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DOK Der Reiz des James Schwarzenbach

Der Aargauer Schriftsteller Pirmin Meier, Autor historischer Biografien, fühlte sich in jungen Jahren zu den Ideen von James Schwarzenbach hingezogen. Wie kam es dazu? Und warum hat er sich schliesslich von Schwarzenbach abgewandt?

Pirmin Meier
Legende: Der Aargauer Historiker Pirmin Meier SRF

SRF DOK:

Herr Meier, Sie waren 1971 ein junger Historiker. Viele Ihrer damaligen Studienkollegen beschäftigten sich mit den linken 68er Ideen. Wie kamen Sie dazu, sich einem national-konservativen Politiker anzuschliessen?

Pirmin Meier: «Anschliessen» ist zu viel gesagt. Aber ich kannte Schwarzenbach seit 1964 über seine Zeitung «Der Republikaner» und bald persönlich. Das Klischee «nationalkonservativ» passte damals (noch) nicht zu ihm. Zusammen mit dem genialen Kuno Räber hatte er im Geist von Paneuropa-Gründer Coudenhove-Kalergi sogar über ein christliches Europa, Bollwerk gegen den Kommunismus, publiziert.

Was hat Sie an seinen Ideen begeistert?

Schwarzenbach war für mich ein alternativer Literat. Er machte mich auf François Mauriac, Chesterton, Evelin Waugh aufmerksam, auf den christlichen Existenzphilosophen Peter Wust. Er hatte Edmund Burke übersetzt, noch 1962 die Neutralität als «Illusion» in Frage gestellt. 1966 lud ich ihn und den kritischen Historiker Marcel Beck zu Vorträgen ins Kollegi Sarnen ein. Das Feindbild waren in meiner Wahrnehmung nicht die Ausländer, sondern Zürichs Bürgertum. «Die Stunde des Bürgertums» war ein Buchtitel von Schwarzenbach.

Schwarzenbach hat vor allem gegen das Fremde, gegen die Überfremdung gekämpft. Inwiefern sahen auch Sie damals die Schweiz vom Fremden bedroht?

Bei meiner familiären CVP-Herkunft (Bruder Grossrat, Cousin Generalsekretär) brachte mich Schwarzenbachs «Volk- und Heimat-Bewegung» in Verlegenheit. Deren Gründer F. Meier (Ellikon/Thur) brachte mal einen Strick zum Aufhängen der «Verräter» an eine Versammlung. Aber die Ortsplanung im nahen Wettingen mit einem «Endausbau» auf 80'000 Einwohner schockierte und veranlasste nicht nur mich 1970 zu einem Ja zur «Schwarzenbach»-Initiative.

Die Italiener erfuhren damals eine grosse Ablehnung und sogar Verachtung. Wie erklären Sie sich dies?

Italiener auf der Reise in die Schweiz
Legende: Hundertausende Italiener reisten in den 60er Jahren in die Schweiz – auf der Suche nach einem besseren Leben. SRF

Da wird eher übertrieben. Die Pizzerien kamen auf. Die Unentbehrlichkeit der Italiener war mit ein Grund zur Niederlage der Initiative. Vincenzo und Battista, zwei Metzgergehilfen meines Vaters, ehemalige Ministranten, hätte ich nie missen wollen. Aus meiner Sicht brauchte es aber mindestens ein Drittel Ja-Stimmen, um den Bundesrat die Einwanderung bremsen zu lassen. Die überraschende Ja-Mehrheit in den katholischen Kantonen war volkskundlich ein Indiz, dass es um eidgenössische Identität ging, kaum Italienerhass. Als Volkskundler befasste ich mich damals mit Sardinien. Eine Exkursion mit Professor Niederer beschäftigte sich mit Alternativen zum «Proletarierimport».

Schwarzenbachs Republikaner, die Sie im Aargau mitaufgebaut hatten, hatten nicht lange Bestand. Woran ist Schwarzenbach schliesslich gescheitert?

Dies habe ich 1973 in einer vierzehnseitigen, auch in der politischen Literatur zitierten Studie dargestellt (siehe hier, Link öffnet in einem neuen Fenster). Einerseits war Schwarzenbach, was auch sein Sekretär Ulrich Schlüer merkte, als Parteiführer total ungeeignet, eine undemokratische Persönlichkeit. Andererseits wurde er Gefangener des Anti-Überfremdungslagers. Für das Konglomerat eines «nationalistisch verschmutzten Patriotismus» sah ich das Verschwinden bis spätestens 1983 voraus, was prompt zutraf.

