Die Angst der Sexarbeiterinnen vor Stigmatisierung

Kaum eine Sexarbeiterin möchte vor laufender Kamera offen über sich und ihre Arbeit sprechen. Dabei fürchten sie sich weniger vor der Polizei oder gewalttätigen Zuhältern. Ihre grösste Angst ist es, dass ihre Familien in der Heimat von ihrer Arbeit erfahren könnten.

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Ein Freier erzählt

1:34 min, vom 15.1.2015

Die Dreharbeiten für diesen Film waren heikel. Noch immer ist das Thema Prostitution stark tabuisiert in unserer Gesellschaft, und die Angst der Sexarbeiterinnen, von Freunden, Familienmitgliedern, der eigenen Mutter oder den Kindern erkannt zu werden, ist riesig.

Dabei könnten eigentlich viele Sexarbeiterinnen stolz drauf sein, dass sie ihre Familie im Heimatland ernähren können, dass sie ihren Kindern eine Schulausbildung oder der kranken Mutter eine ärztliche Behandlung ermöglichen. Stattdessen sind sie gezwungen zu lügen, zu vertuschen und zu verheimlichen, womit sie ihr Geld verdienen.

Als Störefriede wahrgenommen

Tatsächlich beklagen sich viele Sexarbeiterinnen nicht in erster Linie über die Gewalt von Freiern und Zuhältern, sondern über Ausgrenzung, Stigmatisierung und schlechte Arbeitsbedingungen. Sie sind zwar in einem legalen Gewerbe tätig, sind aber rechtlich anderen Gewerbetreibenden nicht gleichgestellt. Sie werden fast ausschliesslich als Störefriede oder Opfer wahrgenommen und kaum je als Geschäftsfrauen, die ganze Familien ernähren. Wenn sie selbstbewusster auftreten könnten und sich weniger stigmatisiert fühlten, könnten sie sich auch besser gegen diese Missstände wehren.

Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert

Mit dem Inkrafttreten der neuen Prostitutionsgewerbeverordnung fühlen sich viele Sexarbeiterinnen zusätzlich ausgegrenzt, da ihre Arbeitsbedingungen drastisch erschwert wurden. Viele sind mit den neuen Auflagen und der damit verbundenen Bürokratie überfordert. Gleichzeitig werden die noch wenigen verfügbaren Räume immer teurer und es stellt sich die Frage, wer da im Hintergrund kräftig dran verdient.

Diese Umstände treiben die Frauen sukzessive an den Stadtrand, in die Agglomeration oder andere Städte. Noch dürfen sie zwar in den Kontaktbars im Langstrassengebiet weiterhin legal Kunden akquirieren, aber wo sollen sie das Geschäft abwickeln, wenn im Quartier keine Absteigen mehr geduldet werden?

Prostitution aus dem Blickfeld zu verbannen bringt nichts

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Cornelia Zürrer: «Die Problematik ist aus dem Fokus gerückt.»

0:59 min, vom 15.1.2015

Durch die Entwurzelung aus dem bisherigen Milieu werden die Frauen einer erhöhten Gefahr ausgesetzt. Wenn sich das Milieu allmählich in die menschenleeren Industriegebiete am Stadtrand verschiebt, riskieren die Frauen, ihr sozial gewachsenes Netz und damit auch eine gewisse soziale Kontrolle zu verlieren.

Prostitution wird es zweifelsfrei immer geben, unabhängig von Verboten und Auflagen. Wenn die Schraube angezogen wird und die gesellschaftliche Ächtung zunimmt – was meist parallel geschieht – so wird sich die Prostitution aber in den Graubereich und in die Illegalität verlagern. Anstatt die Prostitution aus dem Blickfeld zu verbannen, täten wir gut daran, besser hinzuschauen und die Sexarbeiterinnen und Sexworker gesellschaftlich besser zu akzeptieren und zu integrieren.

Zum Autor

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Béla Batthyany arbeitet seit 2008 als freier Mitarbeiter für das «DOK»-Team. Sein Dokumentarfilm «Ketten im Kopf» wurde 2011 für den Marler Fernsehpreis für Menschenrechte nominiert. Seine Filme behandeln oft das multikulturelle Zusammenleben in der Schweiz.

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