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DOK Der Luxus eines eigenen WCs

Die peruanische Hauptstadt Lima ist eine der trockensten Städte der Erde. In den Slums gibt es meist nur Latrinen und die Bewohner leiden an den Folgen mangelnder Hygiene. Die Zürcherin Jessica Altenburger vermietet hier Trocken-WCs. Reporter Patrick Schellenberg reiste zu ihr nach Peru.

Legende: Video WCs für Slum-Bewohner in Peru abspielen. Laufzeit 1:50 Minuten.
Aus DOK vom 20.03.2016.

Es war mir unendlich peinlich. Und meinen Gastgebern war es noch peinlicher. Vor einigen Jahren filmte ich in einem kleinen Dorf in Indien. Ich erkundigte mich nach der Toilette. Doch meine Gastgeber besassen keine. Sie hatten sich so Mühe gegeben, damit ich nichts von ihrer Armut bemerken sollte. Alle trugen festliche Kleider, der Tisch war üppig gedeckt. Schliesslich begleitete mich der Sohn der Familie zu einem Haus in der Nachbarschaft. Dort stand das einzige WC des Quartiers. Mit stolzer Geste präsentierte mir der Hausherr das stille Örtchen.

WCs zum Mieten

Für uns in Europa sind Toiletten eine Selbstverständlichkeit. Wenn wir ein Haus bauen, überlegen wir uns, ob wir nur zwei oder doch eher drei WCs einbauen. Die peinliche Situation bei meinen indischen Gastgebern konnte nur passieren, weil ich mir den Luxus eines WC noch nie vergegenwärtigt hatte.

Mit dieser Erinnerung im Kopf begeisterte mich das Projekt von Jessica Altenburger. Die Zürcherin betreibt einen Dienstleistungsbetrieb für Trockentoiletten in den Slums der peruanischen Hauptstadt Lima. Arme Menschen mieten für wenig Geld ein WC und holen sich so nicht nur Hygiene und Gesundheit in ihr Leben, sondern auch Menschenwürde.

Es fehlt an Wasser, es fehlt an Hygiene

Mein Hotel lag in einem der nobelsten Quartiere Limas. Umso mehr erstaunte mich das Hinweisschild im Bad: «Do not throw toilet paper in toilet.» Für das Toilettenpapier stand ein kleiner Plastikeimer bereit. Ich erkundigte mich bei der Hotelmanagerin, was es mit dem Schild auf sich habe. Sie erklärte mir, Lima sei eine der trockensten Städte der Welt. Die besseren Quartiere hätten zwar eine Kanalisation, doch fehle das Wasser, um diese genügend zu spülen. Darum würde WC-Papier die Rohre verstopfen.

Firmengründerin Jessica Altenburger (r.)und CEO Isabel Medem
Legende: Vermieten Trockentoiletten im Slum Firmengründerin Jessica Altenburger (r.)und CEO Isabel Medem SRF

Eine Woche lang begleitete ich Jessica Altenburger und ihre Angestellten mit der Kamera. Ich filmte, wie das Team mit einem kleinen Lastwagen durch die Slums fuhr und die Fäkalien der Kunden einsammelte. Bei Trockentoiletten lässt man den Urin ins Erdreich versickern. Die Fäkalien werden mit Sägemehl gebunden in speziellen Abfallsäcken aufgefangen. Ich staunte, wie selbstverständlich und unverkrampft Altenburger und ihr Team mit dem Thema umgingen.

Am Sonntagvormittag begleitete ich Jessica Altenburger und ihren Monteur zu einer neuen Kundin. Sie lebte in einer einfach gezimmerten Hütte aus Holz und Wellblech. Der Fussboden bestand aus nackter Erde. Die Kundin hatte ihr Geschäft bisher in einer schäbigen Latrine im Hinterhof verrichtet. Dass es ihre Nachbarn genau so machten, konnte ich deutlich riechen. Die Kundin erzählte, zwölf Franken Monatsmiete für ihre neue Toilette sei viel Geld für sie. Doch sie wolle alles daran setzen, dass sie sich diesen Luxus leisten könne. Als der Monteur mit seiner Arbeit fertig war, posierte sie stolz neben ihrer Trockentoilette. Es war das erste eigene WC in ihrem Leben.

Christoph Lüthi leitet die Abteilung Siedlungshygiene und Wasser für Entwicklung des Wasserforschungsinstituts Eawag, Link öffnet in einem neuen Fenster in Dübendorf. Der Experte für ökologische Infrastrukturplanung begleitete das Projekt von Jessica Altenburger beratend.

Legende: Video «Es reicht nicht, neue WCs hinzustellen. Aufklärung gehört dazu.» abspielen. Laufzeit 3:03 Minuten.
Aus DOK vom 20.03.2016.

Zum Autor

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Patrick Schellenberg arbeitet seit 2006 für «Reporter» und «DOK-Serien». Er absolvierte eine Lehre als Fotograf und studierte anschliessend Journalismus an der Schule für angewandte Linguistik SAL in Zürich.

«Reporter»

«Ein sauberes Geschäft», Sonntag, 20. März, 21:40 Uhr, SRF1.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Nicole Tschäppät, Basel
    Von A bis Z eine super Geschäftsidee! Jessica Altenburger hat sich offensichtlich mehr Gedanken gemacht als der Reporter, der innerhalb von zwanzig Minuten immer wieder die selben Fragen stellt. Anstelle dessen hätte man auf die Schaffung von Arbeitsplätzen durch die Firma hinweisen oder die weitere Verwendung der Komposterde aufzeigen können. Auch spannend wäre es gewesen, eine Familie/Person zu den Veränderungen in ihrem Alltag zu befragen, die das WC schon länger haben.
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  • Kommentar von Christoph Benz, Allschwil
    Wir haben selber genau so ein WC im Gartenhaus. Separett villa 12V aus Schweden. Funktioniert tiptop, sofern man immer richtig sitzt! Es stinkt nicht, riecht höchstens ungewohnt, aber dafür ist der Kamin da, welcher einen 12 V Venti hat (Euromodell), Strom von kl Panel direkt. Die Masse trocknet, der Gestank verduftet, und Pipi fasst man im Kanister und giesst es auf die Weide, wie die Kühe. Im Kreislauf der Natur geht auch in der Schweiz ohne Chemie und kostet so um tausend Franken, einmalig!
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  • Kommentar von Mike Diener, 3612 Steffisburg
    War sehr beeindruckt von dieser Dok-Sendung. Habe dazu eine Idee, probieren Sie Mark Zuckerberg oder Bill Gates anzuschreiben. Die beide haben schon sehr viel unternommen um Elend der Menschen zu mildern. Sie könnten Glück haben denn in Lima eine Kanalisation ins Leben zu rufen kostet eine Unmenge Geld, diese beiden Herren hätten die nötigen Mittel dazu, aber, und vor allem ein gutes Herz und die richtige Einstellung dazu. Viel Glück machen Sie weiter so. Mit freundlichen Grüssen M.Diener
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