Sie haben sich nach wenigen Jahren von Schwarzenbach abgewandt, weil, wie Sie sagten, er unter anderem antisemitische Tendenzen gezeigt habe. Worin äusserten sich diese?

In Schwarzenbachs Vorstand wurde man nicht durch eine Delegiertenversammlung gewählt, sondern mehr oder weniger berufen. Die Rechtspartei hatte personelle Probleme, wie später zum Teil die SVP. Zur Aufbesserung schlug ich ihm zwei junge Intellektuelle vor, zum Katholizismus konvertierte Juden. Seinen Widerwillen dagegen drückte er spontan und erschreckend aus. Immerhin darf er nicht auf einen «Fröntler» reduziert werden. Von dieser Bewegung hat er sich, wie Germanist Staiger und Verleger Wanner, spätestens 1934 getrennt.

Seit 1970 sind mehrere Überfremdungsinitiativen an der Urne gescheitert. Erst im Februar 2014 wurde eine Initiative mit ähnlicher Stossrichtung, die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP, angenommen. Was ist 2014 anders als 1970?

Weder die Masseneinwanderungsinitiative noch «Ecopop» sind im früheren Sinn Überfremdungsinitiativen, weil niemand, der legal da ist, die Schweiz verlassen müsste. Psychologisch aber ist die Situation vergleichbar. Auch spielte, nicht bei Schwarzenbach, aber bei Oehen, demografisch-ökologische Agitation eine Rolle. Die von Kneschaurek 1970 vorausgesagte Zehnmillionen-Schweiz, damalige Horrorvision, wird heute von Planern offen befürwortet, sogar eine Elfmillionenschweiz. So hat man die Leute ins Ja-Lager getrieben.

Schwarzenbach war der Anführer der damaligen Überfremdungsgegner, ihm folgte später Christoph Blocher als Lenker der SVP. Inwiefern lassen sich die beiden Politiker vergleichen?

Beide hatten beziehungsweise haben ein umstrittenes Charisma, lasen historische Bücher und hassten Zürichs Establishment. Schwarzenbach war Grossbürger, schwärmte wie Cousine Annemarie für Diktatoren. Wer (wie Schwarzenbach) sagte «In Spanien wäre ich Faschist», war auch in der Schweiz mindestens ein halber. Demgegenüber lässt sich Blocher auch von der eigenen Partei mal in die Minderheit versetzen. Schwarzenbach war ein rechtskatholischer Schöngeist, der sich in die Politik verirrt hat. Nachhaltiger als dieser hat Protestant Blocher die Schweiz verändert. Die Kritik an der EU muss auch ohne ihn, ohne sein Geld und nach ihm ausgetragen werden.

Buchempfehlungen

Buchtitel
Legende: Von James Schwarzenbach bis Christoph Blocher orell füssli

«Kampf gegen unerwünschte Fremde – Von James Schwarzenbach bis Christoph Blocher»

Von Thomas Buomberger, Orell Füssli-Verlag

Akribisch und spannend zieht der promovierte Historiker und Journalist Thomas Buomberger einen Bogen von Schwarzenbach bis Blocher. Er schildert, wie in den sechziger Jahren die Ausländer in der Schweiz zum politischen Streitthema geworden sind – und es bis heute geblieben sind. Wie James Schwarzenbach als Vater der ersten Überfremdungsinitiative die Ausländerfeindlichkeit entfachte und für seine politischen Ziele nutzte.

Historiker Thomas Buomberger hat auch am «DOK»-Film «Gegen das Fremde – Der lange Schatten des James Schwarzenbach» mitgearbeitet.

Buchtitel
Legende: Ich Bruder Klaus von Flüe Unionsverlag

«Ich Bruder Klaus von Flüe»

Von Pirmin Meier, Unionsverlag

Der Schweizer Nationalheilige Niklaus von Flüe war der bevorzugte Heilige von James Schwarzenbach, der am Tag vor der Abstimmung über seine Überfremdungsinitiative nach Flüeli Ranft zu Bruder Klaus pilgerte. Auch Christoph Blocher verehrt den Obwaldner Eremiten. Wer war dieser Mann, dessen Visionen im 15. Jahrhundert weit nach Europa ausstrahlten und der heute wieder Politiker beflügelt? Die üppige Biografie von Pirmin Meier liefert Antworten auf diese Frage – und bietet ein reichhaltiges, faszinierende Panorama jener Zeit. Geschichte als Lesevergnügen, geboten von einem erzählstarken Historiker und präzisen Schriftsteller.

