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DOK Flucht aus Nordkorea, angekommen im Thurgau

Die 4-jährige Joyenna aus Nordkorea erlebt eine gefährliche Flucht: über China nach Laos und weiter nach Thailand. Ein Jahr später wird sie von einer Schweizer Familie adoptiert. Und auch hier bleiben ihr Schicksalsschläge nicht erspart. Muriel Spitzer erzählt die Geschichte eines starken Mädchens.

Joyenna mit ihrem Hund Flöckli.
Legende: Joyenna mit Familienhund Flöckli. SRF

Ich erinnere mich noch genau an die erste Begegnung mit der 11-jährigen Joyenna: Sie öffnet mir mit der einen Hand die Haustür, unter den anderen Arm geklemmt hält sie «Flöckli» – einen der Hunde der Familie Deller. Sie schmettert mir ein «Hallo!» entgegen und strahlt mich an.

Ich bin erleichtert. Denn ich wusste nicht genau, was mich erwarten würde. Alles, was ich über Joyenna zu diesem Zeitpunkt wusste, stammte aus einem Film, den meine Kollegin an der internationalen Filmmesse in Cannes entdeckt hatte. Er zeigte, wie die kleine Mi Hyang, so hiess Joyenna damals noch, als 4-jähriges Mädchen von ihrer nordkoreanischen, leiblichen Mutter getrennt wurde, eine gefährliche Flucht durch ganz Südostasien auf sich nehmen musste, in Thailand in einem Heim steckenblieb – bis sie in die Schweiz zu ihrer Adoptiv-Familie kam.

Eine Grossfamilie im Thurgau adoptiert Joyenna

Legende: Video «Die ersten zwei Wochen in der Schweiz waren sehr schwer.» abspielen. Laufzeit 00:51 Minuten.
Aus DOK vom 29.09.2016.

Nun kommt Mirjam Deller um die Ecke. Wir setzen uns an den grossen Familientisch. Die Adoptiv-Mutter erzählt mir ihre Geschichte: Dass sie ein Mädchen aus Nordkorea adoptieren wollte, wie Joyenna zu ihnen kam, wie es dem Mädchen erging, seit es in die Schweiz gekommen ist. Und sie erzählt auch vom Moment, als ihr Ehemann und Joyennas geliebter Adoptiv-Vater starb. Immer wieder kommt Joyenna dazu, will genau wissen, wozu ich das alles erfahren will, dann saust sie wieder davon, um ihrer kleinen Schwester Janine hinterherzurennen, den Hund zu streicheln oder im oberen Stock in ihrem Zimmer zu spielen. Wir brauchen einen kleinen Moment, bis wir einander verstehen – ich sie, weil ihre Sprache aufgrund ihrer Gehörlosigkeit nicht ganz deutlich ist – und sie mich, weil sie sich genau konzentrieren muss, wenn sie jemanden neu kennenlernt, erklärt mir die Mutter. Doch wir verstehen uns rasch – und wir verstehen uns gut.

Legende: Video Abschied von der leiblichen Mutter abspielen. Laufzeit 01:06 Minuten.
Aus DOK vom 29.09.2016.

Schwierige Erfahrungen für ein Kind

Ich bin beeindruckt, wie reif Joyenna wirkt. Als Mutter von Kindern in ähnlichem Alter ertappe ich mich dabei, wie ich innerlich beginne zu vergleichen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Joyenna schon so viel durchgemacht hat in ihrem doch recht kurzen Leben. Die Trennung von der leiblichen Mutter, die Operationen am Ohr, das Kinderheim in Thailand, die lange Reise in die Schweiz, der Tod ihres Adoptiv-Vaters. Viel für ein Kind.

Wie geht ein so kleines Mädchen mit so vielen, schwierigen Erfahrungen um, frage ich mich. Mirjam Deller sagt, Joyenna sei ein starkes Mädchen mit einem sehr starken Willen, das sich gut in die Grossfamilie integriert hat.

