Der chinesische Bürgermeister

  • Mittwoch, 2. März 2016, 22:55 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Mittwoch, 2. März 2016, 22:55 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Donnerstag, 3. März 2016, 5:15 Uhr, SRF 1
    • Montag, 7. März 2016, 11:20 Uhr, SRF 1
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Der 54-jährige chinesische Bürgermeister Geng Yanbo hat eine Vision: Er will die glorreiche Vergangenheit von Datong wieder aufleben lassen. Die Stadt in eine Kultur- und Tourismusstadt verwandeln und so ihre Zukunft sichern.

Ein Film von Zhou Hao

Turbulenzen an den chinesischen Märkten und eine geringe Wachstumsrate für 2015. Zahlt China den Preis für seine rasante Wachstumspolitik? Zhou Hao gibt einen einmaligen Einblick in Politik, Wirtschaft und Machstrukturen des Riesenreichs – und zwar von Innen.

Dem Filmemacher gelang das scheinbar Unmögliche: Er konnte einen hohen chinesischen Regierungsbeamten mit der Kamera durch den politischen Alltag begleiten. Ein aufrüttelnder Dokumentarfilm über den Bürgermeister und die Bewohner der chinesischen Stadt Datong und die rasanten Veränderungen und die Widersprüche eines Landes im Wachstumsrausch.

Der 54-jährige chinesische Bürgermeister Geng Yanbo hat eine Vision: Er will die glorreiche Vergangenheit von Datong wieder aufleben lassen. Die Stadt in eine Kultur- und Tourismusstadt verwandeln und so ihre Zukunft sichern.

Die 3.3-Millionen-Metropole war einst Hauptstadt des chinesischen Kaiserreichs und ein strategisch wichtiger Ort während der Ming-Dynastie. Doch der Kohlebergbau hat seine Spuren hinterlassen: Datong gilt heute als schmutzigste Stadt Chinas.

Der Bürgermeister von Datong will die Altstadt neu aufbauen und die monumentale Stadtmauer wieder errichten. Das erfordert von den Bewohnern der Stadt beträchtliche Opfer: Für das Mega-Städtebauprojekt sollen 500’000 Menschen umgesiedelt werden, das heisst fast ein Drittel der Bewohner.

Immer wieder wechseln die Bilder von Zerstörung, Vertreibung und Verzweiflung mit jenen von historischen Stadtkulissen, die sich mancherorts bereits aus den Trümmern erheben, pompös und gigantisch. Und den anonymen Wohnsiedlungen, die am Stadtrand für die Bewohner der Altstadt entstehen. Eine solche Wohnung, beklagt eine Bewohnerin, könne sie sich gar nicht leisten.

Der Filmemacher Zhou Hao begleitet Geng Yanbo auf Baustellen, an Sitzungen und filmt auch die Konfrontationen mit protestierenden Bewohnern. Geng Yanbo gibt sich als bürgernahen Bürgermeister, der für die Probleme der Bewohner Verständnis zeigt. Aber auch als dynamischen Macher, der mit eiserner Faust regiert. Denn für ihn ist klar: Das Wohl der gesamten Stadt steht über jenem der einzelnen Bewohner.

Der Film zeigt, in Datong treffen Welten aufeinander: Hier Geng Yanbo, der die einzige Chance für die Zukunft der Stadt im monumentalen Neubau des Alten sieht. Und da die Bewohner, die für ihre einfachen, alten Häuser im Stadtzentrum kämpfen.

Im Dokumentarfilm geht es denn auch um die Frage: Welchen Preis sollen die Menschen heute für das Wirtschaftswachstum von morgen zahlen? Wo liegt das Gleichgewicht zwischen der Entwicklung und dem Schutz einer Stadt? Im autokratischen China geht die Veränderung und Gentrifizierung in den Städten noch schneller und in noch grösserem Ausmass voran als in Europa: Hier werden einem die Folgen dieser Entwicklung mit aller Härte vor Augen geführt.

Im Dokumentarfilm wird auch die Willkür des chinesischen politischen Systems sichtbar: Geng Yanbo wird noch vor Fertigstellung seines gigantischen Projekts in eine andere Stadt versetzt. Der Bürgermeister hinterlässt Datong Schulden in Höhe von drei Milliarden Dollar. Zahlreiche Bewohner bleiben ohne Wohnung.

Der Dokumentarfilm hat zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem den «Special Jury Prize» am Sundance Film Festival und den Preis als «Bester Dokumentarfilm» am RiverRun International Film Festival.

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