Der Tag, an dem die Mauer fiel

Die grössten Umwälzungen kommen manchmal in völlig unspektakulären Worten daher. Im Falle der Berliner Mauer waren es zwei beiläufige Halbsätze am Ende einer Pressekonferenz, an der das Politbüromitglied Günther Schabowski die neuen Reisevorschriften für DDR-Bürger erläuterte.

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Demonstrationen in Leipzig im Dezember 1989

17 min, vom 5.11.2014

«Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich», antwortete Schabowski auf die Frage, ab wann denn die neuen Reisevorschriften gültig seien und löste damit eine Massenbewegung in Richtung der Grenzübergänge aus.

Schabowskis Halbsätze krempelten Europa um: Die Mauer fiel und der damaligen DDR lief das Volk davon. Und es war nur noch eine Zeitfrage, bis das ganze System des real existierenden Sozialismus in sich zusammenkrachte. Den eisernen Vorhang gab es nicht mehr. Erstaunlich: Es floss nur Champagner und kein Tropfen Blut.

Es hiess, vorläufig werde nichts passieren

Ich war damals als Sonderkorrespondent des Schweizer Fernsehens in Berlin. Bereits am Nachmittag des 9. November 1989 gab es vereinzelte Gerüchte, dass es zur Öffnung der Mauer kommen werde. Doch als ich mit der verantwortlichen Redaktorin der «Tagesschau» in Zürich sprach, gab diese Entwarnung: Nein, es sei nicht nötig, einen Kameramann aufzubieten, vorläufig werde da nichts passieren.

Aber die Ereignisse überschlugen sich. Was noch vor kurzem undenkbar erschienen war, trat ein. Am Morgen des 9. November 1989 war ein neues Reisereglement für die DDR-Bürger beschlossen worden, doch sollte es erst einen Tag später, um 4:00 Uhr, veröffentlicht werden, um die Situation einigermassen unter Kontrolle zu halten.

Da hinein platzte nun Günther Schabowskis Halbsatz, ausgesprochen um 18.57 Uhr, wie eine Bombe: Die Nachricht wurde unverzüglich von allen Westmedien weiter verbreitet und Zehntausende von DDR-Bürgern setzten sich in Marsch zu den Grenzübergängen.

Ostberlin war wie ausgestorben

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min, vom 1.1.1970

Weder die Grenztruppen noch die sogenannten «Passkontrolleinheiten» der Stasi waren informiert, und auch die sowjetische Armee in Berlin wusste von nichts. So kam es zu einer ziemlich verwirrenden und gefährlichen Situation an den Grenzübergängen. Die Massen stauten sich vor den Kontrollposten, und so wurde an der Bornholmerstrasse um 21.20 Uhr den ersten Ostdeutschen erlaubt, nach Westberlin auszureisen.

Weil aber der Druck immer grösser wurde, entschloss sich der kommandierende Grenzbeamte am Übergang Bornholmerstrasse, Harald Jäger, die Grenze um 23.30 Uhr zu öffnen. Jedermann konnte nun bedingungslos und ohne Ausweiskontrolle die Grenze passieren: Die Mauer gab es nicht mehr!

«Nur mal gucken»

Auf dem Kurfürstendamm war Volksfeststimmung angesagt. Die meisten Kneipen offerierten Freibier für die Ankömmlinge, die durch die Strassen zogen. Doch richtig los ging es erst am nächsten Tag, am 10. November 1989. Ostberlin war wie ausgestorben, es war, als ob die ganze Bevölkerung sich in den Westteil Berlins verzogen hätte.

Wir machten Umfragen: War dies auch der Anfang der Wiedervereinigung? Die meisten DDR-Bürger verneinten: «Nur mal gucken», wollten sie. Das sagten mir zumindest einige der Leute, die da in ihren Trabis im Westen herumirrten.

Doch die Stimmungslage änderte sich rasch: Zuerst in Leipzig, dann bald auch an anderen Orten der DDR war die Forderung nach der Einheit Deutschlands unüberhörbar: «Deutschland, einig Vaterland». Und es dauerte weniger als ein Jahr bis die DDR Geschichte war.

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Christoph Müller arbeitet als freier Filmemacher. Bis 2012 war er Redaktionsleiter von «DOK», «Reporter» und «Horizonte».