Ein Diktator und illegale Gelder am Karneval von Rio

Der Sieg am Karneval von Rio ging dieses Jahr an die Sambaschule von «Beija-Flor». Eine Schule, die von einem afrikanischen Diktator und dem illegalen Glücksspiel unterstützt wurde.

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Wilhelm Tell in Rio

52 min, aus DOK vom 12.3.2015

Die siegreiche Sambaschule von «Beija-Flor» wird von einem stadtbekannten «Bicheiro» präsidiert. Die «Bicheros» sind heute mächtige Spieler im weiten Feld der Schattenwirtschaft und Korruption. Um sich den Rückhalt der Bevölkerung zu sichern, unterstützen sie seit Jahren die Sambaschulen, die in den Favelas von Rio de Janeiro entstanden sind. Finanziert wird «Beija-Flor» von Teodoro Obiang, seit 35 Jahren Diktator von Äquatorialguinea.

Nach der Siegesverkündigung hagelte es Kritik in der lokalen Presse. Wie ist es möglich, dass der Regent eines Landes, dessen Bevölkerung mausarm ist, auf diese Art sein Geld verschwendet?

«Petrobras» und der afrikanische Despot

Mit seinen korrupten Verstrickungen wurde der Karneval von Rio zu einem Spiegelbild Brasiliens. Um den Despoten des ölreichen afrikanischen Staates günstig zu stimmen, kamen brasilianische Generalunternehmen für die Kosten der Sambaschule auf. Es sind dies Unternehmen, welche in den «Petrobas»-Skandal verwickelt sind.

Wie sich in einer täglichen Folge von neuen Schreckensmeldungen herausstellt, haben die Unternehmen zusammen mit Politikern und Parteien das staatliche Ölunternehmen Petrobras systematisch abgeschöpft.

Die durch mafiöse Praktiken entstandenen Milliardenverluste treiben Brasilien jetzt in eine schwere wirtschaftliche und politische Krise. Die Hoffnung besteht darin, dass der beginnende juristische Prozess die Bedingungen schafft, um das Land umfassend zu modernisieren.

Die «Viecher» sollen's richten

Bis es soweit ist, suchen die armen Leute ihr Glück weiterhin in der komplexen Magie des illegalen Glücksspiels. Die «Bicheiros» findet der Eingeweihte an jeder Strassenecke, ein Fetzen Papier reicht als Beleg.

Es ist die Eintrittkarte in eine Tierwelt mit ihren symbolischen «Viechern», welche die Zukunft voraussagen sollen – vor allem aber den «Bichero» reich machen.

Wer also nachts zuvor von einer Katze träumte, die auf ihren Rücken fiel, wird deswegen nicht etwa auf die Katze, sondern viel eher auf den Esel setzen. Ist doch eine Katze, die nicht auf allen Vieren landet, ein Esel.

Nicht weniger als der, der denkt, es gehe immer alles mit rechten Dingen zu am Karneval von Rio de Janeiro.

Schweiz finanziert Sambaschule

Die Sambschule «Unidos da Tijuca» entwickelte ein anderes Geschäftsmodell. Organisiert wie eine moderne Firma, sucht sie ihre Sponsoren jeweils in der Wirtschaft. Dieses transparente Geschäftsgebaren überzeugte auch André Regli, den Schweizer Botschafter in Brasilien. Er suchte nach einer Plattform, um die Schweiz im riesigen Land bekannter zu machen.

So schön sieht in Rio der Teufel aus, der den Urnern eine Brücke durch die Schöllenen gebaut hat.

Bildlegende: So schön sieht in Rio der Teufel aus, der den Urnern eine Brücke durch die Schöllenen gebaut hat. SRF

Der Bund, Tourismus Schweiz und sieben weitere Sponsoren brachten insgesamt zwei Millionen Franken auf, damit die Regisseure dieser riesigen Freiluftoper die Besonderheiten der Schweiz darstellen konnten.

Und so kam es, dasse es schliesslich in der Nacht des Karnevalsmontags im Sambodrom von Rio schneite. Es regnete gar Schokolade und hunderte von Brasilianern traten auf als Bernhardiner, Käseschnitten, Kaffeetassen, Taschenmesser und Farbstifte. Es reichte für den vierten Platz.

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Schokolade, Schneefall und Sackmesser – Die Schweiz in Rio

1:58 min, vom 12.3.2015

«Bicheros»

Um Besucher anzulocken erfand der Direktor des Zoos von Rio 1892 eine Verlosung. Wer mit dem Eintritt auf das Tier setzte, welches der Direktor am Ende des Tages auswählte, bekam das Mehrfache zurück. So entstand das «Jogo do Bicho», das Spiel der Viecher, welches sich bald verselbständigte und noch populärer wurde, als die Regierung es verbot.

Zum Autor

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Ruedi Leuthold (*1952) wohnt in Rio de Janeiro und hat den Film zusammen mit Beat Bieri realisiert. Bieri und Leuthold, beide aus Luzern stammend, haben als Co-Autoren bereits mehrere Filme gemeinsam verwirklicht. 2007 erhielten sie den Europäischen Filmpreis Civis für den DOK-Film «Neue Heimat Lindenstrasse».

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