Die schwierige Aufgabe der Kesb

Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) steht seit ihrer Gründung 2013 in der Kritik. Die Vorwürfe lauten: Fehlentscheide, Überforderung, Inkompetenz und willkürliches Handeln. «DOK»-Filmautor Béla Batthyany begleitete Betroffene und Kesb-Mitarbeiter und erzählt von seiner Erfahrung.

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Zwei Seiten der Wahrheit – die Kesb in der Kritik

51 min, aus DOK vom 3.3.2016

Meine Recherchen für den Film begannen kurz nach dem sogenannten «Fall Flaach». Ich besuchte eine Mahnwache am Bürkliplatz in Zürich, wo sich verschiedene Kesb-Gegner versammelten und der Tragödie von Flaach gedachten. Sie kamen mit selbstgebastelten Schildern und Bannern: «Stoppt die Kesb», «Gebt uns unsere Kinder zurück» oder «Salome (7), wo bist du?». Wieder andere hielten Fotos in die Luft, auf denen man glückliche Familien mit Kindern sah. Aus der Zeit bevor die Kesb intervenierte. Die versammelten Menschen sahen traurig aus. Unzufrieden. Müde. Hilflos. Gescheitert.

An dieser Mahnwache begegnete ich zum ersten Mal meinen späteren Protagonisten, den Grosseltern der verstorbenen Kinder Björn und Christine Kaiser. Sie hielten eine bewegende Ansprache.

Da ich bereits Aufnahmen mit meiner Kamera machte, dauerte es nicht lange, bis die ersten Menschen auf mich zukamen und mir ihre Lebens- und Leidensgeschichten mitteilen wollten. Es waren Geschichten von Müttern, die ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen, von einem Vater, der zwangsinterniert wurde und heute um das Besuchsrecht seiner Tochter kämpft. Von einem einjährigen Mädchen, das von der Kesb nach ihrer Geburt in eine Pflegefamilie platziert wurde, da ihre Mutter stark drogensüchtig war. Kurz nach der Fremdplatzierung des Kindes nahm sich die Mutter das Leben. Seither kämpft die Grossmutter um das Sorgerecht ihrer Enkelin. Ich bekam sehr private Geschichten zu hören. Nicht immer logisch, manchmal auch wirr und fahrig, oft aber erschütternd und verzweifelt.

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Kesb-Berater Christoph Häfeli über das Dilemma der Schutzbehörden

1:08 min, vom 3.3.2016

Bei nicht Wenigen verstärkte sich die Abwärtsspirale: Weil die Kesb ihnen die Kinder weggenommen hatte, fielen die Betroffenen in ein Loch und bekamen noch mehr Probleme, was ihnen von der Kesb dann wiederum als Schwäche und Zeichen ihrer Erziehungsunfähigkeit dargelegt wurde. Ich begann mich zu fragen: Ist es wirklich die Kesb, die diese Menschen so verletzt hat? Irgendeinen Grund muss es doch geben, weshalb die Behörde überhaupt interveniert? Liegt hinter all der Wut und Verzweiflung nicht auch die schmerzvolle Ahnung des eigenen Scheiterns und Versagens?

Bald wurde mir klar, dass ich diesen Film nur erzählen kann, wenn ich auch die andere Seite zu Wort kommen lasse: Die Kesb und ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

So begann ich ein Dutzend Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden in der Deutschschweiz zu kontaktieren und stellte ihnen mein Projekt vor. Die ersten Reaktionen waren positiv. Doch auf eine konkrete Umsetzung wollte sich niemand richtig einlassen. So erhielt ich eine Absage nach der anderen: Aufgrund der Datenschutzregelung. Zum Schutze der Klienten. Weil die Mitarbeiter sich nicht exponieren wollen. Oder weil sie nicht für Flaach verantwortlich gemacht werden wollen. Kurz: Die Behörde hatte Angst, ihr angeschlagenes Image noch mehr zu gefährden.

In der Zwischenzeit fiel mir an einer weiteren Anti-Kesb-Veranstaltung der junge Rapper Diego Dittling auf, der mit wütenden Versen auf sich und die Thematik der Heimkinder aufmerksam macht. Diego war zehn Jahre lang im Heim, weil seine alkoholkranke Mutter nicht für ihn sorgen konnte. Im Heim kam der Jugendliche auf die schiefe Bahn, begann zu trinken und wurde kriminell. Mit knapp zwanzig Jahren landete er für zwei Jahre im Gefängnis. In dieser Zeit verstarb seine Mutter. In seiner Zelle entdeckte Diego seine Leidenschaft fürs Texten und Rappen. Heute macht er eine Lehre als Landschaftsgärtner und verbreitet seine Lieder und Texte im Internet. Er will sich damit für sozialere Bedingungen in Jugendheimen engagieren.

Nach etlichen Anfragen und Vorstellungsgesprächen hat es dann doch noch geklappt. Die Kesb Gossau im Kanton St. Gallen hat sich bereit erklärt, im Film mitzuwirken und uns einen Einblick in ihren komplexen Alltag zu gewähren. Ich habe in Gossau keine kaltherzigen Bürokratiemonster angetroffen, sondern Menschen. Menschen, die ihr möglichstes tun, dem Kindswohl zu dienen. Menschen, die eine schwierige und mitunter undankbare Arbeit machen und damit oft auch an ihre eigenen Grenzen stossen.

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Diego Dettling – ehemaliges Heimkind

2:46 min, vom 3.3.2016

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Béla Batthyany arbeitet seit 2008 für das «DOK»-Team und als freischaffender Filmregiesseur. Seine Filme behandeln oft das mulitkulturelle Zusammenleben in der Schweiz.

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