Fall Carlos: «Gegenwind war zu erwarten, aber keine mediale Hatz»

Inwiefern fühlt sich Hanspeter Bäni, Autor des Films über Carlos und seinen Jugendanwalt mitverantwortlich für die starken Reaktionen? Wie erlebte er den 17-jährigen Straftäter? Und weshalb ist eine Aufarbeitung des schweizerischen Jugendstrafrechtes in einem neuen «DOK»-Film mehr als angebracht?

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Der Jugendanwalt

23 min, aus Reporter vom 25.8.2013

Gelb in Kombination mit Schwarz signalisieren in der Natur eine Gefahr: Vorsicht Gift! Das Prinzip lässt sich auch im Boulevard anwenden, wenn man eine giftige Wirkung erzielen möchte. So geschehen im Blick im Sommer 2013. Schwarzer Balken überdruckt mit gelber Schlagzeile: «Sozial-Wahn». Diese Injektion auf Seite eins des Blattes wirkte toxisch und infizierte nachfolgend alle Medien des Landes.

Eine Hatz begann, die sich auf den Inhalt eines Filmes abstützte, der zwei Tage zuvor in der SRF-Sendung «Reporter» ausgestrahlt wurde. Der Film mit dem Titel «Der Jugendanwalt» stand am Anfang dessen, was heute der ganzen Schweiz als «Fall Carlos» ein Begriff ist. Ich bin der Autor dieses Filmes. Ich fühle mich mitverantwortlich. Ich würde es heute anders machen.

Der mediale Orkan

Es ging mir nahe, als Protagonisten wegen der Reportage Morddrohungen erhielten und psychische Probleme hatten. Existenzen standen auf dem Spiel. Gegen 1'000 Artikel sind bis heute erschienen und nicht wenige davon machten aus Hansueli Gürber einen Jugendanwalt, der Straftäter verhätschelt und Steuergelder verschleudert. Der jugendliche Delinquent mit dem Pseudonym Carlos wurde auf einen «Messerstecher» reduziert.

Der mediale Feuersturm überraschte mich. Ich erwartete etwas Gegenwind, aber keinen medialen Orkan. Nun kann ich mich darauf berufen, dass ich journalistisch korrekt vorging: Alle kritischen Fragen wurden in der Reportage gestellt und fair aufgearbeitet. Die monatlichen Kosten von 29‘000 Franken wurden hinterfragt, die das Sondersetting verschlang, welches Gürber eigens für den jugendlichen Straftäter Carlos kreiert hatte. Der Jugendanwalt fand die hohe Summe durchaus angemessen, denn Carlos war früher in Institutionen untergebracht, die doppelt so teuer waren wie das Sondersetting. Aber diese Aussage ging unter in der Monate andauernden Empörungswelle, die immer neue – oft unwesentliche – Details ans Tageslicht spülte.

Resozialisierung ist teuer

Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann ich, meinen eigenen Film kritisch zu hinterfragen. Ich fragte mich, ob die Reaktionen nicht so heftig ausgefallen wären, wenn die Reportage statt Hansueli Gürbers Privatleben eine Jugendpsychiatrie mit Delinquenten gezeigt hätte, deren Betreuung weit über 40‘000 Franken monatlich verschlingt. Das hätte die Relationen in ein anderes Licht gerückt und das Sondersetting wäre fast als Schnäppchenpreis durchgegangen. Tatsache bleibt: Die Resozialisierung von jungen Straftätern ist teuer. Doch gerade bei jungen Delinquenten zeigen die Massnahmen meistens auch Wirkung, so dass sie danach keine weiteren Straftaten mehr verüben. Das bedeutet: keine weiteren Opfer mehr, keine materiellen Schäden und ein Mensch, der an der gesellschaftlichen Wertschöpfung teilnimmt, statt sie finanziell zu belasten.

Auch Carlos war auf dem Weg zu einer gelungenen Resozialisierung, als ich ihn zum ersten Mal traf. Er befand sich bereits ein Jahr lang im Sondersetting und der damals 17-Jährige befolgte anstandslos die ihm auferlegte Tagesstruktur zwischen Training, Arbeit und Schule. In Gesprächen unter vier Augen sagte er mir mit leiser Stimme, dass er seine Taten bereue. Wenn er sich zudem vor Augen halte, dass er einen anderen Jugendlichen vor den Augen dessen Vater mit dem Messer niedergestochen hatte, schäme er sich, sagte mir Carlos. Und seine Zukunft sah er als erfolgreicher Thaiboxer, der später eine Familie gründen wolle, die er selbständig ernähren könne. Ich glaubte hinter dem massigen Muskelpaket einen sensiblen jungen Mann zu spüren, der statt Rockmusik lieber Balladen hört. Damit lassen sich natürlich seine teils schweren Delikte nicht entschuldigen. Aber auch ein Carlos hat eine Chance verdient.

Repression hilft jungen Delinquenten nicht

Der jugendliche Straftäter «Carlos» beim Boxtraining

Bildlegende: Beim Boxtraining Der jugendliche Straftäter «Carlos» im Film «Der Jugendanwalt» SRF

Doch die mediale Hatz bewog die Politiker zur vorzeitigen Beendigung des Sondersettings. Anschliessend steckte man den Jungen zurück in den Knast, um ihn dann erneut in einem Spezialsetting unterzubringen, das dann ein paar Monate später endgültig eingestellt wurde. Ein hilfloser Zickzackkurs der Behörden und Politiker vor allem auf Druck der Boulevardpresse. Doch wie gross ist die Anzahl derer, die von sich behaupten können, die Zusammenhänge bei der Umsetzung des Gesetzes bei jugendlichen Straftätern vollends zu begreifen? Genau dies wollen wir nun mit einem neuen Dokumentarfilm herausfinden.

Mein Kollege Simon Christen und ich sind bemüht, die aktuelle Umsetzung des schweizerischen Jugendstrafrechtes facettenreich und klar darzustellen. Mit dem 50minütigen Film wollen wir auch ein Stück Aufklärungsarbeit leisten, die dringend notwendig ist. Denn noch besteht ein erhebliches Spannungsfeld zwischen dem Auftrag des Jugendstrafgesetzes und dem Anspruch einer Mehrheit der Bevölkerung mit ihrem repressiven Tenor. Wir drehten in den USA und in Russland, um darzustellen, welche Massnahmen junge Delinquenten dort zu erwarten haben. Und wir können belegen, dass reine Repression bei jungen Delinquenten kontraproduktiv ist. Ob unser Bestreben erneut gelbe, giftige Schlagzeilen auf schwarzem Hintergrund provoziert, ist allerdings ungewiss.

Zum Autor

Hanspeter Bäni

Hanspeter Bäni arbeitet als Videojournalist, er ist Autor und Kameramann zugleich. Seine Filme haben mehrmals nationale Debatten ausgelöst. Den «DOK»-Film als Nachzug auf seinen «Reporter» «Der Jugendanwalt» hat er mit Simon Christen co-produziert.

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