«Einfach ein Flugzeug nehmen und über das Mittelmeer fliegen»

Der indische Dokumentarfilmer George Kurian begegnete in Ägypten einer Gruppe Syrer auf der Flucht nach Europa. Die Schmuggler erlaubten nicht, dass der Journalist mit aufs Boot kam und so filmten die Flüchtlinge ihre Überfahrt nach Italien selbst. Kurian begleitete sie danach von Lager zu Lager.

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Die Überfahrt – Flucht in eine fremde Heimat

52 min, aus DOK vom 10.2.2016

SRF DOK: George Kurian, wie sind Sie auf diese Gruppe von Syrern gestossen, die gemeinsam nach Europa flüchten wollte?

George Kurian: Ich lebte damals in Kairo und wollte das Instrument Oud spielen lernen. Einer der begabtesten Oud-Spieler der Welt ist Nabil Hilaneh, der mein Lehrer wurde. Doch das Leben für Syrer in Ägypten wurde immer schwieriger und Nabil wusste, dass er weg musste. Ich wollte mit ihm gehen, auf dieses Schiff, und seine Reise dokumentieren. Nabil stellte mich seinen Freunden vor, mit denen er das Mittelmeer überqueren wollte und ich begann auch ihre Geschichten zu dokumentieren.

Die Schmuggler wollten aber nicht, dass ich mit aufs Boot kam. Also gab ich einem Freund Nabils, Rami, den Auftrag alles auf dem Boot zu filmen, so dass man versteht, wie sich diese Reise anfühlt. Er hat das einfach grossartig gemacht, hat festgehalten, wie es ist, das Mittelmeer auf diese Weise zu überqueren.

Nabil Hilaneh

Bildlegende: Der syrische Oud-Spieler Nabil Hilaneh an seinem letzten Tag in Ägypten. George Kurian

Sie haben die Syrer in Kairo kennengelernt, als sie bereits die Flucht nach Ägypten hinter sich hatten. Was wussten Sie über sie?

Alle Menschen in diesem Film hatten eine erfolgreiche Karriere in Syrien. Sie mussten flüchten, weil sie nicht schweigen konnten über die Missbräuche, die in ihrem Land geschahen. Nabil folgte seinem Gewissen und desertierte aus der Armee, weil er wusste, dass er sonst unschuldige Menschen hätte töten müssen.

Rami protestierte öffentlich gegen die Grausamkeiten und wurde aufgefordert, das Land innerhalb von zehn Tagen zu verlassen – er verlor all seine Habseligkeiten. Alia und Salwa äusserten sich gegen den Krieg durch ihre Texte und ihre Lieder. Angela durch ihre Art von Journalismus.

Wir in Europa denken oft, wenn die Flüchtlinge bei uns ankommen, haben sie es geschafft. Ihr Film zeigt auf eindrückliche Weise, dass dem nicht unbedingt so ist.

Die Bilder, die Rami auf dem Boot gedreht hat, zeigen bereits, welch harte Bedingungen und welch enormes Risiko diese Menschen auf sich nehmen. Und es stimmt: Die meisten Menschen denken, für diejenigen Flüchtlinge, die es nach Europa schaffen, käme danach ein «und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage».

Ich ging zuerst verdeckt in diese Auffanglager und filmte dann später, was emotional und psychisch in diesen Menschen vorgeht, wenn sie Asyl beantragen. Es ist eine kafkaeske Welt, in die sie eintauchen. Eine Welt, in der sie alle Sicherheiten verlieren, die sie früher hatten, einschliesslich ihrer Identität und ihres Selbstwertgefühls.

«  Konfrontiert zu sein mit der Überflüssigkeit dieses Leids, der Angst und der Verzweiflung dieser Menschen – das war für mich am härtesten.  »
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«Es kommt einem vor wie ein Traum»

1:40 min, vom 10.2.2016

Was waren für Sie als Filmemacher die emotionalsten Momente in diesem Film?

Konfrontiert zu sein mit der Überflüssigkeit dieses Leids, der Angst und der Verzweiflung dieser Menschen – das war für mich am härtesten. Als mir die Schmuggler verboten, auf dem Schiff mitzureisen, fuhr ich einfach von Alexandria zurück nach Kairo und nahm ein Flugzeug nach Sizilien, wo ich auf das Boot wartete. Ich konnte einfach ein Flugzeug nehmen und über das Mittelmeer fliegen, nur weil es mir «legal erlaubt» war. Im Gegensatz zur Gruppe, die da irgendwo auf dem Mittelmeer auf diesem kleinen Boot unterwegs war, ihr Leben riskierte, weil das ihre einzige Möglichkeit war, der Verfolgung zu entkommen.

«  Wir scheinen zu vergessen, dass es sich dabei um Menschen handelt, die ihr Land verlassen, weil sie an Leib und Leben bedroht werden. »
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«Von Lager, zu Lager, zu Lager»

1:22 min, vom 10.2.2016

Wie sehen Sie die Problematik mit den Flüchtlingen in Europa?

Im Moment steht in Europa das Thema «Flüchtlinge» vor allem im Zusammenhang mit den eigenen Ängsten: «Wie viele sind zu viel?» Und: «Was ist mit unserer Identität, unserer Kultur?». Das sind die zentralen Fragen.

Wir scheinen zu vergessen, dass es sich dabei um Menschen handelt, die ihr Land verlassen, weil sie an Leib und Leben bedroht werden. Rechte Parteien haben Aufschwung in ganz Europa wegen dieser Panikmache. Wollen wir unsere humanitäre Pflicht gegenüber unseren Mitmenschen erfüllen oder wollen wir immer höhere Mauern bauen, um die Verletzlichsten unter uns fernzuhalten?

George Kurian

Bildlegende: Dokumentarfilmer George Kurian. Privat

Zum Autor

Der Inder George Kurian ist Dokumentarfilmer und Fotojournalist und berichtet seit vielen Jahren aus Krisengebieten. Kurian lebte zwei Jahre in Afghanistan und während und nach des Arabischen Frühlings fast zwei Jahre in Ägypten.

Momentan ist er in Istanbul zu Hause. Er arbeitete schon in Syrien, Irak, Zentralafrika, Iran, Ruanda, im Nahen Osten und in Südasien. Mehr über ihn und seine Arbeiten ist auf seiner Website veröffentlicht.

Der Film «Die Überfahrt» («The Crossing») wurde für das «Human Rights Watch Festival» ausgewählt, welches im März 2016 in London stattfindet.

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