Schulpfleger und Eltern, schienen froh, dass sich jemand der schwierigen Kinder und Jugendlichen annahm.

Die Recherchen für den Film reichen weit zurück und zeichnen die Karriere des «Lehrers der Nation» mit den antiautoritären Ideen nach: von Jürg Jegges Zeit als Sonderschullehrer in den 1970er-Jahren im zürcherischen Embrach, über den kantonalen Schulversuch «Schule in Kleingruppen» anfangs der 1980er-Jahre, bis hin zur Leitung der geschützten Lehrstätte «Stiftung Märtplatz».

Die Berichte über den Zürcher Schulversuch – ausgerechnet vom reformfeindlichen Regierungsrat Alfred Gilgen bewilligt – lassen tief blicken: Vom «intimen Umgang Lehrer – einzelner Schüler» ist dort die Rede, von «intensiven Einzelbeziehungen». Mit seiner Auffassung einer Schule, in der die Nähe zum Kind wichtiger ist als der Unterricht und die weder Noten, noch Lehrpläne und -ziele kennt, gehörte Jürg Jegge zu den radikalsten Reformpädagogen seiner Zeit.

Im Zentrum des Films stehen die Missbrauchsopfer. Nur wenige wagen den Gang an die Öffentlichkeit. Die Männer, heute in den 50ern, erklären, wie Jegge ihnen die Zuwendung gab, «die ich sonst nicht bekam». Wie er den sexuellen Missbrauch als Therapie ausgab, «um einen besseren Menschen aus mir zu machen». Wie er Abtrünnigen drohte, dass sie ohne seine Hilfe abstürzen würden. Viele dieser Opfer waren jahrzehntelang von Jürg Jegge abhängig, nicht nur sexuell. «DOK» zeigt, wie der ehemalige Starpädagoge ein geschlossenes System schuf, das bis heute durch Schweigen dominiert wird.

Autorin: Karin Bauer
Kamera: Franco di Nunzio
Schnitt: Pauline von Moos
Produktionsverantwortung: Monika Zingg
Leitung: Belinda Sallin

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