Buchtitel
Legende: Va’ Pensiero edition8

«Va’ Pensiero – Geschichte eines Fremdarbeiters aus Ligurien»

Von Sergio Giovannelli-Blocher, Verlag edition 8

Die Geschichte von Sergio Giovannelli steht für ähnliche Schicksale Zehntausender Italiener, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre ruinierte Heimat verlassen hatten, um in der Schweiz eine Arbeit und vielleicht auch eine bessere Zukunft zu finden.

Ein schnörkelloser, authentischer, bewegender Lebensbericht, der fast Vergessenes wieder vor Augen führt: Wie es vor 40 Jahren die Italiener waren, die in der Schweiz Ablehnung erfahren mussten – ehe sie von Immigranten anderer Nationalitäten in dieser Rolle abgelöst worden sind.

James Schwarzenbach

James Schwarzenbach

James Schwarzenbach brachte 1970 die erste Initiative gegen die Überfremdung zur Abstimmung und eröffnete damit eine emotionale Debatte, die bis heute andauert.

Zum Filmautor

Zum Filmautor

Beat Bieri geht in seinen Filmen aktuellen, gesellschaftspolitischen Fragen nach. Der Dokumentarfilmer porträtiert Schweizer Identität in all ihren Facetten.

25 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas K. Winterberger, Spiez
    Ich besuchte mit Kollegen als JL-Mitglied unter der späteren Führung von Ursula Gut-Winterberger, heute Finanzdirektorin des Kantons Zürich, eine Veranstaltung von J.S. im Kongress Zürich. Wir stellten höchst unbequeme Fragen an JS. Einer der Fragesteller war Jungfreisinniger, ein südländischer Mann mit schwarzen Haaren. Ihm wurde vom "Volch" entgegengerufen: "Du Soutschingg!" Er entgegnete: Mein Name ist U.Rechsteiner - ich bin ein uralter Appenzeller! Ruhe herrschte!
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  • Kommentar von Ursula Morf, Thun
    Diese ständige Manipulation mit Begriffen wie Fremdenhass oder Rassismus lässt mich langsam an sämtliche Verschwörungstheorien glauben. Denn es geht um etwas ganz Anderes. Warum nennen Politiker und Medien das Kind nicht beim Namen? Denn wenn viele Menschen mit einer ganz anderen Mentalität und einem anderen Lebensstil oder Menschen, die man aushalten muss, ins Land kommen, bedeutet das Konflikte, "Kampf um die Ressourcen" und eine Verringerung meiner eigenen Lebensqualität. Wer will das??
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    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ ursula morf: wenn man menschen nicht mehr aushält wirds natürlich schwierig, vielleicht mit ein grund für das aussterben der neandertaler und es spricht nicht für die überlebensschancen einer gesellschaft, wenn sie sich veränderungen verweigert (schauen sie z.b. die sogenannten indigenen völker). veränderungen und die damit verbundenen anpassungen sind die einzigen konstanten die man durch die geschichte verfolgen kann. man könnte ihrem kind auch den namen bequemlichkeit geben.
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    2. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ ursula morf: lebensstile wandeln sich, nicht nur heute, sondern immer schon (entweder man geht mit der zeit oder man geht mit der zeit - ob man nun will oder nicht). lebensqualität heisst ja nicht nur im lehnstul im kuonikatalog zu blättern, sondern auch aktiv mitgestalten (verändern) zu können und das bringt zwangsläufig gewisse anpassungen mit sich (ob man nun will oder nicht).
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  • Kommentar von Mike Dreher, 8700 Küsnacht
    Die Bekämpfung der "Schwarzenbach-Initiative" am 07.06.1970 war mein Einstieg in die Politik. S war schlagfertig und allen überlegen. Ich ärgerte mich masslos über die Dilettanten der "Wirtschaft" auf den Podien. Visionär war seine Aussage, die Wirtschaft solle investieren und automatisieren, statt mit alten Maschinen und massenhaft billigen Arbeitskräften zu wursteln. Am Schluss war S noch in der Autopartei; seine Anmeldung hatte ich verifiziert und mit ihm in St. Moritz gesprochen.
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    1. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ mike dreher: und worauf basiert die wirtschaft heute? diese alten maschinen laufen ja noch heute, nur war es eben noch billiger sie zu den billigen arbeitskräften zu exportieren und sie nachher herumzukarren, das mit der autopartei ist ja nix als die konsequenz von schwarzenbachs ignorranz des hier und jetzt. er war nicht überlegen, sondern ganz normal abgehoben und verträumt.
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