Flugsicherheit gewährleisten trotz Spardruck

Vor einem Jahr verschwand der Flug MH 370 der Malaysia Airlines. Das Flugzeug – oder auch nur Teile davon – und die Passagiere sind bis heute verschollen. Aviatik-Experte Olav Brunner über Turbulenzen, den Spardruck der Airlines und die Grenzen der Radarüberwachung.

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Bitte anschnallen – Flugsicherheit in Zeiten der Vielfliegerei

51 min, aus DOK vom 11.3.2015

Christa Ulli: Vorletzte Woche – Flug nach Manchester. Schon nach dem Start teilte der Pilot uns Passagieren mit, dass mit Turbulenzen zu rechnen sei. So kam es auch, der Wind packte das Flugzeug, ich war extrem erleichtert, als die Räder holpernd die Piste berührten. Wie gefährlich sind eigentlich Turbulenzen?

Olav Brunner: Leichte Turbulenzen sind nicht gefährlich, aber für die Passagiere sehr unangenehm. Heftigen Turbulenzen weichen Piloten durch Änderungen des Kurses oder der Flughöhe aus. Auf dicht beflogenen Routen ist aber eine Umfliegung von Störungszonen nicht immer möglich. Gewitterwolken mit gefährlichen Turbulenzen dürfen Piloten nicht durchfliegen.

Wenn wir nun über Flugsicherheit reden, welcher Faktor ist für Sie als ehemaliger Pilot am allerwichtigsten?

Flugzeugbesatzungen müssen in der Lage sein, Entscheidungen frei von finanziellen Überlegungen zu treffen. Wenn Piloten beispielsweise auf teure, aber sichere Ausweichlandungen verzichten und eine Landung erzwingen, um Geld zu sparen und ihren Job nicht zu verlieren, ist der Flugsicherheit nicht gedient. Arbeitsmodelle, bei denen Piloten wie Tagelöhner über Zeitarbeitsfirmen bei Airlines angestellt sind, fördern die Flugsicherheit ebenfalls nicht.

Wie sieht da denn die heutige Realität aus? Können Sie Beispiele nennen?

Die engen Margen der Fluggesellschaften dürfen nicht dazu führen, bei der Sicherheit zu sparen. Piloten sind an vorderster Front für die Sicherheit eines Fluges verantwortlich. Immer strengere Einsätze können wegen Übermüdung zu Fehlentscheiden führen. Ungenügende Ausbildung führte über dem Südatlantik zum Absturz einer Airfrance-Maschine. Die Piloten waren nicht in der Lage, eine ausserordentliche Flugsituation zu erkennen und darauf richtig zu reagieren. Sparen bei der Sicherheit lohnt sich nicht.

Es ist nun ein Jahr her, dass Flug MH 370 verschwand. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich als Passagierin bisher immer davon ausgegangen bin, dass das Flugzeug, in dem ich sitze, ständig auf einem Radar ist, und dass jemand immer weiss, wo wir uns befinden. Dem ist offenbar nicht so.

Mögliche Flugrouten der MH 370 der Malaysia Airlines.

Bildlegende: Mögliche Flugrouten des bis heute vermissten Flugs MH 370 der Malaysia Airlines. SRF

Über den Ozeanen gibt es keine Radarüberwachungen, Radarwellen können der Erdkrümmung nicht folgen. Technisch ist eine vollständige Verfolgung eines Flugzeuges durch GPS und Satellitenkommunikation heute kein Problem mehr. Aber der Einbau entsprechender Geräte in den Flugzeugen und die Überwachung am Boden sind teuer. Es wird noch einige Zeit dauern, bis weltweit alle Flugzeuge unter Kontrolle sind.

Welche Überlegungen machen Sie sich zu diesem Unglück, ist das ein Szenario, das Ihnen als Pilot je möglich schien?

Es muss angenommen werden, dass die Ursachen für das Verschwinden vom Flug MH 370 in menschlichem Versagen zu suchen sind. Eine Übernahme durch Terroristen oder ein selbstmörderischer Akt eines der beiden Piloten ist nicht auszuschliessen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit setzte das Flugzeug intakt irgendwo auf der Wasseroberfläche auf. Schwimmende Trümmerteile fanden die Suchtruppen bisher nicht.

Flugzeug am Himmel

Bildlegende: Unternehmen die Fluggesellschaften wirklich genug, um die Flugsicherheit zu gewährleisten? SRF

Es heisst ja, mit jedem Unglück werde die Luftfahrt etwas sicherer, man lernt aus Fehlern. Wie schätzen Sie es ein, trifft das zu?

Alle Unfälle, bei denen Linienflugzeuge betroffen sind, werden weltweit mit einem teils riesigen Aufwand bis ins letzte Detail untersucht. Ziel dieser oft sehr kostspieligen Untersuchungen ist die Vermeidung von weiteren, ähnlichen Vorkommnissen. Piloten und Fluggesellschaften erhalten die Unfallberichte, um erforderliche Massnahmen wie technische Anpassungen umzusetzen oder die Ausbildungen der Besatzungen anzupassen.

Fliegen ist heute so billig wie nie zuvor. Ist Fliegen auch so sicher wie nie zuvor?

Die tiefen Flugpreise zwingen Airlines, in allen Bereichen zu sparen, das Personal ist davon nicht ausgenommen. Fliegen ist aber immer noch eine sichere Transportart, trotz der jährlichen Zunahme der Flüge ist keine entsprechende Zunahme der Unfälle zu verzeichnen. Technische Pannen führen immer seltener zu Vorkommnissen. Aber Flugzeugunglücke sind spektakulär und finden in den Medien grosse Beachtung. Sie bleiben im Gedächtnis der Menschen entsprechend lange haften, obschon weltweit bei Autounfällen an einem Tag weit mehr Opfer zu beklagen sind als bei Flugunfällen in einem Jahr.

Olav Brunner

Olav Brunner

Der 74-jährige Aviatik-Experte startete seine Laufbahn als Militärpilot. Später war er 28 Jahre Co-Pilot und Flugkapitän bei der Swissair. Seine fliegerische Karriere beendete er auf dem B-747 Jumbo im Swissair Langstreckennetz. Heute ist er freier Journalist beim «Zürcher Unterländer».

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