Joyenna ist eine Kämpferin. Das ist auch mir schon nach dem ersten Besuch bewusst. Ich bin gespannt, wie Joyenna auf den angekündigten Besuch ihrer leiblichen Mutter aus Südkorea reagieren wird? Wir dürfen die Begegnung mit der Kamera dokumentieren, und mir wird klar, weshalb das Mädchen auch diese anspruchsvolle Situation so gut meistert – Joyenna bekommt bei Familie Deller Halt und Geborgenheit, und hat sich trotz allem zu einem aufgeweckten und lebensfrohen Mädchen entwickelt.

Legende: Video Halt in der Familie abspielen. Laufzeit 01:11 Minuten.
Aus DOK vom 29.09.2016.

Zur Autorin

Zur Autorin

Muriel Spitzer arbeitet seit 2008 im «DOK»-Team. Ihr Schwerpunkt sind internationale Dokfilme, die sie für das Schweizer Publikum übersetzt und neu bearbeitet.

«DOK» am Donnerstag

«Ein Mädchen, zwei Mütter», Donnerstag, 29. September 2016, 20:05 Uhr, SRF1.

10 Kommentare

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  • Kommentar von B. A. (B.A.)
    Im Film wird kurz erwähnt dass Joyenna am Ohr operiert wurde. Sie wurde jedoch nicht nur so operiert sondern erhielt ein CI/cochlear implantat implantiert. Schade dass darüber und der diversen Therapien die damit einhergehen wie z.B. Logopedie etc. im Film nichts berichtet wurde. Denn es wäre interessant gewesen zu wissen wie lange es dauerte bis sie sprechen gelernt hat und allgemein über ihre taubheit/gehörlosigkeit mehr erfahren zu haben.
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  • Kommentar von Dan Fritsche (Danfrisch)
    Ich finde es verwerflich, dass die Adoptiveltern 7 Kinder haben, dann noch eins adoptieren und sämtliche Kinder einen J (wie Jesus) Namen haben. Für mich ansich eine 'schöne' Story - auf das Portraitieren von extrem-christlichen Ansichten könnte man aber auch verzichten. Es gibt auch 'nicht so extreme' Adoptiveltern welche mn hätte portraitieren können.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Irgendwie begreife ich den Verlauf nicht so recht. Der Titel des Films heisst "Flucht aus Nordkorea" Bei ihrem Besuch zu ihrer Tochter in die CH kamen die leibliche Mutter mit Bruder aber aus Südkorea, also war es doch scheinbar möglich, legal dahin zu kommen. Wieso also hat man das Mädchen von der Mutter überhaupt getrennt, ihm den langen und riskanten Weg durch China, Laos nach Thailand zugemutet, ihm gar eine neue Identität gegeben, wenn es doch offensichtlich auch anders gegangen wäre?
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Auch bei Adoptionen sind einige "gleicher" als gleich. Ein Buergerrecht und eine Vornamenergaenzung sind bei der Masse nur noch Wunschtreume. Mestens werden im Herkunftsstaat legale Adoptionen schon dort sabotiert, statt beguenstigt und deren Anerkennung verweigert. Es ist ein Wunder, dass ihr kritischer Kommentar durch die Zensur geflutscht ist; meiner wurde unterdrueckt....
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    2. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Charles Dupond, die nüchterne und logische Frage wäre gewesen: weshalb schaffte es die Frau mit Sohn nach Südkorea, aber mit der Tochter nicht? Und wieso sollte mein Beitrag deswegen nicht "durchflutschen"?
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    3. Antwort von
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Der Film heisst "Ein Mädchen, zwei Mütter. Zum Zeitpunkt der Flucht gab es für die Mutter keine andere Lösung, als sich von ihrer Tochter zu trennen, wie der Film darlegt. Mutter und Tochter befanden sich zu diesem Zeitpunkt in China. Wir haben das Mädchen Jahre nach der Flucht in der Schweiz besucht, um zu sehen, wie es ihr heute geht. Sie erhält bei der Adoptivfamilie das, was sich ihre leibliche Mutter für ihr Kind erhofft hat. Mit freundlichen Grüssen SRF DOK
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    4. Antwort von B. A. (B.A.)
      Wenn sie dort geblieben wäre hätte sie als taubes/gehörloses Mädchen nie sprechen gelernt denn das hat sie nur dank dem CI/Cochlear Implantat und Therapien wie Logopedie erlernen können.
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