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Tunnelgeschichten Gotthard: Der Identitätsfelsen der Schweiz

Berg der Mitte, Lebensader, Bollwerk, Fels in der Brandung der Weltgeschichte oder gar steinerne Seele der Schweiz. Der Gotthard kennt viele Zuschreibungen und ist viel mehr als nur ein Bergmassiv. Weshalb er diesen Status, ja Mythos erreicht hat – ein Interview mit Journalist Helmut Stalder.

Legende: Video Sechs Ansichten zum Gotthard abspielen. Laufzeit 01:57 Minuten.
Aus DOK vom 17.05.2016.

SRF DOK: Der Gotthard ist topografisch keine spektakuläre, ergreifende Bergwelt. Was macht ihn dennoch zum Mythos?

Helmut Stalder: Seit der Gotthard begangen, befahren, durchbohrt und ausgehöhlt wird, haben die Menschen Bedeutungen in ihn hineingelegt, die weit über die Topografie hinausweisen und das Gebirgsmassiv symbolisch aufladen. Viele Metaphern wurden dem Gotthard angeheftet: Berg der Mitte, Schwelle, Keimzelle, Lebensader, Bollwerk, Fels in der Brandung der Weltgeschichte oder gar steinerne Seele der Schweiz. Solche Zuschreibungen halten Botschaften und Deutungen bereit und machen den Gotthard zum zentralen Identitätsfelsen der Schweiz. Der Gotthard ist eine geistige Konstruktion – eben ein Mythos.

Im Mittelalter bestand unter Gelehrten die Ansicht, der Gotthard müsse der Mittelpunkt Europas, ja sogar der höchste Berg Europas sein. Woher rührte diese Überhöhung?

Es fiel den Menschen früh auf, dass der Gotthard Wasser, Klima und Kulturen trennt. Zudem treffen sich hier die vier Hauptalpenkämme in einem Punkt. Solche Naturphänomene verstand man in voraufgeklärten Zeiten als göttliche Zeichen. Und wenn Gott diesen Ort derart auszeichnete, dann musste ihm ja der höchste Rang zukommen. Bedeutende Historiker der Römerzeit waren schon dieser Ansicht, und solche Autoritäten zweifelte man lange Zeit nicht an. Erst 1779 gelang mit barometrischen Messungen der Beweis, dass der Mont Blanc der höchste Berg ist und nicht die Gipfel des Gotthardmassivs.

Nahe am Mythos Gotthard: die Bundesfeier auf der Passhöhe.
Legende: Nahe am Mythos Gotthard: die Bundesfeier auf der Passhöhe. SRF

Inwiefern spielte der Gotthard respektive der Passverkehr bei der Gründung der Alten Eidgenossenschaft 1291 eine Rolle?

Die Eidgenossenschaft wurde nicht 1291 in einem Akt «gegründet». Als eigentliches Staatswesen nahm sie erst im 14. Jahrhundert Formen an. Sie war ein loses Geflecht von Bündnissen, Verträgen und Herrschaftsverhältnissen. Der Gotthardpass mit dem Saumweg war bis in die Neuzeit keine bedeutende internationale Transitroute, wie wir uns das in der Rückschau gern ausmalen. Aber als Regionalverbindung war er wichtig. So war der Gotthardweg im langen Entstehungsprozess der Eidgenossenschaft eine Orientierungslinie, die neben anderen Faktoren die Territorialbildung beeinflusste. Für die Schweiz war es wichtig, die Pässe zu kontrollieren und die Sattelposition zu halten.

Beim Wiener Kongress 1815 zogen die europäischen Grossmächte die Grenzen der heutigen Schweiz neu. Welche Rolle spielte der Gotthard damals bei diesem Schacher?

Frankreich hatte die Schweiz um 1800 besetzt. Napoleon hätte sie auflösen können, aber er annektierte nur das Wallis mit dem Simplon. Aber der Geostratege wusste: Um die strategisch wichtigen Alpenpässe brauchte es eine neutrale Zone, denn keine Grossmacht würde es zulassen, dass die andere sich die Pässe einverleibt. Dieselbe Logik spielte nach Napoleons Niederlage auch am Wiener Kongress. Als Produkt europäischer Rivalitäten etablierten die Grossmächte die Schweiz damals neu – als Pufferstaat um die Alpenpässe. Die Neutralität wurde ihr dabei sowohl zugestanden wie auch von ihr verlangt.

Eisenbahnstrecke durch den Gotthard
Legende: Eisenbahnstrecke durch den Gotthard Keystone

Welche Rolle spielt der Bau der Gotthard-Eisenbahn von 1882?

Der damals längste Tunnel der Welt mit seinen Viadukten und Kehrtunnels war ein technisches Meisterwerk und in den Augen der Zeitgenossen ein Triumph des menschlichen Geistes über die Natur. Kein anderes Bauwerk hat die Schweiz und ihr Selbstbild derart stark geprägt – aussenpolitisch, wirtschaftlich, innenpolitisch und mental. Die Gotthardbahn machte die Sackgasse zur Drehscheibe und gab den Schub, der den Agrarstaat zum vernetzten Industrie-, Wissenschafts- und Finanzplatz machte. In der Gotthardbahn materialisierte sich die Moderne Schweiz, fortschrittlich, liberal, leistungsfähig und mit einer wichtigen Rolle im Staatengefüge Europas. Sie definierte sich fortan als Passstaat, als neutrale Treuhänderin, welche die Alpenpassage für Europa öffnet und offen hält.

Im Zweiten Weltkrieg war der Gotthard der innerste Kern des Reduits. Warum zog sich die Armee dorthin zurück?

Die Deutsche Wehrmacht hatte Frankreich in 40 Tagen niedergewalzt und die Schweiz eingekreist. Eine Verteidigung an der Grenze war aussichtslos. Die Armee musste die Frontlinie verkürzen und an die Berge zurücknehmen, wo der Verteidiger im Vorteil war. Die Pässe und insbesondere der Gotthard mit dem Bahntunnel war in diesem Konzept das Faustpfand. Die Idee war, dass ein Angriff ausbleiben würde, wenn der «Blutzoll» für die Eroberung zu hoch sei und die Tunnels und Brücken ohnehin gesprengt würden. Die Bevölkerung, die ausserhalb des Reduits blieb, schöpfte tatsächlich Hoffnung, aus Einsicht in die militärische Logik, aber auch weil die «Wacht am Gotthard» sich voll deckte mit dem Nationalbewusstsein als Passstaat.

Die Fragen stellte Beat Bieri.

  • Buchcover des Buches «Gotthard – Der Pass und sein Mythos» von Helmut Stalder
    Legende: Helmut Stalder: «Gotthard – Der Pass und sein Mythos» orell füssli

    Helmut Stalder über den Gotthard

    Das Buch ist ein reich bebilderte Porträt eines sagenumwobenen Berges, der seit Jahrhunderten nicht nur Höchstleistungen der Ingenieurskunst im Tunnel- und Strassenbau hervorbringt und die Künste inspiriert. Er ist der mythische Gründungsort der Schweiz. Der Fels, auf dem die Nation ruht.

Zur Person

Zur Person

Helmut Stalder studierte Germanistik, Geschichte und Politische Wissenschaften in Zürich, Frankfurt und New York. Als Journalist und Buchautor arbeitete er beim Tages-Anzeiger, beim Beobachter und ist heute bei der NZZ tätig. Seit Jahren befasst er sich mit politischen Mythen, ihrer Konstruktion und ihren Wirkungen.

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